Einhand Hafenmanöver: 5 Tipps, die mir wirklich geholfen haben

Einhand Hafenmanöver klingt für viele Segler wie die Königsdisziplin. Auch mir hat das anfangs Respekt eingeflößt. Doch nach 18 Monaten mit meiner Fisher 30 Northeaster Telsche habe ich einiges gelernt – und vor allem, dass man mit den richtigen Vorbereitungen auch alleine jedes Hafenmanöver meistert. Hier sind meine fünf wichtigsten Tipps.

1. Mit Leinen arbeiten beim An- und Ablegen

Mir ist mittlerweile klar geworden, dass es für wirklich (fast) jede Situation eine Einhand Lösung gibt, bei der man einfach sehr geschickt und kontrolliert Leinen richtig einsetzen muss.

Ich dachte anfangs ich könnte nur unter optimalen Bedingungen wirklich Einhand mit meinem 30 Fuß Boot An- und Ablegen: Wenig bis kein Wind. Nur auf der Schokoladenseite. Nur wenn genug Platz ist. Eigentlich nur seitlich an einen Steg oder eine Kaimauer. Sonst nicht.

18 Monate später weiss ich, dass man mit der entsprechenden Vorbereitung auch bei ordentlich Seitenwind überall alleine raus- und reinkommt. Egal wieviel Platz ich habe und wie der Liegeplatz genau beschaffen ist. Box, Kaimauer, Mooring, Fingersteg. Eigentlich egal.

Mein größtes Problem war hier am Anfang, dass ich a) nicht genug lange Leinen für die notwendigen Manöver an Bord hatte, b) ich überhaupt nicht intuitiv die möglichen Hebelwirkung verstanden habe und c) ich nicht gut vorhergesehen habe wie der Wind mein Boot vermutlich versetzen wird, sobald ich die Leinen losgeworfen habe und mich durch den Hafen bewege.

Ich habe mittlerweile folgendes Set an Leinen an Bord, mit denen ich gut zurecht komme:

  • 2x 30 Meter lange Leinen (schwimmfähig)
  • 2x 15 Meter lange Leinen
  • 6x 6-10 Meter lange Leinen

… und dass bei einem gut 9 Meter langen Boot. 

Die ganz langen 30 Meter Leinen benutze ich primär als Hilfsleinen um in und aus Boxen zu kommen. Die Box kann somit fast 15 Meter lang sein und ich bekomme die Leinen über die gesamte Länge auf Slip gelegt. Das ist zwar selten notwendig. Geht aber.

Wenn man diese langen Leinen auf Slip alleine vom Steuerstand einholen muss fallen sie aber unweigerlich dabei ins Wasser. Auch wenn ich immer darauf achte in diesem Moment möglichst im Leerlauf zu sein, geht das nicht in jeder Situation und daher ist es wichtig, dass diese Leinen an der Wasseroberfläche schwimmen, um nicht in die Schraube zu geraten.

Die 15 Meter Leinen nutze ich flexibel als weitere Hilfsleinen oder manchmal auch als lange Festmacher. Die sechs bis zu 10 Meter langen Leinen, sind ausschliesslich meine Festmacher für unterschiedlichste Konstellationen, inkl. Springleinen. An vier dieser Leinen sind auch permanent Ruckdämpfer befestigt und diese kommen auch zum Einsatz um Telsche permanent in einem Hafen über Nacht zu vertäuen.

Es gibt meiner Meinung nach zwei allgemeine „Geheimnisse“ beim Einsatz der Leinen.

Das Erste ist, dass die Leinen vor allem immer die LUV Seite des Boots absichern und dafür sorgen, dass es nicht vom Wind vertrieben wird. Jeweils am Heck und am Bug. Manchmal auch Mittschiffs. Die Leinen auf LEE spielen in der Regel nie eine tragende Rolle und werden von mir immer als erstes gelöst und ordentlich weggepackt, sobald es losgehen soll – bzw. als aller letztes beim Anlegen belegt. Das nimmt schon mal ein erstes Stück Komplexität aus der Sache, wenn man alles alleine machen muss.

Für das Manöver selbst überlegt man sich, wie und wo genau jetzt die LUV Leinen auf Slip gelegt werden müssen, so dass man kontrolliert das Boot durch das Manöver mit den Leinen führen kann, während der Motor lediglich eingekoppelt ist.

Meine Leinen sind dabei so lange, dass ich sie in der Regel immer zu meiner Position am Ruderhaus führen kann, wo ich nicht nur zwei Klampen auf beiden Seiten habe, sondern auch jeweils eine Winsch. Jedes Hafenmanöver besteht im Kern daraus vor allem die Leinen zu bedienen und mich so in Ruhe in die richtige Position zu bringen.

