Telsche

Logbuch eines Motorseglers

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Ein ungeplanter Törn rund um Rügen mit einigen Überraschungen. Teil 1.

Sebastian Küpers
Sebastian Küpers 23.06.2024 · 9 Min. Lesezeit

Dies sollte eigentlich ein Törnbericht über eine viertägige Reise nach Kopenhagen werden, doch das Meer hat mir erstmalig gezeigt, welche unvorhergesehenen Überraschungen es bereithalten kann und machte mir und meiner Crew einen dicken Strich durch die Rechnung.

Es began alles wie geplant. Wir legten am Mittwoch Abend in der späten Abendsonne ab, hatten herrliche 4 Windstärken von hinten, genossen den Sonnenuntergang, schauten noch Fussball und bahnten uns den Weg mit gut 5 Knoten Fahrt aus dem Greifswalder Bodden Richtung Sassnitz heraus.

Nach den ersten drei Stunden hatten wir Thiessow hinter uns gelassen und wollten mit einer Halse Kurs auf die Fahrrinne raus Richtung Ostsee setzen. Der Mond leuchtete jetzt bereits hell, das Leuchtfeuer von der Greifswalder Oje blitze in regelmäßigen Abständen auf und die kurze Nacht brach nun langsam endgültig über uns herein.

Plötzlich der erste überraschende Wetterumschwung. Obwohl der Wind aus West Nord West kam und ich der Meinung war, dass wir durch die Landdeckung vom Mönchsgut mit nicht viel Wellen zu rechnen hatten, wurde es plötzlich extrem schaukelig an Bord und das erste Crew Mitglied klagte erstmalig über beginnende Seekrankheit und verkrümelte sich daher in die Koje.

Wir hielten Kurs in der Fahrrinne hinaus auf die Ostsee und nach 45 Minuten war der Spuk vorbei und die See wieder deutlich ruhiger. Wir waren erstaunt wie hell die zweitkürzeste Nacht des Jahres war und freuten uns schon darauf, dass dies eine sehr kurze Nacht werden würde und wir nicht wie im März von Swinemünde nach Sassnitz über 10 Stunden in absoluter Dunkelheit unseren Weg über die Ostsee bahnen müssten.

Ein Crew Mitglied war bereit die erste Wache ab Mitternacht zu fahren, dem Seekranken ging es wieder besser und so legte auch ich mich hin um ein wenig Schlaf zu finden, um dann die zweite Wache ab 3 Uhr morgens zu übernehmen. Ich wurde schön in den Schlaf geschaukelt und wachte ein paar Stunden später auf. Im Schiff waren jetzt deutlich stärkere Bewegungen zu spüren und wir hatten bereits die Kreideküste querab und den Königsstuhl in Sicht.

Erstaunlicher Weise war es bereits um 3 Uhr morgens wieder deutlich hell am Horizont, der Sonnenaufgang bereits im vollen Gange und die ersten großen Pötte kamen uns nun entgegen.

Als ich mich aufgerichtet hatte wurde mir klar, dass sich die Wellen verändert hatten. Sie waren deutlich länger und höher hier draussen auf der Ostsee, im Vergleich zu den sehr kurzen und steilen Wellen im Bodden. Mein Rudergänger versicherte mir, dass er noch locker eine Stunde weiterfahren kann und so döste ich weiter vor mich hin.

Aber ich wurde bereits ca. 15 Minuten später mit folgendem Satz plötzlich geweckt: „Sebastian steh auf, hier sind auf einmal überall Schaumkronen und das Wetter schlägt um“ – ich stand im Deckshaus und schaute mich um. Was vorhin noch ein ruhiger Morgen war, hatte sich in kürzester zeit in ein ziemlich bedrohliches Szenario verwandelt. Wir hatten plötzlich geschätzt fast 2 Meter hohe Wellen, wesentlich mehr Wind (vermute sechs Windstärken) und Telsche krachte mit ihrem Bug lautstark in die Wellentäler.

Wir purzelten durchs Deckshaus und konnten uns nicht auf den Sitzbänken halten, wenn uns eine Welle ungünstig traf und Telsche wurde deutlich auf die Seite geworfen. Sie richtete sicher immer schnell wieder auf, kämpfte mit gut fünf bis acht weiteren Wellen und dann wurden wir wieder auf die Seite geworfen.

Wie konnte das Wetter innerhalb von 15 Minuten so umschlagen ohne jegliche Vorwarnung?

