Wer mit Kindern Segeln geht, für den gehört das Management von Seekrankheit bei Kindern unweigerlich dazu. Sie entsteht durch einen Sensorik-Konflikt, wenn Gleichgewichtsorgan (Innenohr) Bewegung registriert, die Augen aber keine oder widersprüchliche Informationen liefern – etwa beim Lesen im Auto oder Sitzen ohne Blick nach draußen.
Kindern im Alter zwischen 2 und 12 Jahren sind besondern anfällig dafür, und wenn Kindern bereits im Auto, im Flugzeug oder Bus schnell schlecht wird – dann kann man sich sicher sein, dass es auf einem Boot nicht anders werden wird!
Ich wende mich in diesem Artikel direkt an die Skipper, die durch ihre Entscheidungen meiner Meinung wesentlich mehr für das Wohlbefinden von Kindern tun können – als jede Einnahme von Vomex leisten kann.

Meine 5 Ratschläge für Törns mit Kindern
1. Den Kindern Seebeine wachsen lassen
Wenn eine Seemann davon spricht, dass sich eine Person erstmal „Seebeine wachsen lassen muss“, meint er damit dass sich der Körper innerhalb von 1-3 Tagen an die Bewegungen auf einem Boot gewöhnen sollte.
Dazu gehören zwei Aspekte:
- Motorisch: Man bewegt sich automatisch flüssiger mit dem Schiff, stolpert weniger, greift rechtzeitig nach Haltepunkten – die Koordination passt sich an das Rollen und Stampfen an.
- Sensorisch/physiologisch: Das Gehirn lernt, die widersprüchlichen Signale von Auge und Gleichgewichtsorgan (Sensorik-Konflikt) besser zu interpretieren, wodurch Seekrankheit nachlässt.
Bei manchen Menschen reichen schon wenige Stunden. Andere brauchen vielleicht eine ganze Woche bis es passiert. Fakt ist: wer mit Kindern beim Boot ankommt und bei 20 Knoten Wind erstmal mehrere Stunden direkt aufs offene Meer hinaus fährt muss sich nicht wundern, wenn die Kinder wenig später über der Reling hängen.
Mein Plan für längere Törns mit Kindern:
- Tag 1: Am ersten Tag werden noch nicht die Leinen losgeworfen, sondern wir verbringen eine Nacht an Bord in der Marina. Durch die leichten Bewegungen des Bootes fängt hier langsam die Gewöhnung an. Man bereitet in alle Ruhe das Boot vor und erkundet mit den Kindern der Heimathafen. Da gibt es mehr als genug zu tun.
- Tag 2: Der erste Schlag ist so kurz wie möglich. 1-2 Stunden in die nächste Bucht oder nächste Marina. Ankern ist dabei durchaus von Vorteil, da es sozusagen die nächste Stufe der Gewöhnung ist, da sich das Boot in einer Bucht mehr bewegt als in der Marina und der Körper sich weiter gewöhnen kann.
- Tag 3: Langsam die Distanz steigern, aber noch keinen Fall hinaus aufs offene Meer, sondern nach Möglichkeit gut unter Landeckung bleiben, so dass der Wellengang noch moderat ist und die Kinder vor allem auch langsam die Angst vor der Seekrankheit verlieren, da sie merken, dass es ihnen wirklich gut geht.
Und spätestens an Tag 4 kann man meiner Meinung dann mehr wagen mit Kindern. Was man nicht unterschätzen darf ist auch der psychologische Aspekt. Wenn es Kindern die ersten drei Tage bereits sehr gut ging wird vermutlich auch der gesamte Törn ein Guter. Wenn schon am 1. Tag einen die Seekrankheit packt, fährt den Rest des Törns die Angst mit, dass einem wieder übel wird.
2. Eine flexible Törnplanung ist ein Muss
Wer kennt sie nicht die ambitionierten Skipper, die gerne Hart am Wind segeln und vor allem eines wollen: Meilen machen. Sie planen ja schon seit Monaten den Törn und haben jeden Schlag bereits im Plotter mit Wegpunkten einprogrammiert. Davon kann jetzt nicht mehr abgewichen werden!

