Meine Reise begann zufällig. Eigentlich suchte ich ein Motorboot, gefunden habe ich einen Motorsegler. Und damit tauchte ich in eine neue Welt ein. In diesem Artikel möchte ich erklären, was Motorsegler ausmacht – ihre Geschichte, ihre Stärken, die Klassiker, und warum sie auf der Nord- und Ostsee so viel Sinn ergeben.

Inhaltsverzeichnis
Was ist ein Motorsegler?
Motorsegler – englisch motorsailer oder fifty-fifty – sind Boote, die bewusst zwischen den Welten stehen. Sie segeln ordentlich, aber sie wurden in ihrer Blütephase als Kompromiss zwischen Motorboot und Segelyacht entwickelt, um beide Antriebsarten zu vereinen und ein ideales Tourenboot für unterschiedlichste Wetterlagen zu schaffen.
Das typische Merkmal eines Motorseglers ist in der Regel ein Steuerhaus, das dich schützt, wenn Wind und Regen querkommen. Typisch ist ein Rigg mit moderater Segelfläche, das solide und gutmütig ist, manchmal als Ketsch geteilt. Und typisch ist eine Bauweise, die weniger auf Leichtwind-Performance, sondern auf Komfort, Sicherheit und Seetüchtigkeit ausgelegt ist. Klassische Motorsegler sind in den aller meisten Fällen Langkieler.
In der heutigen Zeit stellt sich die Frage, warum es diese Boote gibt und was sie von einer regulären Segelyacht unterscheidet, da mittlerweile jede moderne Yacht auch mit einem starken Motor daherkommt und in der Lage ist lange Strecken unter Maschine zurückzulegen. Aber das war nicht immer so!
Wer sich einen direkten Vergleich mit einer Segelyacht aus der gleichen Ära wünscht: ich habe einmal die Fisher 30 Northeaster mit der Vindö 32 verglichen, was die Stärken der Motorsegler aus dieser Zeit sehr deutlich macht.

Die Geschichte der Motorsegler
Die allerersten Motorsegler kamen nicht aus dem Freizeitbereich, sondern aus der Küstenschifffahrt: Zwischen 1890 und 1900 rüsteten Reeder bestehende Frachtsegler mit Hilfsmaschinen aus – erst Petroleummotoren (ab 1888), dann Diesel (ab 1897) und Glühkopfmotoren (ab 1903). In Dänemark und den Niederlanden setzte sich das schnell durch; in Deutschland bremsten die Gilden/Versicherer die Motorisierung bis in die frühen 1920er. In den 1930ern wurde der Motor zum Hauptantrieb, die Besegelung schrumpfte – und aus dem „Motorsegler“ entstand das moderne Küstenmotorschiff. Was man heute kaum weiss: noch bis in die 1960/70er waren in der Tat frachtfahrende Motorsegler im Nord- und Ostseeraum unterwegs, bevor das reine Motorschiff sie endgültig ablöste.
Motorsegler sind damit in der Evolution vom reinen Frachtsegler zum modernen Motorschiff durch stetige Iteration und Weiterentwicklung entstanden.
Die Anfänge – 1960er
Aus dieser Historie kommend entwickelten sich dann die ersten Sportboote mit der gleichen DNA: robust, seetüchtig, gebaut für schlechtes Wetter. In den 60ern wandern diese Tugenden ins Freizeitsegeln. Erstes Bild: viel Verdrängung, Langkiel, ein geschütztes Deckshaus statt offenes Cockpit. Es geht weniger um Performance, mehr um Reichweite, Autonomie und Sicherheit bei Mistwetter. Genau das, was in Nord- und Ostsee zählt.

Die Hochzeit – 1970er bis 1980er
Jetzt werden Motorsegler zur eigenen Gattung. Fisher prägt ab Anfang der 70er das Archetypen-Bild: bullige Silhouette, echtes Steuerhaus, gutmütiges Rigg. Nauticat baut das Prinzip in Serie – Pilothouse-Yachten, oft als Ketsch, tausendfach im Einsatz. LM demokratisiert das Konzept für Familien (LM 27/28 als Volks-Pilothouse).

Daneben Boote wie Nicholson 38, Colvic Watson, Dartsailer. In den Häfen von Nord- und Ostsee liegen überall diese „Boote mit Charakter“. Segeln kann auch heißen: reisen, ankommen, warm und trocken bleiben.
Selbst Hallberg Rassy entwickelte dann 1981 mit dem 94 Kutter einen eigenen Motorsegler mit 33m2 Segelfläche und einem 35 PS Motor und folgte damit dem Trend und der hohen Nachfrage nach diesem Bootstyp. Allerdings in deutlich geringer Stückzahl: Es wurden nur 195 Kutter gebaut, im Vergleich zu über 3.000 Nauticats.