„Wir müssen reffen!“ – wir hatten noch alle drei Segel für die vorhergesagten 4 Windstärken voll stehen und es war klar, dass wir so nicht weiterfahren konnten. Da mir das Reffen des Großsegels und des Besan bei dem Wellengang erstmal zu gefährlich erschien – da Telsche wirklich große Höhenunterschiede überwinden musste und dabei mittlerweile auch viel Wasser über das Schanzkleid schoß – wollte ich zunächst die Genua reffen und aus der Sicherheit des Deckshauses an der Leine von der Trommel der Rollanlage ziehen.

Es kam wie es kommen musste: die Rollanlage klemmte! Wir zogen mit aller Gewalt zu zweit an der Leine, aber es bewegte sich gar nichts. Mittlerweile war die gesamte Crew wach und hielt sich im Deckshaus fest, während wir uns kurz etwas ratlos anschauten.

Kurz darauf beschlossen wir, dass zwei Leute auf allen vieren nach vorne krabbeln und versuchen die Rollanlage zu fixen. Schwimmwesten an, Schuhe aus und unnötige Kleidung aus und raus ins kühle Naß. Die beiden robbten sich vorsichtig nach vorne, klammerten sich überall fest und es brauchte gut 5 Minuten bis sie das Problem gelöst hatten.

Durch das wirklich hohe Schanzkleid von Telsche, konnte man das relativ sicher tun und es erschien uns immer noch weniger gefährlich, als am Mast stehen zu müssen, um entweder das Groß oder Besan Segel runterzuholen und dabei Gefahr zu laufen das Gleichgewicht zu verlieren.

Als die beiden wieder ins Deckshaus zurück gekrabbelt waren, sahen sie wirklich wie frisch geduscht aus! Die Genua war nun deutlich gerefft, wir hatten weniger Schräglage und damit auch das Gefühl, dass es so erstmal weitergehen konnte. Die beiden verholten sich nach hinten in die Kojen, um sich unter Decken wieder aufzuwärmen und ich wollte die nächsten drei Stunden mich so durch die Wellen kämpfen und Strecke Richtung der Offshore Parks vor Rügen machen.

Laut Vorhersage sollte der Wind im Laufe des Tages abflauen und auch günstig für uns drehen. Ich war optimistisch, dass dieser Spuk schon bald ein Ende haben würde.

Kaum stand ich am Ruder bemerkte ich allerdings, dass ich zum ersten Mal aufstoßen musste und ich deutlich mit Übelkeit zu kämpfen hatte. Ich dachte mir erstmal weiter nix dabei und ging davon aus, dass diese wohl gleich wieder verschwinden würde, wenn ich erstmal Ruder gehe und mich aufs Steuern konzentriere.

Ruder gehen war aber extrem anstrengend! Es war so dermaßen viel Bewegung im Boot und damit kaum möglich sich so im Deckshaus zu verkeilen, dass man nicht das Gleichgewicht verlor. Die Übelkeit blieb hartnäckig und dann drehte der Wind weiter auf Nord, statt wie in der Vorhersage von Windy langsam auf West zu drehen. Ich hatte jetzt einen so harten Amwind Kurs, um meinen Weg zwischen den Windparks zu suchen, dass es noch mal deutlich unangenehmer wurde.

Plötzlich kam eines meiner Crewmitglieder hoch – kreidebleich und deutlich seekrank – und wir öffneten beide fast zeitgleich die Türen seitlich am Deckshaus und begangen heftig die Fische zu füttern. Einer auf Backboard, einer auf Steuerbord. Ich steuerte dabei weiter und der Wind blies so stark von vorn, dass wir beide eine riesige Sauerei an Deck anrichten.

Mein Optimismus war trotzdem noch nicht gebrochen: „Nagut- also einfach alles einmal raus aus dem Magen und danach wird es bestimmt wieder gut.“ Aber dem war leider nicht so. Ich klammere mich wie ein Häufchen Elend ans Ruder und unser dritter Mann an Bord stand sichtlich angeekelt im Ruderhaus und bot an, wieder das Steuer zu übernehmen, damit wir uns hinlegen und erholen konnten.

In der horizontale wurde alles schnell wieder erträglich und so stampften wir erstmal gegen den Wind weiter Richtung Offshore Parks. Ich verfolgte auf Navionics unseren Kurs und Fortschritt am Handy und es war klar, dass wir bald Wenden mussten, um den vor uns liegenden Windpark zu umfahren.