Wer Seekrankheit bei Kindern begegnen will muss sich davon frei machen und die gesamte Törnplanung extrem flexibel gestalten und vor allem vom Wetter abhängig machen.
Ich bin bisher in die dümmsten und gefährlichsten Situationen beim Segeln geraten, weil ich nicht mehr flexibel in meiner Törnplanung gewesen bin und „unbedingt da jetzt hin wollte“ – egal woher der Wind kommt. Egal wie stark es weht.
Wer den Urlaubstörn aber gleich mit der Einstellung beginnt: „wir Segeln dahin wo der Wind uns hintreibt“, wird seinen Kindern einen großen Gefallen tun. Dann entscheidet man danach wo man gut unter Landabdeckung segeln kann, wo man nicht gegen an bolzen muss und wenn der Wind halt stark weht, bleibt man mal einen Tag länger im Hafen oder der Ankerbucht.
3. Einfach mal Beidrehen oder den Kurs ändern
Egal wie sehr man sich Mühe gibt. Das Wetter spielt einem manchmal einen Streich und der 3 stündige Törn in die nächste Bucht bei Raumwind mit Stärke 3-4, wird auf einmal zu einem Kreuzkurs gegenan bei 4-5 Windstärken und dauert damit fast 5 Stunden unter schweren Bedingungen für die Crew.

Das ist für jedes Kind an Bord – welches anfällig ist für die Seekrankheit -ein Albtraum. Was viele Skippern in so einer Situation leider häufig schwer fällt: einfach mal Beidrehen und der Crew eine Verschnaufpause zu verschaffen.
Beidrehen ist leider das vergessene Manöver – viele Skipper wissen nicht genau wie sie mit ihrem Boot schnell effektiv Beiliegen können und für manche ist das Beidrehen genauso ein Graus wie auf der Autobahn eine Rast einzulegen – weil einem dann „alle Autos wieder überholen“ und die gute gemachte Strecke wieder verloren geht.
Dabei ist es enorm effektiv in der Situation von sich anbahnender Seekrankheit und keineswegs nur ein Manöver um einen Sturm abzuwettern! Übrigens auch wenn es den Skipper mal selbst erwischt. Die Bewegungen im Boot lassen sofort dramatisch nach, man kann sich wieder problemlos an Bord bewegen, alle mit Proviant und Wasser versorgen und dann geht es gut gestärkt nach 20-30 Minuten wieder weiter.
Wichtig ist hier: nicht erst Handeln wenn das Kind schon am Erbrechen ist. Sobald sich erste Anzeichen von Seekrankheit zeigen und die Kindern anfangen häufig zu Gähnen und Müdigkeit zeigen würde ich bei widrigen Bedingungen einfach mal kurz Beidrehen und eine kleine Verschnaufpause für alle einlegen, da eh klar ist, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist bis es schlimmer wird.
4. Kindern aktiv beim Segeln mit einbinden
Ich weiss nicht wie oft mir selbst schon der Tipp gegeben wurde: „Schau halt einfach auf den Horizont“ – das ist zwar im Grundsatz richtig, aber so mit das Langweiligste was man einem Kind vorschlagen kann zu tun und was es vermutlich auch nach 2 Minuten wieder lassen wird.

Wesentlich effektiver ist es den Kindern Aufgaben zu geben, die unweigerlich dazu führen, dass der Sensorik-Konflikt nachlässt, weil sie nun Dinge tun die es dem Körper erlauben zu erahnen wie sich das Schiff bewegen wird.
Das bedeutet vor allem Rudergehen, wenn sie schon groß genug sind (im Zweifel auch auf dem Schoss) oder aktiv Ausguck halten: „Behalte die grüne Boje mal für mich im Blick.“ – „Sag mir Bescheid wenn wir nicht mehr direkt auf den Leuchtturm zufahren“ – „Beobachte mal das Boot mit den braunen Segeln und sag mir ob wir uns aufeinander zu bewegen“.
Es gibt eigentlich immer genug auf dem Wasser zu beobachten, was irgendwie einen Sinn und Zweck hat und nach einer spannenderen Aufgabe klingt als einfach nur auf die Horizont zu schauen.
5. Rechtzeitig bei ersten Anzeichen reagieren
Generell gilt: um so früher man handelt um Seekrankheit bei Kindern zu begegnen um so besser. Nicht erst warten bis das Kind zum ersten mal sagt: „Mir ist so schlecht“ – dann ist es meisten schon zu spät – sondern die Kindern wirklich genau beobachten und rechtzeitig überlegen, was man tun kann um umgehend Linderung zu verschaffen.

