Telsche

Logbuch eines Motorseglers

Die Kreidefelsen des Nationalparks Jasmund über türkisfarbenem Wasser

Unter der Kreideküste von Jasmund

Foto: Ruhrciti, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Noch nicht selbst gelegen Schönwetterplatz 7–8 m nur an zwei Stellen, sonst 10–15 m Nationalpark reicht 500 m aufs Wasser
Sebastian Küpers
Sebastian Küpers 16.08.2026 · 6 Min. Lesezeit

Es gibt im Revier keinen zweiten Blick wie diesen: die weiße Kreidewand von Jasmund, darüber die Buchenwälder des Weltnaturerbes, und man selbst liegt davor vor Anker. Der Platz zwischen Sassnitz und Lohme ist der spektakulärste des ganzen Reviers – und der, bei dem man am ehrlichsten mit sich selbst sein muss.

Die Bedingung

Die Küste läuft nach Osten offen in die Ostsee. Bei Nordost, Ost oder Südost steht dort Schwell und Brandung unter einer Steilwand, an der man nicht liegen will. Der Platz funktioniert ausschließlich bei ablandigem Wind aus westlicher Richtung – dann liegt man im Windschatten der Insel auf glattem Wasser.

Und weil eine ablandige Lage jederzeit kippen kann, ist das ein Tagesankerplatz. Über Nacht bleibt man nur bei stabiler Wetterlage und mit einem festen Plan: Sassnitz liegt nach Süden, Lohme nach Norden, beide in kurzer Reichweite. Wer das nicht als Bedingung akzeptiert, sollte hier nicht ankern.

Zwei Dinge unter Wasser und eines darüber

Unter der Kreideküste liegen Steinfelder und Findlinge – die Gegend ist eiszeitlich geprägt, und was von der Wand fällt, bleibt liegen. Wie dicht das ist, lässt sich abzählen: Um die südliche Ankerstelle sind in den Seezeichendaten von OpenSeaMap innerhalb einer halben Seemeile fünfzehn Steine einzeln verzeichnet, fünf davon innerhalb von fünfhundert Metern, der nächste knapp vierhundert Meter entfernt. Dazu vier Wracks innerhalb einer Seemeile. Die Seekarte ist hier nicht Empfehlung, sondern Voraussetzung; Ankern nach Augenmaß verbietet sich.

Das Zweite ist der Grund, warum man Abstand hält: Von der Kreidewand kommt Steinschlag. Die Küste bricht laufend nach, das ist der Mechanismus, der sie weiß hält. Wer zu dicht unter Land liegt, ankert unter einer Wand, die arbeitet.

Und das Dritte ist die Rechtslage. Der Nationalpark Jasmund endet nicht an der Wasserlinie. Die Verordnung zieht seine Ostgrenze „auf der Ostsee in ca. 500 m Abstand von der Küste, beginnend am Ostrand der Ortslage Lohme“ – der Park reicht also über genau den Streifen, in dem man unter der Kreidewand ankern würde.

Dort greifen zwei Verbote. Das Befahren außerhalb der Fahrwasser ist innerhalb der Schutzzone I untersagt (§ 5 der Befahrensverordnung für den Küstenbereich), und das Nächtigen außerhalb fester Gebäude ist im ganzen Nationalpark verboten (§ 6 Abs. 1 Nr. 12 der Nationalparkverordnung – anders als andere Punkte wurde dieser für die Bundeswasserstraßen nicht aufgehoben). Eine Ankernacht innerhalb dieser 500 Meter ist damit keine Option, und auch ein Tagesstopp dicht unter der Wand liegt in einem Bereich, den man gar nicht erst befahren darf.

Jenseits der 500 Meter ist man aus dem Park heraus, und dann geht der Stopp im Prinzip auch. Nur wird er dort zur Suche nach der passenden Tiefe – dazu unten mehr, denn es sind nur zwei Stellen. Wir haben die Grenze nicht selbst vermessen. Vor einem Stopp gehört deshalb die aktuelle BSH-Seekarte auf den Tisch, und im Zweifel eine Nachfrage beim Nationalparkamt Vorpommern. An Land gelten ohnehin die Betretungsregeln des Nationalparks.

