Motorsegler gebraucht kaufen – 10 Dinge, auf die man achten muss

Ein Motorsegler hat Seele. Aber einen Motorsegler gebraucht kaufen bedeutet auch: hinter dem Charme alter Boote steckt oft ein riesiger Refit-Berg. Viele Schiffe stammen aus den 1970er- und 80er-Jahren, häufig seit Jahrzehnten im Besitz derselben Eigner. Manche wurden regelmäßig erneuert, andere haben seit 20 Jahren kein Update mehr gesehen. Die Preise für gebrauchte Motorsegler variieren in der Konsequenz daher stark.

Ich selbst habe das beim Kauf unserer Fisher 30 Northeaster erlebt. Der Kauf war ein Herzensentscheid – und gleichzeitig eine Reise durch Elektrik, Motor, Teak und jede Menge Kleinarbeiten.

Einen Motorsegler gebraucht kaufen kann schnell bedeuten, dass die alte Faustformerl: „Du steckst noch mal den Kaufpreis ins Refit“ definitiv hinhaut und man sich mit diversen Folgekosten konfrontiert sieht.

Hier daher meine wichtigsten Learnings und die Punkte, die du unbedingt prüfen solltest, bevor du dich beim Motorboot gebraucht kaufen in den Charme eines Motorseglers verliebst.

1. Elektrik – die unsichtbare Gefahr

Alte Kabelbäume aus den 70ern sind ein Risiko. Oft wurden über die Jahre neue Geräte angeschlossen, alte Kabel aber nie entfernt. Ergebnis: Kabelsalat, schlechte Kontakte, Brandgefahr.

Eine komplette Neuinstallation der Bordelektrik kann schnell fünfstellig werden, oder Dir selbst Wochen lange Arbeit bescheren. Und genau das wird nötig, wenn du noch Originalkabel siehst oder alte Sicherungskästen z.B. mit alten KFZ Sicherungen entdeckst.

👉 Mein Tipp: Schau hinter die Schalttafel. Wenn es nach altem Plastik riecht und die Kabel wie Fossilien wirken – rechne mit einem kompletten Refit.

Motorsegler gebraucht kaufen, bedeutet alte Elektrik kaufen
Motorsegler gebraucht kaufen, bedeutet alte Elektrik kaufen

Und die Kabel und Sicherungen sind nur die eine Seite der Medaille. Bei Telsche habe ich mich dazu entschlossen einen kompletten Refit aller elektronischen Geräte durchzuführen. Victron Energy und Raymarine haben einen kleinen fünfstelligen Betrag von mir erhalten. Und das ohne Arbeitszeit gerechnet.

2. Motor & Laufleistung – mehr Stunden als bei Segelyachten

Ein Motorsegler hat seinen Motor nicht nur für Hafenmanöver. Viele wurden jahrzehntelang mit Diesel gefahren, wenn der Wind zu schwach war oder es gegen den Wind vorwärts gehen musste. Das bedeutet: hohe Laufzeiten, viel mehr Verschleiß als bei einer vergleichbaren Segelyacht.

Frage unbedingt nach:

  • Wie viele Stunden hat der Motor?
  • Wurde er regelmäßig gewartet oder generalüberholt?
  • Gibt es Belege für Ölwechsel und Inspektionen?

Ein Austauschmotor kostet schnell 10.000 € und mehr – und das ohne Einbau. Was ich bei meiner Probefahrt mit Telsche vom Gutachter gelernt habe: vibriert es im Steuerhaus mit laufendem Motor? Riecht es komisch? Springt der Motor nicht sofort an? Läuft er unruhig im Leerlauf? Das alles sind erste Warnsignale.

Wer keine Ahnung von Motoren hat und einen Motorsegler gebraucht kauft, braucht unbedingt jemanden an seiner Seite der sofort erkennt in welchem Zustand ein Motor ist.

Tief unten im Motorraum
Tief unten im Motorraum

3. Holz & Teak – Traum oder Kostenfalle?

Motorsegler sind oft reichlich mit Holz ausgestattet. Es muss gar nicht das komplette Teak Deck sein, was bei den Motorseglern eh unüblich und eher den eleganteren Segelyachten vorbehalten war, aber an einer Fisher ist z.B. trotzdem wahnsinnig viel Teak an Deck verbaut.

  • Teakdeck: Lose Schrauben, alte Fugen, Feuchtigkeit = hoher Sanierungsbedarf.
  • Lackiertes Holz: sieht schön aus, aber Lack reißt, Feuchtigkeit dringt ein und Lack mus jedes Jahr erneuert werden.
  • Patina vs. Pflege: Ein graues, geöltes Teak ist oft ehrlicher als ein glänzender Lack und macht wesentlich weniger Arbeit.

👉 Ein Teak-Refit kostet leicht 20.000–30.000 €. Mich hat der Vorbesitzer von meiner Telsche immer wieder darauf hingewiesen ob ich mir klar darüber bin, was es bedeutet das damals lackierte Teak Holz von Telsche in Stand zu halten. Rückblickend muss ich sagen: mir war es beim Bootskauf nicht klar!

