Nach der ursprünglichen Überführung von Telsche von Berlin nach Rügen stand nun der erste richtige Wochenendtörn auf dem Program. Ansegeln! Das Wetter konnte dafür nicht besser sein: Strahlender Sonnenschein Ende April, bei Windstärke 3-4 aus Ost. Somit perfekte Bedingungen um fast direkt auf der Nord-Süd-Achse zwischen Lauterbach und Greifswald-Wieck einmal hin und her zu pendeln übers Wochenende.

Nach der Anreise am Freitag Abend und einer kalten Nacht bei 6 Grad in Schlafsäcken, laufendem Heizlüfter und prasselnden Regen an Deck, erwachte die Marina Lauterbach am nächsten Morgen unter den ersten Sonnenstrahlen.
Ich habe mir noch den Vormittag Zeit genommen ein paar Dinge auf Telsche in Ordnung zu bringen. So wurden noch mal alle Wanten und Stagen mit ihrer Spannung vermessen und nachgezogen, einiges an Tauwerk an Deck ausgetauscht und ausgebessert, sowie endlich wieder das erste mal Wasser gebunkert und in Summe einfach Klarschiff gemacht.

Der ganze Vormittag verlief gefühlt windstill in der Marina. Die Vorhersage auf Windy zeigte einen langsam auffrischenden Wind von zarten 6 Knoten bis hoch auf maximal 12 Knoten am Nachmittag bei Wellen von vielleicht 20-40 Zentimetern.
So war ich dann mehr als überrascht, dass als wir nach unserem ziemlich verkorksten Ablegemanöver und nach dem Passieren der Insel Vilm wir uns in satten 4 Windstärken wiederfanden. Das war für mich de-facto eine Premiere, da wir auf der Überführung kaum Wind hatten und ich keine richtige Vorstellung davon hatte, wie sich wohl 4 Windstärken bei einem halben Meter Welle auf dem Bodden mit diesem Boot anfühlen würden.
Telsche hat eine Comfort-Ratio von 43 und dieser mathematische Wert – den ich mal irgendwann zufriedenstellend entdeckt hatte – hatte mir immer den Eindruck vermittelt, dass Telsche vermutlich sehr angenehm durch die Wellen steigen würde und im Boot relativ wenig Bewegung zu spüren sein wird. Das war eine klare Fehleinschätzung. Oder zumindest hatte ich mir das alles etwas anders vorgestellt.

Die Crew die Anfangs noch an Deck saß und die Sonne genossen hatte, verholte sich schnell ins Steuerhaus zurück und wunderte sich ebenso wie ich, wie sehr Telsche jetzt in Bewegung kam. Anfangs noch die Situation optimistisch überspielt, wurde dann doch leider wenig später klar, dass hier die Seekrankheit bereits in den Anfängen lag.
Es wurde viel gegähnt, über erste Übelkeit geklagt und wenig später lag meine Crew schlafend in der Achterkoje – für die nächsten 2,5 Stunden.
Mir machten am Steuer stehend zum Glück die ganzen Bewegungen des Bootes nichts aus und zu meiner großen Begeisterung war ich in den nächsten 2 Stunden dabei einen Geschwindigkeitsrekord nach dem nächsten zu brechen.



Es ging los mit 4,5 Knoten unter Segeln. Hurra! Dann auf einmal über 5 Knoten. Was für ein Meilenstein. Und nachdem die Krängung langsam stärker wurde (aber die moderaten 10 Grad nicht überschritt) und mich mehrfach Wellen von der Seite von meiner Sitzbank haben rutschen lassen – und gleichzeitig auch so einiges unten im Salon durch die Gegend geflogen war – machte Telsche auf einmal über 6 Knoten fahrt. Den absoluten Rekord den ich mitbekommen habe waren 6,4 Knoten! Und das wohlgemerkt bei einer maximalen rechnerischen Rumpfgeschwindigkeit von lediglich knapp 7 Knoten.
Das hat wirklich Spaß gemacht! Irgendwann erreichten wir dann die dänische Wiek, gerieten noch beinah in das Startfeld einer kleinen Regatta und dann verliessen uns langsam Wind und Wellen und meine Crew kam wieder aus der Koje gekrochen. Zum Glück ging es ihnen innerhalb kurzer Zeit wieder schlagartig besser.



