Dänische Wiek: eine Nacht vor Anker mit meinem Motorsegler Telsche

Die dänsiche Wiek war mir anfangs vollkommen unbekannt und Ankern war etwas, was ich bei meiner Vorstellung von Telsche an der Ostsee eigentlich kaum berücksichtigt hatte. Ich war immer der Meinung: „Rund um Rügen gibt es so viele Häfen. Wozu denn dann ankern?“ – letzten Wochenende habe ich dann trotzdem zum ersten mal geankert und dabei meine Meinung um 180 Grad geändert.

Eigentlich sollte das ein langes Wochenende auf Telsche werden mit dem ehrgeizigen Plan in vier Tagen einmal rund Rügen zu machen. Der Wind wäre sehr gut gewesen um von der Marina Lauterbach im Uhrzeiger Sinn eine Rundung zu unternehmen, aber es kam wie häufig anders im Leben und so wurde es nur ein kurzes Wochenende von Samstag auf Sonntag.

Dänische Wiek: ein traumhafter Ankerplatz
Dänische Wiek: ein traumhafter Ankerplatz

Die Dänische Wiek als Ankerplatz

Die Dänische Wiek – früher auch „Dänisches Wick“ genannt – ist eine kleine, geschützte Bucht im Süden des Greifswalder Boddens. Im Prinzip handelt es sich um eine Lagune der südlichen Ostsee, genau dort, wo der Fluss Ryck in die See mündet, gleich bei der Stadt Greifswald. Hinter dem Speerwerk liegt sofort der schöne Stadthafen von Greifswald-Wiek, den wir auch gerne bei Törns Rund Rügen als Zwischenstop anlaufen.

Die Bucht ist überschaubar groß: etwa 2,5 Kilometer breit, 3 Kilometer lang und insgesamt rund 7,5 Quadratkilometer Fläche. Die Wiek ist größtenteils flach, Tiefen zwischen 1 und 4,5 Metern sind typisch. Mit unserem Tiefgang von 1,30 kommen wir hier aber mehr als gut zurecht.

Karte: © OpenSeaMap Contributors (openseamap.org), CC-BY-SA
Karte: © OpenSeaMap Contributors (openseamap.org), CC-BY-SA

Am südwestlichen Ufer liegen die Greifswalder Ortsteile Wieck, Eldena und Ladebow, während sich östlich die Gemeinden Loissin und Kemnitz anschließen. Wer hier unterwegs ist, begegnet schnell der maritimen Geschichte der Region: Der Seehafen Greifswald-Ladebow – früher als „Ölhafen“ bekannt – versorgte einst die Schiffe der DDR-Volksmarine mit Treibstoff. Heute ist er ein wichtiger Wirtschaftshafen. Angesteuert wird das Ganze über ein klar betonntes Fahrwasser, das an der Leuchttonne „Greifswald“ im Bodden beginnt.

Der Name „Dänische Wiek“ geht vermutlich auf die Mönche des Klosters Eldena zurück. Fürst Jaromar I. von Rügen holte im Jahr 1199 dänische Zisterziensermönche in die Region, die das Kloster gründeten und der Bucht ihren Namen gaben.

Von Lauterbach in die Dänische Wiek

Da der Wind wieder mit gut 3 Windstärken von Nord-Ost kam – mit Vorhersage immer mehr auf Ost zu drehen am Sonntag – war das ideale Ziel wieder Greifswald-Wieck. Da ich da aber ja erst jüngst gewesen bin, dachte ich mir: dann probiere ich jetzt doch mal zu Ankern, anstatt wieder in den gleichen Hafen zu fahren.

Kaffee im Steuerhaus
Kaffee im Steuerhaus

Ich war diesmal komplett Einhand unterwegs, erledigte Samstag Vormittag noch ein paar Arbeiten auf Telsche, ging zum EDEKA in Lauterbach für ein wenig Proviant und legte dann nach einem ordentlichen Kaffee unter auffrischendem Wind gegen Mittag ab.