Wo die Kette reicht

Der Reiz des Platzes ist die Nähe zur Wand, die Rechtslage schiebt einen nach draußen – und draußen wird es tief. Vor der Kreideküste sind zehn bis fünfzehn Meter die Regel, direkt unter dem Königsstuhl auch mehr. Wir kennen zwei Stellen, an denen es bei sieben bis acht Metern bleibt:

  • Auf Höhe Kieler Ufer, mit der Steilküste im Westen querab: 54°33,193′ N · 013°41,451′ E. Von Sassnitz kommend relativ am Anfang, eine Viertelseemeile südlich der Gefahrentonne Ko E2. Bis zur Küste sind es gut neunhundert Meter, und weil die Parkgrenze rund fünfhundert Meter vor der Wand läuft, liegt man dort etwa vierhundert Meter außerhalb. Die Karte zeigt sechs bis acht Meter – ein paar Kabellängen weiter östlich sind es sofort zehn bis fünfzehn.
  • Weiter nördlich auf Höhe Hankenufer, dort liegt die Steilküste im Süden. Ebenfalls sieben bis acht Meter, und nach Nordosten fällt es genauso schnell ab. Für den Grund nennt die Karte in diesem Bereich Schlick und Sand. Eine gefahrene Koordinate haben wir für diese Stelle nicht.

Das ist der Unterschied zwischen „geht theoretisch“ und „geht“. Sieben bis acht Meter kriegt fast jede Yacht hin, die auf der Ostsee unterwegs ist – die Kette dafür liegt bei den meisten im Kasten. Zehn bis fünfzehn nicht, jedenfalls nicht auf ein Verhältnis, mit dem man schlafen kann. Dazu verlangt der Platz Wetter, das man sich nicht aussuchen kann: Vor der Kreideküste ankert man im wörtlichen Sinne nur bei Schönwetter – ablandiger Wind, wenig Schwell, und ein Hafen in kurzer Reichweite für den Fall, dass es dreht.

Und es kommt etwas dazu, das in keiner Kettenrechnung auftaucht. Wenn unten etwas schiefgeht – der Anker verhakt sich zwischen Findlingen, die Kette legt sich um einen Stein –, dann will man nachsehen können. Auf sieben Metern geht das: Maske, Flossen, einmal runter und hinschauen. Auf fünfzehn Metern geht es nicht, da bleibt ziehen und hoffen. Ausgerechnet hier, wo Steinfelder unter der Küste liegen, ist genau dieser Fall der wahrscheinliche.

Wie gut es sein kann, wenn alles zusammenkommt, hat uns ein Segler erzählt, der genau in der Mittsommernacht dort lag: totale Flaute, kein Schwell, und eine Nacht, die kaum eine war. Die perfekte Situation – nur eben eine, die man nicht planen kann.

Häufige Fragen

Darf man unter der Kreideküste von Jasmund ankern?

Dicht unter der Wand nicht: Der Nationalpark Jasmund reicht rund 500 Meter auf die Ostsee hinaus, dort ist das Nächtigen außerhalb fester Gebäude verboten, und in der Schutzzone I darf man außerhalb der Fahrwasser gar nicht erst befahren. Weiter draußen ist es erlaubt – dann wird es aber eine Tiefenfrage: Vor der Kreideküste sind zehn bis fünfzehn Meter die Regel, unter dem Königsstuhl auch mehr. Nur auf Höhe Kieler Ufer und auf Höhe Hankenufer bleibt es bei sieben bis acht Metern. Dafür braucht man Kette an Bord und Schönwetter dazu. Voraussetzung bleibt ablandiger Wind aus westlicher Richtung; nach Nordost, Ost und Südost läuft die Küste offen in die Ostsee. Wo die Parkgrenze verläuft, gehört vorher in die Seekarte.

Worauf muss ich beim Ankern vor Jasmund achten?

Auf zwei Dinge: Unter der Küste liegen Steinfelder und Findlinge, die Seekarte ist verbindlich. Und von der Kreidewand kommt Steinschlag – die Küste bricht laufend nach, deshalb ausreichend Abstand halten.

Wohin weiche ich aus, wenn der Wind dreht?

Nach Süden in den Stadthafen Sassnitz, nach Norden in den kleinen Hafen Lohme. Beide liegen in kurzer Reichweite – das ist die Voraussetzung dafür, hier überhaupt zu ankern.

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