Kap Arkona lag mittlerweile in der Ferne quer ab und die großen Windräder kamen immer näher. Es kam der Moment, wo ich wieder aus der Koje raus musste, um gemeinsam mit meinem Rudergänger die Wende zu fahren. Und dann das nächste Unglück des Tages: beim Fahren der Wende zerlegte es die Genau und sie riß an mehreren Stellen ein und flatterte lautstark in Fetzen auf dem nun anderen Bug.

Mir wurde so schnell erneut schlecht beim Fahren des Manövers, dass ich mich blitz schnell wieder in die Koje verholte, um mich nicht mitten im Ruderhaus übergeben zu müssen. Und spätestens jetzt war klar: nach Kopenhagen schaffen wir es so nicht mehr!

Zwei von drei Crewmiglieder konnten eigentlich nur noch liegen. Der Steuermann hatte zwar einen starken Magen, war aber von der Aktion mit der Rollgenau komplett durchgefroren und müde von der Nacht. Und jetzt hatten wir keine Genua mehr! Wir mussten ablaufen und entschlossen uns Kurs auf Glowe zu setzen.

Und als wäre das alles nicht gut, sprang dann plötzlich die Bilgenpumpe an. Ein Unglück kommt selten allein.

Alleine der Gedanke jetzt aufstehen und in die Bilge schauen zu müssen, hat in mir Übelkeit hervor gerufen und ich bin daher erstmal im Geiste alle Gründe durchgegangen, warum jetzt die Bilgenpumpe läuft. Wir hatten zwar schweres Wetter, aber es konnte nicht sein, dass wir ernsthaft irgendwo einen Wassereinbruch hatten. Viel wahrscheinlicher war die Erklärung, dass sich durch das ganze Wasser der Wellen an Deck, sich durch den Ankerkasten, die offen stehenden Türen oder ein offenes Fenster sich Wasser seinen Weg in die Bilge gesucht hat.

Und in so einem Moment zeigt sich die wirkliche Gefahr der Seekrankheit: Mir ging es in dem Moment so schlecht, dass ich mich nicht aufraffen konnte nachzuschauen. Man entwickelte fast eine Gewisse Gleichgültigkeit und will einfach nur noch so verharren, dass einem nicht wieder schlecht wird. Ich habe einfach nur gedacht: wenn es wirklich was ernstes ist, werden wir es in wenigen Minuten sehen, da die Bilge im Salon sehr flach ist und jeglicher ernsthafter Wasser Einbruch in kürzester Zeit die Bodenplatten überspülen würde.

Und dann zwei Stunden später waren wir endlich da. Die Bodenplatten wurden nicht von Wasser überspült, wir fuhren völlig seekrank ein chaotisches Anlegemanöver und sind dann erstmal alle runter vom Boot und legten uns erschöpft auf den Steg: „Endlich wieder an Land. Geschafft!“

Langsam verflog die Seekrankheit, wir beseitigten die Sauerei an Deck, überprüften die Bilge (Ursache völlig unklar, vielleicht auch einfach eine Fehlfunktion vom Schwimmer) und machten uns dann auf an den Strand, mieteten uns zwei Strandkörbe und erholten uns in der Sonne.

Es ist schon erstaunlich wie Nah Freude und Elend beim Segeln beieinander liegen können. Am Strand war nichts mehr davon zu spüren oder zu sehen, was wir noch wenige Stunden zuvor genau dort draussen am Horizont erlebt hatten. Es war einfach ein sonniger schöner Tag mit ein wenig Wind.

Wir gingen baden, kochten uns Abends etwas zu essen, schauten Fussball und genossen dann noch einen Atem beraubenden Sonnenuntergang, bevor wir wirklich Tod müde in unsere Kojen gefallen sind. Aus dem Kopenhagen Törn, wurde jetzt ein Rund Rügen Törn und im zweiten Teil dieses Berichtes geht es weiter Richtung Hiddensee!

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Kommentare

4 Kommentare

  1. […] Ein ungeplanter Törn rund um Rügen mit einigen Überraschungen. Teil 1. […]

  2. […] soll man möglichst schnell wieder aufsteigen. Das erste mal wieder alleine mit Telsche abzulegen, nach unserem missglücktem Versuch nach Kopenhagen zu segeln, erinnerte mich an dieses […]

  3. […] dachte in meinem Fall die Segeln sehen noch gut aus und musste dann einen Törn nach Kopenhagen unter anderem deshalb abbrechen weil sich vor meinen Augen die Nähte der Genua aufgelöst […]

  4. […] soll man möglichst schnell wieder aufsteigen. Das erste mal wieder alleine mit Telsche abzulegen, nach unserem missglücktem Versuch nach Kopenhagen zu segeln, erinnerte mich an dieses […]

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