Nachdem ich vor der Insel Vilm noch in letzter Minute einer Gruppe Fischernetze ausgewichen bin, hiess es dann mit raumen Wind die knapp 3,5 Stunden nach Greifwald runterzusegeln. Der Wellengang war sehr angenehm, Telsches Ruder brauchte ich nur alle paar Minuten minimal korrigieren und so vertrieb ich mir die Zeit mit Instagram, Hörbuch hören, aufs Meer schauen, noch mal einen Kaffee aufzusetzen und ein paar Kekse zu naschen.

Der Blick aus dem Fenster war eher trüb, denn entgegen der Wettervorhersage zeigte sich keine Sonne am Himmel, sondern es war bewölkt und in Summe war die Sichtweite sehr beschränkt. An sonnigen Tagen kann man im Prinzip den ganzen Bodden überblicken und alle Ufer am Horizont erspähen. Diesmal kam ich mir beinahe vor wie mitten auf dem Ozean, da ich nämlich strecken Weise gar kein Ufer mehr erkennen konnte.

Da die Nacht vorher erst dieser starke Stonnensturm aufgetreten war (ich habe die Polar Lichter dummer Weise verpennt) und sie im Radio am Morgen noch angesagt hatten, dass GPS durch den Sonnensturm beeinträchtigt sein konnte, fragte ich mich noch kurz wie ich jetzt wohl weiter navigieren würde, wenn das GPS ausfallen würde und ich keine Peilung mit irgendwas an Land herstellen kann. Dann würde mir nur Papierkarte, Koppeln und der Kompass bleiben. Aber zum Glück passierte nichts dergleichen und das Navigationsbesteck blieb unangetastet.

Mit dem Dinghi einfach ans Land

Angekommen in der dänischen Wiek kam dann Tatsache für eine knappe Stunde die Sonne raus. Ich legte Telsche direkt vor ein Stück Strand neben ein weiteres Segelboot und machte mich umgehend daran mein Dingi aufzupusten, da ich an Land paddeln wollte. Das hatte ich witziger Weise noch nie gemacht. Auch nicht bei meinen Ankertouren in Berlin.

Ich habe erstmalig den Anker Alarm von meinem Axiom Plotter ausprobiert und das ist ja wirklich ein super hilfreiches Feature. Ich war mir aber auf Grund der geringen Wassertiefe und der wirklichen langen Kette die ich gegeben hatte sehr sicher, dass Telsche sich nicht vom Fleck rühren würde.

So paddelte ich in meinem kleinen Dingi an Land. Es ist schon lustig. Wenn man den Ankerplatz sucht hat man Angst sich zu nah an die Küste ranzurobben. Wenn man dann aber die verbleibende Strecke im Dingi rudernd zurücklegen muss merkt man: „Boah doch noch ganz schön weit.“

Das Anlanden mit dem Dingi, das Betreten des Strandes und Telsche dort draussen in der Bucht liegen zu sehen, hat dann sehr viel Begeisterung in mir ausgelöst. Was für eine tolle Art zu Reisen! Es hat einfach was von Abenteuer und Entdecker Geist, wenn man mit einem Beiboot auf den Strand aufsetzt, den Fuss an Land setzt, das Dingi aus dem Wasser zieht und dann die Gegend anfängt zu erkunden. Auch wenn es nicht die Südsee oder Karibik ist.

Ich hoffte noch darauf einen fantastischen Sonnenuntergang vom Strand aus über Greifswald geniessen zu können, aber die Vorhersage aus meiner Wetter App blieb wohl den ganzen Tag falsch. Nach einem kleinen Spaziergang ruderte ich dann zurück und bereitete mir ein kleines aber feines Mahl in der Kombüse zu: Alkohol Freies Heineken mit Texas Topf aus der Dose. Ganz der Feinschmecker.

Tolle Sonnenuntergänge über Rügen

Und dann doch noch die ersehnte Belohnung. Ich stand nach meinem Abendbrot an Deck und vor mir spielte sich ein völlig untypischer, aber dennoch beeindruckender Sonnenuntergang ab, wo auf einmal die Wolkendecke aufbrach und es über den schweren dunklen Wolken Lila bis Blau hindurch schien.