Ich lege mittlerweile wirklich selbst bei gefühlter Windstelle nur noch mit Leinen kontrolliert an und ab, da sie auch einen anderen riesigen Vorteil bieten: man kann einfach noch mal das Manöver kurz stoppen und in der Position verharren – bzw. es auch wirklich sehr sehr langsam fahren – wenn man auf einmal realisiert, dass doch noch irgendwas nicht stimmt.

Da hängt noch ein Fender, der gleich an der Dalbe zum Hindernis werden wird. Da droht ein Bootshaken vom Deck zu rutschen. Da hängt auf einmal gefährlich eine Leine achtern übers Heck, man sieht dass doch noch eine Leine total verheddert ist die man gleich brauch wird. Es passieren häufig trotz aller Vorbereitung immer mal wieder so kleine unvorhergesehen Dinge, dass man heilfroh ist, wenn man dann einfach nur die LUV Leinen wieder auf einer Klampe belegt und damit das Boot stabil liegt und man sich kurz um die Sache kümmern kann, bevor es dann wieder weitergeht.

Hat man diese Kontrolle nicht, bricht schnell Hektik aus und das Unheil nimmt seinen Lauf, wenn man auf dem Boot rumrennt und dabei einen keinerlei Leine hält.

Das zweite „Geheimnis“ ist schlichtweg der richtige Einsatz von Hebelwirkung. Sie kann gezielt genutzt werden, um ein Boot zum exakt richtigen Zeitpunkt auch bei starkem Wind zu drehen. Wenn man es richtig macht, sieht es kinderleicht und völlig selbstverständlich aus. Das Boot dreht sich auf magische Art und Weise wie auf Gleisen in die richtige Position.

Ich muss aber selbst zugegeben, dass ich anfangs schon häufig den Hebel völlig falsch eingeschätzt habe und es nicht so lief wie ich mir das dachte und hier mit meinem Boot ein wenig „Try and Error“ notwendig war.

Die wirklich beste Abhilfe hat hier für mich dieses Buch geschaffen. Es wird in sehr anschaulichen Bildern wirklich jedes erdenkliche Manöver durchgegangen und dabei immer entsprechend auch die zum Tragen kommenden Hebelwirkungen erklärt. Hat man hier einmal den Dreh für das eigene Boot raus, sieht man auf einmal jedes Ab- und Anlegen selbst bei starken Wind aus einer ganz anderen Brille. Man weiss: Der Hebel wird funktionieren und die Leinen werden mir ein ganz ruhiges Manöver ermöglichen – und man geht mit einer ganz anderen Zuversicht und Ruhe an die Sache heran.

Daher mein erster Tipp: immer genau vorher durchdenken wie man in einer Situation Leinen einsetzt, um ganz kontrolliert das Manöver zu fahren, ohne irgend etwas dem Zufall zu überlassen. Und dann: üben, üben, üben bis es Routine wird.

2. Zwei Bootshaken sind besser als ein Bootshaken

Eigentlich nur eine Kleinigkeit, aber trotzdem Wert erwähnt zu werden: Auch wenn ich mir immer denke, dass wenn ich zum Bootshaken greifen muss, schon irgendwas anderes mit den Leinen schief gelaufen ist und ich anfange zu improvisieren, will man sich nicht ärgern, dass man gerade am Heck steht und der Bootshaken aber noch am Bug ausser Reichweite liegt.

Ich habe deshalb immer zwei Bootshaken an Bord und vergewissere mich vor dem Manöver, dass ich genau weiss wo sie jeweils am Bug und Heck griffbereit sind. (bei mir hängen sie in den Wanten) Somit gibt es keine böse Überraschung, wenn man sich doch mal irgendwo abdrücken oder heranziehen will, um ein Manöver noch mit reiner Muskelkraft zu retten.

3. Fender stören häufig bei Manövern

Als ich Telsche gerade neu gekauft hatte, hatte ich definitiv jedes mal auf beiden Seiten zur Sicherheit 4 Fender ausgebracht. Es fühlte sich an wie eine gute Absicherung, sollte doch was schief gehen – und man will ja nicht gleich eine Macke im Boot haben.

Mittlerweile habe ich a) nur noch 4 Fender und nicht mehr alle 8 an Deck und b) setze ich sie meist erst nachdem ich in der Box kontrolliert angekommen bin.