Motorsegler gebraucht kaufen geht mit viel Holzarbeiten einher
Motorsegler gebraucht kaufen geht mit viel Holzarbeiten einher

4. Fenster, Gummis & das Steuerhaus

Das Steuerhaus ist das Markenzeichen vieler Motorsegler – und gleichzeitig eine große Schwachstelle.

Mehr Fenster = mehr Dichtungen = mehr potenzielle Lecks.

  • Prüfe die Gummis: sind sie spröde oder rissig?
  • Gibt es Wasserspuren im Innenraum?
  • Wurde schon mal nachgedichtet oder ausgetauscht?

Neue Fenster und Dichtungen sind aufwändig – aber nötig, wenn das Steuerhaus bei Regen zur Dusche wird. Ich kenne glaube ich keinen Eigner der einen. Motorsegler besitzt und nicht Probleme mit den Fenstern hat. Das Problem ist lösbar und weniger Teuer als Elektrik, Motor oder Holz. Aber trotzdem wichtig sich anzuschauen!

Ein Steuerhaus hat viele Fenster
Ein Steuerhaus hat viele Fenster

5. Stehendes Gut & Segel

Viele Motorsegler wurden gemütlich gesegelt – und manchmal auch vernachlässigt. Das stehende Gut hält nicht ewig. Wenn die Wanten un Stagen noch aus den 80ern stammen, ist ein Austausch Pflicht.

Auch die Segelgarderobe altert. UV-Strahlung macht Stoff brüchig. Selbst wenn Segel selten gefahren wurden, können sie nach Jahrzehnten kaum noch genutzt werden.

Ich dachte in meinem Fall die Segeln sehen noch gut aus und musste dann einen Törn nach Kopenhagen unter anderem deshalb abbrechen weil sich vor meinen Augen die Nähte der Genua aufgelöst haben.

Segler leiden unter UV Licht und müssen häufig getauscht werden
Segler leiden unter UV Licht und müssen häufig getauscht werden

Eine komplett neue Segel Ausstattung kostet schnell einen kleinen fünfstelligen Betrag, je nach Anzahl der Segel, Fläche und Material was man sich vorstellt.

6. Seeventile & Schläuche – kleine Teile, große Gefahr

Ein Klassiker: Schläuche und Seeventile, die seit 30 Jahren unverändert sind.

  • Poröse Schläuche = Gefahr von Wassereinbruch.
  • Alte Seeventile = schwergängig, undicht, im Ernstfall lebensgefährlich.
  • Achte auf Material: Messingventile können nach Jahrzehnten brechen.

👉 Tausche lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Und einmal heftig Rütteln lohnt sich. Ich würde definitiv beim Motorsegler gebraucht kaufen jeden Schlauch anfassen – denn da trügt der Schein schneller als man denkt!

Neue Schläuche sind nicht teuer. Hier wird einem eher zum Verhängnis dass Boote in der Zeit noch wesentlich verwinkelter und komplexer gebaut wurden als heut zu Tage. Die Challenge kann hier werden: wir komme ich da eigentlich wirklich dran, ohne den halben Kahn zerlegen zu müssen?

Ein Boot ist immer auch ein Werkzeug Lager
Ein Boot ist immer auch ein Werkzeug Lager

7. Vorbesitzer, Historie & Gutachter

Die wichtigste Frage: Wie oft wurde das Boot erneuert?

Viele Motorsegler sind seit Jahrzehnten in den Händen derselben Eigner. Das heisst sie wechseln wesentlich seltener den Beistzer. Was erstmal nach einem positiven Faktor klingt, mag hier eher ein Nachteil sein. Viele Eigner sind heute 70ig Jahre oder älter. Die waren vermutlich weniger Segeln die letzten 10 Jahre mit dem Boot als früher und haben auch nicht mehr den Drang gehabt noch groß Dinge auszutauschen. Manche haben alles liebevoll gepflegt. Andere haben das Boot mehr stehen als fahren lassen. Besonders kritisch: Boote, die in den letzten zehn Jahren kaum bewegt wurden.

👉 Grundregel: Niemals ohne Gutachter kaufen. Ein unabhängiger Gutachter sieht Dinge, die du im ersten Verliebtheitsmoment übersiehst und stellt auch dem Eigner die richtigen Fragen, auf die man selbst vielleicht gar nicht kommt.

Meine erste Besichtigung von Telsche. Begeisterung pur!
Meine erste Besichtigung von Telsche. Begeisterung pur!

8. Ein Käufermarkt mit niedriger Liquidität

Der Markt für Motorsegler ist weniger „liquide“ als für andere Boote. Die Nachfrage nach diesen Booten ist eine kleine Nische und es gibt wesentlich weniger Käufer als Verkäufer. Motorsegler gebraucht kaufen bedeutet dass die Verkäufer teilweise sehr lange (teilweise Jahre) auf eine ernstgemeinte Nachfrage warten.