Ein Kind was sich an Bord erbrechen muss ist auch immer ein Sicherheitsrisiko. Es versetzt in der Regel die ganze Crew in Aufregung und lenkt auch häufig den Skipper ab.
Kinder werden ruckartig Richtung Reling verholt, es werden Tüten und Tüchern gesucht, anderen Crewmitgliedern wird plötzlich schlecht durch den Geruch oder weil sie es nicht Sehen können, wenn jemand sich erbrechen muss. Sowas löst im Zweifel eine richtig schöne Kettenreaktion aus und am Ende ist man an Bord mit mehr mehreren Crew Mitgliedern die plötzlich in den Seilen hängen.
Vomex und andere Medikamente
Und sollte all das trotzdem nicht helfen, macht es meiner Meinung Sinn wenn man ein Medikament den Kindern geben will, es dann auch richtig zu verabreichen.
Vomex sollte eigentlich vor der Abfahrt verabreicht werden. Also bevor überhaupt erste Anzeichen auftreten und ist dann am Effektivsten. Es fühlt sich aber einfach saudoof an damit sehenden Auges die Kinder quasi für den Törn schlafen zu legen – da starke Müdigkeit so eine häufig vorkommende Nebenwirkung ist. Das soll ja auch nicht wirklich Sinn der Sache sein.
Nichts desto trotz ist Vomex so effektiv, dass ich es auch bei ersten Anzeichen immer noch geben würde, wenn ich das Gefühl habe die Kinder werden seekrank und keine Kursänderung, kein Beidrehen, kein Ablenken kann das noch wirklich wieder in Ordnung bringen.
Dann wird sich halt in die Koje verholt und erstmal eine Rund geschlafen, bis man am Ziel angekommen ist.
Fazit – Skipper können selbst viel tun
Ich habe selbst als Kind viel mit Seekrankheit zu tun gehabt und bin auch heute immer noch nicht frei davon. Was mir wichtig ist zu zeigen: ein Skipper kann unabhängig von einem Medikament viele Entscheidungen treffen damit es Kindern an Bord wesentlich besser geht und es ärgert mich wenn ich mitbekomme, dass manch ein Skipper das nicht einsehen will und eigentlich nur den einen Weg kennt: „da muss das Kind halt durch“ und es als eine Frage der Stärke und Abhärtung behandelt.
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FAQ – Häufig gestellte Fragen
Wie lange dauert es, bis Kinder „Seebeine“ bekommen?
In der Regel gewöhnt sich der Körper nach 1–3 Tagen an die Bewegungen eines Bootes. Manche Kinder brauchen nur wenige Stunden, andere fast eine Woche. Deshalb lohnt es sich, Törns in den ersten Tagen bewusst kurz zu halten.
Was sind die ersten Anzeichen von Seekrankheit bei Kindern?
Typische Symptome sind häufiges Gähnen, Müdigkeit, Blässe, Unruhe und schnelle Reizbarkeit. Wenn Kinder beginnen zu klagen, dass ihnen „komisch“ oder „schlecht“ ist, ist Seekrankheit oft schon im vollen Gange.
Hilft es, Kinder aktiv ins Segeln einzubinden?
Ja. Rudergehen, Ausguck halten oder kleine Beobachtungsaufgaben helfen, weil Kinder dadurch den Bewegungen des Bootes vorausspüren können. Das reduziert den Sensorik-Konflikt und macht Seekrankheit deutlich seltener.
Welche Hausmittel können Seekrankheit bei Kindern lindern?
Leichte Snacks wie Cracker oder Bananen, viel frische Luft, ruhiges Atmen und der Blick zum Horizont sind hilfreich. Auch Ingwer (z. B. als Keks oder Bonbon) kann unterstützend wirken.
Wann sollte man Kindern Vomex geben?
Am wirksamsten ist Vomex, wenn es 30–60 Minuten vor dem Ablegen verabreicht wird. Es kann aber auch bei den ersten Anzeichen helfen. Wichtig: Die Dosierung richtet sich nach Alter und Gewicht – im Zweifel immer den Kinderarzt fragen.
Ist Seekrankheit bei Kindern gefährlich?
Meist ist sie harmlos, kann aber den Törn für alle belasten und im Ernstfall ein Sicherheitsrisiko sein. Deshalb sollten Skipper frühzeitig reagieren – durch Kursänderung, Beidrehen oder Pausen – bevor Kinder stark erbrechen müssen.