Zu häufig werden Fender auch mal selbst zum Hindernis wenn entweder die Box sehr eng ist oder man sich um eine Dalbe dreht. Fender verhangen in gespannten Sorgleinen zwischen Dalbe und Steg, oder als Stopper für eine Leine die eigentlich am Bug entlang laufen sollte, erzeugen auch mehr Stress, als dass sie wirklich helfen. Darüber hinaus stellt das Setzen der Fender an sich ein Risiko dar, wenn man Einhand unterwegs ist.

Wenn man noch vor dem Hafen schon mal alle Fender festmachen will und dabei alleine an Deck herumturnt und Fender ausbringt, kostet das nicht nur wertvolle Zeit, die man nicht am Ruder steht, sondern man läuft durchaus Gefahr genau dabei mal das Gleichgewicht zu verlieren.

Die einzige Ausnahme ist für mich noch, wenn ich in einen Hafen einlaufe, wo ich im Vorfeld schon weiss, dass ich gleich seitlich an einem Steg oder einem Kai festmachen werde. Nur dann mache ich mir noch die Mühe schon mal Fender seitlich festzumachen.

4. Den Abbruch des Manövers im Vorfeld im Geiste planen

Ich denke es ist wichtig, dass wenn man merkt, dass der gesteckte Plan eventuell doch nicht aufgeht, man einfach bewusst das Manöver abbricht und schaut das man noch mal neu startet und wieder etwas Ruhe in die Situation bekommt.

Bietet der Hafen viel Platz würde ich wenn etwas schief läuft – man z.B. das Aufstoppen in der Gasse verpasst hat und starker Rückenwind einen an dem gewünschten Liegeplatz vorbeischiebt – immer einfach noch mal eine Runde drehen – wenn das denn möglich ist.

Ich würde sogar im Zweifel soweit gehen und einfach noch mal wieder den Hafen zu verlassen und in Ruhe zu überdenken was man vor hatte, sich noch mal in Ruhe alle Leinen wieder ordnet und passend hinlegt und dann neu startet, als sich komplett in der Situation zu verzetteln und Panik zu bekommen.

Da dies aber nicht immer möglich ist – da man zum Beispiel in eine wahnsinnig enge Sackgasse eingebogen ist, aus der man jetzt nur noch schwer rückwärts wieder rauskommt – sollte einem auch klar sein, dass es keine Schande ist, erstmal längs zu den Dalben festzumachen und man eine Verschnaufpause einlegen kann.

Das wichtigste ist eigentlich nur, dass man wenigsten eine Leine über eine Dalbe bekommt, um sich abzusichern und aus so einer Position kann man sich auch Schritt für Schritt einen neuen Weg in die Box erarbeiten.

Wenn dabei der Wind das eigene Boot um 180 Grad einmal um die eigene Achse dreht, da man es in der Eile nur geschafft hat an einer und nicht zwei Dalben festzumachen, ist das in der Regel auch kein Weltuntergang, sondern man dreht sich dann halt mit dem Wind – dafür ist immer genug Platz in einer Gasse – und fährt das Manöver dann anders herum noch mal.

Wenn man ruhig bleibt sieht das im Zweifel sogar beabsichtigt aus für Dritte, die schon das Popcorn fürs Hafenkino bereitgestellt haben. Die staunen dann eher was man da für ein cooles Manöver ganz souverän fährt und wie man den Wind für sich nutzt.

Diese Plan B Szenarien einmal im Geiste durchzugehen und sich schon einen konkreten Plan zu machen: „was tue ich wenn es schief geht“ helfen enorm in so einer Situation souverän zu bleiben und die Kontrolle zu behalten.

5. Mit dem Wind gezielt planen und arbeiten

Früher war für mich Wind immer der Angstgegner beim Hafenmanöver. Telsche ist durch die Aufbauten extrem anfällig für Wind und bewegt sich eigentlich immer – selbst wenn man denkt es ist eigentlich Windstill – sobald die Leinen los sind sofort mit der Windrichtung weg.

Man kann sich aber auch den Wind zum Freund machen, wenn man mit ihm im Vorfeld plant.

Da ich einen schweren Langkieler mit starrer Welle habe – und ich kein Bugstrahlruder verbaut habe – ist Telsche ein wirklich schwer zu steuerndes Schiff auf engem Raum. Der Propeller Effekt ist extrem ausgeprägt und während man das Boot auf engem Raum in die eine Richtung hervorragend gedreht bekommt, kann es bei dem leisesten Anflug von Wind in die andere Richtung fast unmöglich werden zu drehen und man vertreibt seitwärts, statt den Bug durch den Wind zu bekommen.

Einfach mal geradeaus rückwärts fahren ist ein Ding der Unmöglichkeit und man ist eigentlich ständig dabei durch gezielte Schubstöße und hart gelegtem Ruder den Kurs von Telsche zu korrigieren.