Die Gegenwart – 2010er bis heute
Motorsegler werden heute nur noch selten und in sehr kleiner Stückzahl neu gebaut, aber sie sind aus dem Hafenbild trotzdem nicht völlig verschwunden. Die Fisher Modelle 25, 34 und 37 gibt es in kleiner Serie weiterhin von einer Werft aus Singapur, Nauticat als Marke versucht ein Comeback. Nordhavn hat mit der 56 Motorsailer die große und moderne Interpretation des Konzeptes gezeigt. Aber in der Regel kauft man Motorsegler vor allem gebraucht.

Und Haber Yachts hält die klassische Idee lebendig: Pilothouse-Komfort, variable Tiefgänge für Binnen & Küste, traditionelle Gaff-/Gunter-Riggs – plus kluge Details wie das C4-Schwertsystem zur strömungsbasierten Selbststeuerung. Parallel boomt der Gebrauchtmarkt. Viele Eigner refitten ihre Klassiker: Elektrik neu, Energie autark, Holz pflegen oder ersetzen. So bleiben die Boote im Einsatz – nicht als Nostalgieobjekt, sondern als Reiseplattform mit Seele.
Stärken & Grenzen – aus Erfahrung
Ein klassischer Motorsegler aus den 70iger und 80iger Jahren ist nach heutigen Erwartungen an eine Segelyacht in den aller meisten Punkten vollkommen aus der Zeit gefallen, aber findet trotzdem seine Liebhaber und Fans.
Durch unsere Telsche – eine Fisher 30 Northeaster aus dem Jahre 1978 – spreche ich hier aus Erfahrung und kann folgendes Berichten:
Die Grenzen
Das Platzangebot ist deutlich eingeschränkt. Auch wenn für damalige Verhältnisse 30 Fuss wirklich große Boote waren und bedingt durch Rumpfform viel Platz für Paare und Familien geschaffen wurde, muss nach heutigem Standard klar gesagt werden, dass es eher eng an Bord ist und der eine oder andere blaue Fleck unweigerlich kommen wird.
Die Performance unter Segeln ist nicht vergleichbar mit heutigen Booten. Die Segelflächen vieler Motorsegler aus der Zeit um die 30 Fuss lagen bei gut 30m2 bei einem Leergewicht von locker 6-7 Tonnen. Zum Vergleich: Eine Hanse 315 wiegt heute nur noch 4,7 Tonnen und hat gut 46m2 Segelfläche. Hoch am Wind läuft man mit einem Motorsegler eher nicht und muss bei Wind von vorn definitiv die Maschine mit zur Hilfe nehmen, um halbwegs Raum gutmachen zu können.
Ein kleines Cockpit – oder in manchen Fällen sogar kein Cockpit – verhindert definitiv das sich lange Hinlegen im Sonnenschein auf der Cockpit Bank in Lee. Für wen Segeln sich vor allem draussen im Cockpit abspielt ist ein Motorsegler die falsche Wahl, da der Platz draussen sehr begrenzt ist und zu Gunsten eines Steuerhauses teilweise oder ganz aufgegeben wird.

Die Stärken
Das Steuerhaus ist gerade auf der Ostsee und Nordsee ein echter Saison Verlängerer. Manchmal dampfe ich mit Telsche durch den Regen bei Temperaturen deutlich unter 20 Grad über den Greifswalder Bodden – Barfuss und im T-Shirt im Steuerhaus stehend, gewärmt durch den Refleks Diesel-Ofen – während mir Crews dick eingepackt im Ölzeug frierend in ihrem Cockpit hinter der Sprayhood barrikadiert entgegen kommen.
Der Charme dieser Boote hat bisher eigentlich in jedem Hafen zu Komplimenten und interessierten Gesprächen geführt und wer Teak und Holz liebt ist bei diesen Booten genau richtig. Sie strahlen unter Deck viel Wärme aus und gerade Fisher Boote erwecken manchmal von Außen den Eindruck ggf. ein Holzboot zu sein – obwohl eigentlich alle Motorsegler aus dieser Zeit aus GFK gebaut sind.