Wer regelmäßig die Anzeigen auf den üblichen Portalen für Motorsegler beobachtet wird schnell feststellen: da passiert bei vielen Modellen nicht viel. Selbst wenn es Klassiker sind.

Das ist als Käufer zwar prinzipiell erstmal gut. Man hat eine gute Verhandlungsposition und bei Telsche ist der Verkäufer am Ende über 20% von seinem Preis nach unten abgerückt. Man muss sich aber auch darüber bewusst sein, dass nachdem man zwar erfolgreich einen Motorsegler gebraucht kaufen konnte – man ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht so schnell wieder verkaufen kann!

Manche Motorsegler wie die Fisher Modelle sind zudem extrem Preisstabil. Inflationsbereinigt kosten diese Boote fast genauso viel wie damals niegel nagel neu in den 70iger Jahren.

9. Motosegler gebraucht kaufen, bedeutet global suchen

Viele zukünftige Eigner die einen Motorsegler gebraucht kaufen, wollen natürlich am liebsten ihr Boot nah am gewünschten Revier erwerben. Aber gerade bei Motorseglern lohnt es sich wirklich weltweit oder zumindest großflächig in Europa zu suchen.

Alles neu mit Victron Energy
Alles neu mit Victron Energy

Wenn man die Möglichkeit hat ein Boot in einem wesentlich besseren Zustand zu finden – z.B. mit moderner Elektronik, komplett erneutem Rigg und top gepflegten Motor – das Boot aber in England, Irland oer Schottland steht, sind die Kosten einer Überführung immer noch ganz klar geringer als die Kosten diese Dinge alle zu erneuern.

10. Mach Dir die Dimensionen an Bord bewusst

Als ich Telsche das erste mal besichtigt habe war mein erster Gedanke: „Wahnsinn, hier können ja 6 Personen drauf schlafen!“ – als ich das ausgesprochen hatte, fing der Eigner an zu lachen und meinte, dass er niemals mit mehr als 3 Personen an Bord sein wollen würde, weil es so eng ist.

Wieviel Platz ist wirklich unter Deck?
Wieviel Platz ist wirklich unter Deck?

Und er hatte recht. Fotos sind trügerisch und suggerieren einem gefühlt immer ein wesentlich größeres Boot, als es in Wirklichkeit ist und wenn man in voller Begeisterung alleine ein Boot besichtigt wird einem erstmal nicht auffallen, wie eng es hier werden kann.

Daher mein Tipp: Beim Motorsegler gebraucht kaufen immer in voller Crew Stärke nach Möglichkeit anrücken und damit auch realisieren, ob man sich wirklich wohl fühlt und in der Praxis genug Platz für alle hätte ohne sich ständig gegenseitig auf den Füßen zu stehen.

Fazit – Verliebe dich, aber schau genau hin

Motorsegler haben Charme. Aber Motorsegler gebraucht kaufen, bedeutet mit hoher Wahrscheinlichkeit hohe Kosten im Refit. Sie sind kleine Schiffe mit Seele. Aber genau das kann gefährlich sein: Man verliebt sich in den Look – und übersieht die Details.

Elektrik, Motor, Teak, Fenster, Rigg, Seeventile – alles Punkte, die schnell den Kaufpreis verdoppeln können. Deshalb: Genieße den Charme, aber verliere den Blick für die Fakten nicht.

Und am Ende: immer mit Gutachter und niemals ohne!

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FAQ – Häufig gestellte Fragen

Was kostet ein Motorsegler gebraucht?

Zwischen 30.000 und 70.000 Euro, je nach Zustand und Bootslänge. Aber die Holzpflege und ein notwendiges Refit können die Kosten schnell verdoppeln. Neubauten gibt es ab 100.000 Euro aufwärts.

Welche Motorsegler gelten als Klassiker?

Insbesondere Fisher, Nauticat, LM – daneben auch Nicholson, Colvic Watson, Dartsailer.

Ist ein Motorsegler heute noch sinnvoll?

Ja, wenn du Wert auf Komfort, Steuerhaus und Gelassenheit legst. Rein technisch können moderne Segelyachten unter Motor das Gleiche und bieten wesentlich mehr Platz – aber das Lebensgefühl ist ein anderes.

Warum haben Motorsegler ein Steuerhaus?

Weil es schützt, Komfort bietet und die Saison verlängert. Für viele ist das der wahre Unterschied und macht den Reiz eines Motorseglers aus. Segeln von März bis Oktober ohne zu frieren.

Gibt es noch neue Motorsegler?

Haber baut noch in Serie Boote die man als Motorsegler bezeichnen kann. Fisher werden von einer Werft in Singapur in kleiner Serie nachgebaut. Und Norhavn hat den großen 56 Fuss Motorsegler im Angebot.

4 Gedanken zu “Motorsegler gebraucht kaufen – 10 Dinge, auf die man achten muss

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