Und dann erneute Begeisterung. Dieser Ausblick, diese Stille, diese Weite. Kein Vergleich zu meinen Anker Erlebnissen auf Berliner Seen. Ein Gefühl von Freiheit und Naturverbundenheit machte sich breit und ich saß noch lange draussen auf meinem Vordeck und genoss diesen Moment – bis es mir schliesslich zu kalt wurde und ich mich in meiner Koje hinten in den Schlafsack verkroch, um noch ein wenig Apple TV zu schauen und dann zu schlafen.

Eine lehrreiche Tour zurück nach Lauterbach

Der nächste Morgen began dann so fantastisch, wie der Abend zuvor aufgehört hatte in der dänischen Wiek. Ich sah schon aus meiner Koje wie draußen die Sonne strahlte und offensichtlich die Wolkendecke sich über Nacht verzogen hatte. Bewaffnet mir frischem Kaffee, Decke und Kissen verholte ich mich wieder aufs Vordeck und saß erstmal fast eine Stunde in der Sonne, bevor ich mich dazu aufraffen konnte langsam wieder Klarschiff zu machen.

Das Dingi wollte wieder verstaut werden, ich wollte noch dringend das Dach vom Steuerhaus von den letzten Resten Grünspan befreien und hatte eigentlich noch so viel mehr Pläne – aber die Uhr tickte leider und da ich Abends wieder bei der Familie in Berlin sein wollte, musste ich langsam den Anker lichten.

Meine Tour zurück war dann mehr als nur lehrreich. Irgendwie war ich der Annahme, dass meine Reise zurück so problemlos verlaufen würde wie der Hinweg am Tag zuvor. Doch der Wind hatte nicht weiter auf Ost gedreht, sondern kam jetzt stärker immer noch leicht nördlich, war jetzt mehr eine 4 als eine 3 und entsprechender Schwell hatte sich aufgebaut. Mit der Konsequenz dass ich jetzt einen Amwind Kurs segeln musste.

Das Geschaukel kann man sich vorstellen! So einen starken Wellengang hatte ich bisher nicht erlebt und ich stand die drei Stunden fest abgestützt mit beiden Beinen am Ruder.

Ich tue mich noch schwer damit die Wellengrössen zu schätzen. Es war vermute ich nicht mehr als ein Meter. Aber ich bin zweimal so doll von einer Welle seitlich getroffen worden, dass Wasser hart an alle Fenster vom Steuerhaus geklatscht ist.

Ich hatte bis zu 20 Grad Krängung laut meiner Anzeige und in mir machte sich die Sorge breit wie ich reffen soll, sollte der Wind stärker werden. Ich habe immer noch kein Autopilot und sobald ich das Ruder loslassen würde, würde Telsche erst anluven und dann vermutlich sogar wenden.

An meiner Rollgenua hatte ich am Tag zuvor festgestellt, dass sich manchmal die Leine in der Rolle verklemmt. Bei dem Wellengang auf dem Deck stehen und die Leine entwirren oder gar das Großsegel reffen konnte ich mir nicht vorstellen. Zu gefährlich dass ich das Gleichgewicht verliere. selbst wenn ich angeleint bin will ich mich nicht verletzten sollte ich umfallen.

Und dann sah ich auf der Karte dass ich direkt auf ein Gebiet zuhielt was Navionics zwar als sicher eingestuft hatte wo aber in nur 2,10 Meter Tiefe Steine liegen. Ich habe 1,30 Tiefgang. Aber jetzt muss man ja berücksichtigen dass ich im Wellental deutlich tiefer sein könnte. 80 Zentimeter Spielraum. Tja. Will man irgendwie trotzdem nicht riskieren. Dann sprang der Tiefenmesser plötzlich auf 1,70. Kurze Panik.

Ich beschloss sofort zu wenden und verlor dabei in der Hektik eine meiner Winschkurbeln an die Ostsee. Die andere Kurbel stecke aber dummer Weise noch in der Winsch am Mast. Da komme ich jetzt nicht dran. Der Druck auf der Genua war so stark, dass ich ohne Kurbel die Genua nicht mehr richtig dicht holen konnte. Ich zog mit aller Kraft an der Schot die zweimal um die Winsch gelegt war.

