Rund Rügen: Über Hiddensee zurück nach Lauterbach. Teil 2.

Nach unseren abgebrochen Törn nach Kopenhagen waren wir also in Glowe gestrandet. Das Wetter hatte uns zum Ablaufen gezwungen und wir stellten noch im Laufe des Tages fest, dass wir nicht die Einzigen waren, denen es so erging. Zwei weitere Yachten haben in Glowe wegen dem unerwarteten Wetter draussen vor dem Kap Arkona an dem Tag Zuflucht gesucht. Zitat von einem anderen Segelpaar, was mit uns ins Schnacken kam:

„Was zum Teufel war da draussen heute bitte los?“

Es war definitiv eine Lektion in Punkto: „glaube nicht einfach blind was auf Windy am Tag vorher steht, wie das Wetter wird.“ – wir sind mit dem Glauben ausgelaufen auf 4 Windstärken zu treffen, die im Laufe des Tages auf dem Weg nach Kopenhagen auf Windstärke 3 abflauen werden und hatten plötzlich geschätzt bis zu 30 Knoten Wind und entsprechend hohe Wellen gefühlt aus dem nichts.

Haben wir wichtige Signale übersehen? Kann ich rückblickend nicht mehr sagen. Vermutlich schon. Hätten wir besser reagieren können? Bestimmt! Rückblickend hätten wir erstmal auf einen Raumschot Kurs wechseln sollen, anstatt hart am Wind gegen diese Bedingungen stumpf weiter anzustampfen und spätestens als zwei von drei Crew Mitgliedern seekrank wurden, hätten wir eigentlich beidrehen sollen, um erstmal Ruhe reinzubringen. Wieder dazugelernt!

Am Abend war aber all dies schon wieder fast vergessen. Es wurde komplett Windstill in Glowe, ein atemberaubender Sonnenuntergang zeichnete sich am Horizont ab, in der Nacht sollte der Wind erst komplett verstummen, dann auf Ost drehen und erst im Laufe des Tages wieder langsam an Kraft bis 4 Windstärken gewinnen. Ideale Bedingungen, um unsere Reise einfach nach Hiddensee fortzusetzen.

Es ist erstaunlich wie sich mit wenigen Stunden Differenz das Meer und das Wetter im allgemeinen so unterschiedlich zeigen kann. Wir liefen am Vormittag in Glowe bei bewölktem Himmel aus, rundeten das Kap Arkona und schon kam die Sonne raus und leichte drei Windstärken schoben uns von hinten sanft die Küste entlang, bis am Horizont langsam Hiddensee auftauchte.

Die am Vortrag gerissene Genua rollten wir nur minimal als kleine Fock aus, die Solar Panels von FLIN verrichten ihren Dienst am Besan Mast und das Großsegel schob uns gemütlich mit 4 Knoten durchs Wasser.

Wir hörten laut Musik, sonnten uns draussen auf dem Dach des Ruderhauses, kochten während der Fahrt was leckeres zu essen und genossen das Leben in vollen Zügen. Welch ein Kontrast zum Tag zuvor!

Das ist vermutlich auch das Geheimnis, warum man trotz schlimmer negativer Erfahrungen beim Segeln immer weitermacht und wieder raus auf Meers fahren will. 3 Stunden bei diesen wundervollen Bedingungen in der Sonne lassen einen einfach alles andere vergessen und überschreiben die Erinnerungen daran, wie man sich noch weniger als 18 Stunden zuvor über der Reling hängend die Seele aus dem Leib gewürgt hat.

Es ging dann nach Vitte Lange Ort. Ich liebe diesen kleinen Naturhafen und seinen Charme. Das Wetter wurde zwar trübe und kurz nachdem wir noch mal am Strand Spazieren waren, kamen auch schon die ersten Regentropfen vom Himmel, aber das sollte der Stimmung keinen Abbruch tun.

Es wurde wieder gekocht, Fußball geschaut, ein kaltes alkoholfreies Bier getrunken und ich liebe es ja gemütlich unter Deck zu sitzen, wenn draussen der Regen lautstark aufs Boot prasselt.

Eigentlich hatten wir unsere Reise nach Kopenhagen bis Sonntag Abend geplant, da aber klar war, dass der nächste Tag wohl sehr regnerisch wird und wir leider unseren Plan Fahrräder auf Hiddensee zu mieten, um zum Leuchtturm zu radeln nicht umsetzen konnten, beschlossen wir einfach am nächsten Tag komplett die gut 8 Stunden bis Lauterbach zurück durchzusegeln.