Die Seetauglichkeit dieser Motorsegler ist unübertroffen. Eine Fisher 30 hat eine Comfort Ratio von Sage und Schreibe über 43 und geht dabei auch durch die unangenehmen Ostsee Hackwelle wie ein Messer durch die Butter und macht dabei kaum ein Geräusch. Im Vergleich dazu wieder die Hanse 315 mit einer Comfort Ratio von lediglich 22. Das sind zwei völlig andere Erlebnisse an Bord für die Crew bei widrigem Wetter.
Kaufberatung – Holz als stiller Kostenfaktor

Wer jetzt mit dem Gedanken spielt sich eine Fisher, Nauticat oder anderen Motorsegler aus dieser Zeit zu kaufen, sei vorweg ein Thema gesagt – welches ich selbst beim Kauf meiner Telsche vollkommen unterschätzt habe: das viele verbaute Holz und Teak bedarf sehr viel Pflege und beansprucht damit entweder sehr viel der eigenen Zeit oder schlägt sich entsprechend auf die Kosten im Unterhalt durch. Und das Jahr für Jahr.
Ein gebrauchter Motorsegler verursacht viele Folgekosten, die Käufer häufig anfangs unterschätzen – mich nicht ausgenommen.
Beim Kauf meines Bootes war das gesamte Teak an Deck aufwendig lackiert und erst gerade dieses Jahr musste ich hier die Reißleine ziehen und den gesamten Lack abschleifen lassen und damit wieder auf Plege leichtes und Natur belassenes Teak Holz umsteigen, welches nun zwar langsam ausgrauen wird, aber dafür nicht jedes Jahr aufwendige Pflege Bedarf.
Reviergeschichten – Rügen & die Ostsee
Wer nun auch mit dem Fifty-Fifty Virus infiziert ist und tiefer in die Materie einsteigen möchte ist hier genau richtig.! Wir segeln Motorsegler nicht im Vakuum, sondern in einem Revier rund um Rügen voller Geschichten und Abenteuer:
- Rund Rügen – ein Törn mit einigen Überraschungen
- Bei 7 Beaufort – einmal quer über den Greifswalder Bodden
- Durch dichten Nebel – entlang der Ostsee Küste
- In schöne Buchten – um in Ruhe vor Anker zu liegen
- In kleine Häfen – wie den alten Fischerhafen in Thiessow
Wer alle unsere Abenteuer von Anfang bis Ende entdecken möchte, schaut einfach in Telsches Logbuch.
Refit & Technik – unser Alltag
Ein Motorsegler-Klassiker ist nie fertig. Auch unsere Telsche nicht. Refit gehört zum Segeln dazu und auch wir gehen den Weg insbesondere die gesamte Elektronik aus den 70iger Jahren auszutauschen und berichten darüber:
- Solar (FLINsail): unsere ersten Erfahrungen mit dem Solarsegel.
- Bordelektrik (Victron): neu aufgebaut, modernisiert.
- Notpinne: eine Erfahrung, die uns gelehrt hat, wie wichtig Redundanz ist.
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FAQ – Häufig gestellte Fragen
Was kostet ein Motorsegler gebraucht?
Zwischen 30.000 und 70.000 Euro, je nach Zustand und Bootslänge. Aber die Holzpflege und ein notwendiges Refit können die Kosten schnell verdoppeln. Neubauten gibt es ab 100.000 Euro aufwärts.
Ist ein Motorsegler heute noch sinnvoll?
Ja, wenn du Wert auf Komfort, Steuerhaus und Gelassenheit legst. Rein technisch können moderne Segelyachten unter Motor das Gleiche und bieten wesentlich mehr Platz – aber das Lebensgefühl ist ein anderes.
Warum haben Motorsegler ein Steuerhaus?
Weil es schützt, Komfort bietet und die Saison verlängert. Für viele ist das der wahre Unterschied und macht den Reiz eines Motorseglers aus. Segeln von März bis Oktober ohne zu frieren.
Welche Motorsegler gelten als Klassiker?
Insbesondere Fisher, Nauticat, LM – daneben auch Nicholson, Colvic Watson, Dartsailer.
Gibt es noch neue Motorsegler?
Haber baut noch in Serie Boote die man als Motorsegler bezeichnen kann. Fisher werden von einer Werft in Singapur in kleiner Serie nachgebaut. Und Norhavn hat den großen 56 Fuss Motorsegler im Angebot.
Fazit
Motorsegler sind keine Boote für Eile. Sie sind Boote für Ruhe, für Familien, für Menschen, die auch in Regen und Kälte im Norden segeln wollen ohne selbst Nass zu werden oder zu frieren. Vielleicht werden sie heute kaum noch gebaut – aber sie sind lebendig, in jedem Hafen an Nord- und Ostsee anzutreffen.
Für mich ist Telsche mehr als ein Schiff. Sie gehört zur Familie und mit ihr erzähle ich die Geschichten, die Motorsegler heute ausmachen.