Als ich genug Abstand zu den Steinen gewonnen hatte erneute Wende. Mit erneut alle Kraft die ich hatte die Genua dicht geholt ohne Kurbel. Und dann erstmal Verschnaufpause. Dachte ich.

Stromausfall an Bord und kein GPS

Ich war genau eine Stunde unterwegs, seit dem ich die Dänische Wiek verlassen hatte und wollte nun meine Position ins Logbuch notieren, welche ich immer im Display meines VHF Radios ablese. Da stand aber im Display: „die Batterie hat eine zu geringe Spannung“. Kurzer Check vom SmartShunt zeigte mir 10,85 Volt. Auweia. Ich wunderte mich dass die Plotter überhaupt noch liefen und orientierte mich ab jetzt aber vorerst an meinem Kompass.

Mit dem Kompass navigieren, statt mit GPS
Mit dem Kompass navigieren, statt mit GPS

Ich hatte völlig meinen Stromverbrauch aus den Augen verloren beim Ankern in der Dänischen Wiek und die Batterien scheinen dazu ein weiteres noch ungeklärtes Problem zu haben. Also Maschine angeworfen. Die hat mich zum Glück noch nie im Stich gelassen (klopfe dreimal auf Holz) und mit dem Laufen der Lichtmaschine ging auch die Funke wieder. Es kehrte wieder Ruhe ein.

Und so stampfte ich mir dann Motorsegelnd und Schweiß gebadet durch die Wellen meinen Weg zurück nach Lauterbach. Zum ersten Mal mit Telsche hatte ich den Gedanken: „Ich mache drei Kreuze wenn ich wieder sicher in der Box liege“.

Da sind in Folge gleich mehrere Fehler passiert und die Euphorie über das tolle Anker Erlebnis in der dänischen Wiek, die Eindrücke der Natur, das Gefühl der Freiheit und die Abenteuerlust hatten mich etwas nachlässig werden lassen. Und ich hatte sofort die Quittung bekommen.

Ich bin dann gut angekommen, souverän alleine in meine Box rein und dann erstmal zum Hafen Kiosk marschiert, um mir ein Mittagessen und einen guten Cappuccino zu gönnen.

Ja, das war mal wieder ein Törn aus dem ich viel mitgenommen habe. Bin gespannt was ich als nächstes Lernen werde. Meine Zuversicht und Selbstvertrauen mit Telsche alleine klarzukommen hat es nicht erschüttert. Es hat mich aber daran erinnert sorgfältig zu planen und immer auf alles vorbereitet zu sein.


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FAQ – Häufig gestellte Fragen

Wo liegt die Dänische Wiek?

Die Dänische Wiek ist eine kleine Bucht im Süden des Greifswalder Boddens, direkt an der Mündung des Flusses Ryck bei Greifswald.

Wie tief ist die Dänische Wiek?

Die Bucht ist überwiegend flach. Typische Tiefen liegen zwischen 1 und 4,5 Metern, nur die Fahrrinnen nach Greifswald-Wieck und Ladebow sind tiefer (bis ca. 7 Meter).

Kann man in der Dänischen Wiek gut ankern?

Ja, besonders im zentralen Teil der Bucht. Der Grund ist überwiegend sandig und bietet guten Halt. Durch die geschützte Lage liegt man ruhig, vor allem bei östlichen Winden.

Welche Häfen gibt es in der Nähe?

Direkt an der Dänischen Wiek liegen die Häfen von Greifswald-Wieck und wenn weiter Fluss aufwärts der Museumshafen Greifswald

Ist die Dänische Wiek für Motorboote gesperrt?

Der Südostteil der Bucht ist für Motorboote tabu – hier gilt Naturschutz. Segler sollten die entsprechenden Zonen respektieren.

Warum heißt die Bucht „Dänische Wiek“?

Der Name geht auf das 12. Jahrhundert zurück. Fürst Jaromar I. von Rügen siedelte dänische Zisterziensermönche in Eldena an. Sie gaben der Bucht ihren Namen.

Gibt es Strände an der Dänischen Wiek?

Ja, bekannte Badeplätze sind die Strände in Eldena, Ludwigsburg und die Sandbank bei Wampen. Sie machen die Dänische Wiek auch bei Einheimischen zur „Badewanne von Greifswald“.

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