Der Winde drehte über Nacht wieder auf West und es pfiff am nächsten Vormittag ganz ordentlich. Gut 20 Knoten bei Böen bis zu 25 Knoten war die Devise des gesamten Tages und wir waren heilfroh, dass wir im Schutz der Insel Hiddensee und nicht auf der offenen Ostsee unseren Weg nach Stralsund bahnen konnten.

Es wurde eine sehr nasse Fahrt und ständig schlug Wasser von den Wellen gegen die Scheiben des Deckshauses und der Scheibenwischer verrichte brav seine Dienste, damit wir am Horizont die Kirchtürme von Stralsund immer im Blick behalten konnten.

Kaum waren wir in Stralsund pünktlich ein halbe Stunde vor der Öffnung der Ziegelgrabenbrücke angekommen, öffnete sich der Himmel und die Sonne kam hervor.

Wir fuhren den einen oder anderen Kringel im Hafenbecken zusammen mit drei anderen Yachten und dann öffnete sich die Brücke und wir konnten rüber in den Strelasund fahren, um wieder das Großsegel zu hissen.

Man sollte sich aber nicht von der Sonne täuschen lassen. Der Wind pfiff immer noch mehr als Steif und mein Windmesser zeigte in den Böen auf dem Strelasund immer wieder 25 Knoten und leicht darüber an.

Das bekam auch relativ zügig ein Folkeboot zu spüren, was mit uns durch die Brücke fuhr und dann etwas zu optimistisch alle Segel setzte und prompt in der ersten Böe vor unseren Augen kenterte! Die Crew hat schnell und gut reagiert. Sie klammerten sich fest, warfen die Schoten los und das Boot richtete sich schnell umgehend wieder auf, obwohl die Segel im Wasser lagen. Sie kamen wohl nur mit einem ordentlichen Schrecken davon und zogen dann auch irgendwie unbeeindruckt von dem Ereignis einfach davon.

Wir hingegen setzen nur das Großsegel und als uns die erste Böe traf, hat auch meinen Körper ein Adrenalin Kick erstmal wach gerüttelt. Ich wusste zwar, dass Telsche niemals bei 25 Knoten nur mit dem Groß einfach so kentern würde, wie das Folkeboot vor uns – dafür ist Telsche einfach viel zu schwer und die Segelfläche im Verhältnis wesentlich kleiner – aber trotzdem bekommt man erstmal einen Schreck, wenn sich das Boot ordentlich auf die Seite neigt und man ja nicht 100% weiss, wann die Neigung zum stoppen gelangen wird.

Und dann hiess es: Rekordfahrt. 25 Knoten mit achterlichem Wind macht einfach richtig Spaß und in der Spitze lief Telsche 7,4 Knoten auf dem Strelasund über Grund. Ihre rechnerische Rumpfgeschwindigkeit beträgt 6,7 Knoten!

Wir hatten für knapp 2 Stunden richtig Spaß mit Telsche. Die Sonne schien. Der Wind blies stetig stark aus der gleichen Richtung und wir mussten zwar zweimal Halsen auf dem Strelasund bei dem Wind – haben das aber recht sicher geregelt bekommen und konnte jede Gefahr einer Patenthalse gekonnt meiden.

Ich hätte ja niemals gedacht, dass ausgerechnet auf dem Strelasund sich solch eine Rekordfahrt einstellen würde und ich das beste Segeln mit Telsche bisher erleben würde!

Wir genossen die wirklich einzigartige Küstenlandschaft, bauten pünktlich zu 18 Uhr den Laptop zum Fußball Schauen wieder auf und als wir dann wieder auf dem Greifswalder Bodden die Hafeneinfahrt von Lauterbach im Visier hatten, kam langsam unserer Törn zu einem glücklichen Ende.

Diese Reise war schon außergewöhnlich. Völlig anders verlaufen als geplant. Und innerhalb nur 72 Stunden hatte ich die bisher schlimmste und schönste Segelerfahrung mit Telsche zugleich.

Nach diesem Törn heisst es aber nun trotzdem erstmal Wunden lecken. Ich brauche ein neues Genua Segel, Mastrutscher sind gebrochen, die Bilgenpumpe spielt immer noch verrückt und so einige Sachen sind bei dem Törn entweder zu Bruch gegangen oder haben ihre Schwachstellen offenbart und brauchen ein wenig Zuwendung.

Die nächsten beiden Törns mit Telsche werden wohl eher intensive Arbeitseinsätze ganz in Ruhe im Hafen oder vor Anker irgendwo rund ums Mönchgut.

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