Der Hafen von Wieck ist wirklich toll. Ein Flusshafen mit Liegeplätzen an der Nord- und Südseite der Ryck. Man sucht sich eine Box mit grünem Schild, quetscht sich zwischen den Dalben hindurch und liegt auf einmal an einem relativ hohen Kai, so dass wir mit Telsche auch locker vorwärts hätten anlegen können und es ausnahmsweise problemlos über den hohen Bug an Land geschafft hätten – ohne ein Treppchen zu benötigen.
Wir machten uns zügig auf den Hafen zu erkunden. Wir hatten Hunger nach dieser Überfahrt über den Bodden von Rügen ans Festland. Es wurde dann letztendlich eine „Kutterscholle“ im Fisch Haus an der Südseite des Flusses für mich: Scholle auf Bratkartoffeln und Speckbohnen.


Natürlich gab es noch ein Eis, der Kleine flitzte auf dem mitgebrachten Fahrrad über die Holzklappbrücke und wir bestaunten die Boote am Kai. Es lag ein riesiger moderner Segler längsseits vor dem Hafenamt, der bestimmt ca. 60 Fuss lang war. Und wir entdeckten auch zwei weitere Fisher Motorsegler unter den zahlreichen Booten! Eine Fisher 30 und eine Fisher 25 in der gleichen Farbe wie Telsche. Allerdings wesentlich besser poliert und mit perfekt lackiertem Teak Holz.



Am nächsten Morgen machten wir direkt nach dem Frühstück die Leinen los, um wieder heim nach Lauterbach zu segeln. Mit der großen Hoffnung an Bord, dass heute die Wettbedingungen etwas weniger Seekrankheit in der Crew zum Vorschein bringen würde. Wir verlassen Wieck durch das Speerwerk, setzten die Segel und hatten in der Tat die ersten 1,5 Stunden erstmal sehr moderate Bedingungen bei traumhaften Sonnenschein.


Aber auch an diesem Tag nahm der Wind und damit auch die Wellen langsam im Laufe des Tages zu. Und auch wenn es definitiv nicht so einer wilder Ritt wurde, wie den Tag zuvor und wir auch nicht mehr über die 4,5 Knoten Geschwindigkeit kamen, fing irgendwann wieder das Gähnen an und am Ende schliefen meine beiden Crew Mitglieder als ich Telsche vor der Insel Vilm in den Wind drehte, um die Segel einzuholen.
Es blieb zum Glück beim Schlafen an beiden Tagen, aber trotzdem stimmte es mich traurig, dass trotz des Sonnenscheins dieser schöne Ausflug davon überschattet wurde, dass es den beiden unter Segeln nicht wirklich gut ging.
Ein Schicksal was auch mich als Kind immer ereilte. Mich aber trotzdem irgendwie nie vom Segeln abgehalten hat – obwohl ich jedes mal auf See die Fische füttern musste und schaute ob das Boot noch gute Fahrt durchs Wasser macht. Ich erinnerte mich wie ich auf dem Weg nach Elba zu einem Ausbildungstörn für den BR-Schein Ende der 90iger Jahre (Vorläufer zum SKS) ich mich auf der gesamten Fährfahrt vom Festland nach Elba auf der Toilette befunden habe und als Häufchen Elend auf der Insel ankam.
Das Anlegemanöver verlief dann glücklicher Weise wesentlich besser als das Ablegen am Tag zuvor. Telsche wurde ordentlich festgemacht, entrümpelt, das Gepäck wieder ins Auto verladen und damit der erste Wochenendtörn dieser Saison zu Ende gebracht.
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4 Gedanken zu “Unser erster Wochenendtörn nach Greifswald-Wieck”