Daher überlege ich mir immer im Vorfeld ganz genau, welche Boxen für mich ideal geeignet sind in der aktuellen Situation. Durch den rechtsdrehenden Propeller komme ich vorwärts gut in Boxen die auf Steuerboard liegen und rückwärts gut in Boxen die auf Backbord liegen.

Dann bedenkt man den Wind. Meist kommt er irgendwie seitlich zur Box und wenn ich die Wahl habe zwischen einer Box auf Backbord oder Steuerbord nehme ich immer die Box, wo der Wind mir Unterstützung gibt mich zu drehen, anstatt dass er gegen mich arbeitet und das Risiko erhöht, dass ich nicht in die Box komme oder mir es schwer fällt wird aus ihr raus zu kommen.

Grundsätzlich gilt zwar, dass man egal woher der Wind kommt durch den Einsatz der Leinen immer einen Weg findet sich auch gegen den Wind zu drehen – aber warum sich das Leben schwer machen, wenn es auch einfach geht.

Zusammengefasst hat eigentlich das Realisieren, dass man alles sehr kontrolliert über den geschickten Einsatz von Leinen lösen kann und dass man eigentlich in fast jeder Situation auch noch mal einen Plan B abarbeiten kann, um wieder Ruhe und Kontrolle über die Situation zu bekommen, dazu geführt, dass Hafenmanöver einiges an Schrecken verloren haben und ich mittlerweile zwar immer noch viel über das Ab- und Anlegen nachdenke, ich aber deswegen keine Angst mehr habe.

Auch wenn eine gewisse Aufgeregtheit vermutlich niemals verschwinden wird. Insbesondere wenn man zum ersten Mal einen noch unbekannten Hafen ansteuert.

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FAQ – Häufig gestellte Fragen

Wie kann man ein Boot alleine im Hafen anlegen?

Wichtig ist vor allem Vorbereitung: Leinen so legen, dass sie vom Steuerstand aus erreichbar sind, und zuerst immer die LUV-Seite sichern. Mit einer Slip-Leine am Bug oder Heck hat man das Boot sofort unter Kontrolle und kann den Rest in Ruhe nachführen. Entscheidend sind langsame Fahrt, klare Abfolge – und die Bereitschaft, das Manöver lieber noch einmal neu anzusetzen, wenn es nicht passt.

Wie geht man mit Wind beim Einhandmanöver um?

Der Wind ist kein Gegner, sondern ein Faktor, den man gezielt einplanen kann. Besser Boxen wählen, bei denen der Wind unterstützt, statt gegen einen arbeitet. Außerdem helfen Leinen, das Boot auch gegen den Wind ruhig zu drehen.

Welche Leinenlängen sind für Einhandmanöver sinnvoll?

Für ein ca. 9–10 m langes Boot empfiehlt es sich, mindestens zwei 30-Meter-Leinen, zwei 15-Meter-Leinen und mehrere kürzere Festmacher (6–10 m) an Bord zu haben. Lange Leinen geben Flexibilität, kurze dienen als klassische Festmacher.

Was sind die größten Fehler beim Einhand-Anlegen?

– Zu viele Fender, die im Weg sind oder sich verhaken
– Unklare Vorbereitung der Leinen
– Keine Notfallstrategie (Plan B)
– Zu viel Hektik, statt kurz zu stoppen und neu zu starten

Wie wichtig ist ein Bootshaken beim Einhand-Manöver?

Sehr wichtig – auch wenn er oft nur Plan B ist. Zwei Bootshaken an Bord zu haben (Bug & Heck) vermeidet Stress, wenn man kurzfristig abdrücken oder sich heranziehen muss.

Sollte man immer Fender ausbringen, bevor man anlegt?

Nicht unbedingt. Zu viele Fender können das Manöver erschweren. Oft reicht es, sie nach dem kontrollierten Einlaufen in die Box zu setzen. Ausnahme: wenn man sicher seitlich anlegt.

Was tun, wenn ein Hafenmanöver schiefgeht?

Ruhe bewahren, abbrechen, und wenn möglich eine Runde neu ansetzen. In engen Situationen notfalls längs an Dalben festmachen, durchschnaufen und neu sortieren. Niemand erwartet, dass alles beim ersten Versuch klappt.

Braucht man ein Bugstrahlruder zum Einhand-Anlegen?

Nein. Auch ohne Bugstrahlruder lassen sich Manöver über Leinen und geschickte Hebelwirkung kontrollieren. Wichtig ist, die Eigenheiten des Bootes (z. B. Propellereffekt) zu kennen und einzukalkulieren.

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