Wenn wir heute mit Telsche nach Sassnitz kommen, ist die Hafeneinfahrt schon von weitem zu erkennen. Die lange Mole zieht sich hinaus in die Ostsee, dahinter liegen Fischkutter, Ausflugsschiffe und Yachten, Menschen laufen über die Promenade, am Hafen wird Fisch verkauft, oben beginnt die Stadt. Es ist einer dieser Orte auf Rügen, bei denen Wasser und Stadt unmittelbar ineinander übergehen.
Vor etwas mehr als 80 Jahren sah derselbe Hafen vollkommen anders aus. Es war Krieg, Deutschland stand kurz vor der Niederlage. Aus dem Osten kamen Zehntausende Menschen über die Ostsee, im Hafen und auf der Reede vor Sassnitz lagen Kriegsschiffe, Transporter und Schiffe voller Flüchtlinge und Verwundeter, Züge warteten auf den Weitertransport.
Und am Abend des 6. März 1945 flogen fast 200 britische Bomber Richtung Rügen. Ihr Ziel: Sassnitz.
Die Menschen kamen über die Ostsee
Anfang 1945 brach im Osten das Deutsche Reich zusammen. Die Rote Armee rückte vor, Hunderttausende Menschen flohen aus Ostpreußen, Pommern und anderen Gebieten Richtung Westen. Viele Fluchtwege führten über die Ostsee: Schiffe brachten Flüchtlinge und Verwundete aus Häfen wie Gotenhafen, Danzig und Pillau nach Westen. Diese Evakuierung ist später unter dem Namen Operation Hannibal bekannt geworden.
Sassnitz wurde zu einem der Ankunftsorte. Eigentlich war der Hafen dafür gar nicht besonders geeignet: Große Schiffe konnten nicht ohne Weiteres direkt im Hafen entladen werden, sie lagen teilweise draußen auf Reede, während kleinere Fahrzeuge Menschen an Land brachten. Doch andere Häfen waren überlastet. Also kamen immer mehr Schiffe nach Sassnitz. Und mit ihnen immer mehr Menschen.
Eine Stadt voller Flüchtlinge
Anfang März 1945 verschärfte sich die Situation. Allein am 5. März konnten noch drei Züge mit rund 5.500 Menschen Sassnitz verlassen. Dann fehlten Lokomotiven, weitere Züge blieben im Hafengebiet stehen.
Menschen warteten: Flüchtlinge, Verwundete, Soldaten, Eisenbahner, Hafenarbeiter. Einige hatten bereits eine Flucht über die winterliche Ostsee hinter sich. Für sie sollte Sassnitz nur eine Zwischenstation sein – ankommen, in einen Zug steigen, weiter Richtung Westen.
Doch in der Nacht vom 6. auf den 7. März wurde ausgerechnet dieser überfüllte Hafen zum Angriffsziel.
Sassnitz war gleichzeitig ein militärisches Ziel
Diese Geschichte lässt sich nicht verstehen, wenn man nur die Flüchtlinge betrachtet. Denn Sassnitz war gleichzeitig ein wichtiger deutscher Militärhafen: Kriegsschiffe lagen dort, Marineeinrichtungen befanden sich im Hafen, über Sassnitz liefen militärische Transporte. Und die britische Royal Air Force wusste das.
Das erhaltene Einsatzbriefing für den Angriff vom 6. März formuliert das Ziel ziemlich eindeutig: Feindliche Schifffahrt und Marineanlagen sollten zerstört werden. Der Mittelpunkt des Hafens sollte markiert werden, anschließend sollten die Bomber ihre Last auf mehrere Zielpunkte im Hafenbereich werfen.
Das macht die folgende Nacht nicht weniger schrecklich. Aber es ist wichtig für ihre Einordnung: Sassnitz war kein zufällig ausgewählter Ferienort. Es war ein militärisches Ziel – in dem sich gleichzeitig eine große Zahl von Zivilisten und Flüchtlingen befand. Eine katastrophale Kombination.
191 Lancaster starten
Am 6. März 1945 erhält die No. 5 Group des RAF Bomber Command den Angriffsbefehl: 191 schwere Lancaster-Bomber und sieben Mosquito-Maschinen werden eingesetzt. Die Lancaster ist eines der großen britischen Bombenflugzeuge des Zweiten Weltkriegs – vier Motoren, mehr als 30 Meter Spannweite, mehrere Tonnen Bombenlast.

Und nun fliegen fast zweihundert dieser Maschinen Richtung Rügen. Die Route führt über die Ostsee. Gegen 23 Uhr erreichen die ersten Bomber Sassnitz.
Über der Stadt liegen Wolken
Die Bedingungen sind nicht ideal: Über Sassnitz liegt eine geschlossene beziehungsweise starke Wolkendecke. Zielmarkierungsflugzeuge sollen den Hafen markieren, grüne und rote Zielmarkierungen fallen. Unten liegen Stadt, Hafen und Schiffe dicht beieinander.
Ein Bericht der beteiligten 630 Squadron zeigt, wie schwierig die Situation war: Mehrere Besatzungen greifen einen großen Liner ungefähr eine Meile östlich der Hafenmole an. Bei einer Lancaster funktioniert das Bombenzielgerät nicht richtig, die Besatzung wirft ihre zehn 1.000-Pfund-Bomben schließlich auf die Stadt Sassnitz. Dann fallen überall Bomben.
Der Hafen verschwindet im Feuer
Für die Menschen unten muss es kaum vorstellbar gewesen sein: Explosionen im Hafen, Explosionen in der Stadt, brennende Gebäude, brennende Schiffe, Züge im Hafengebiet, Menschen, die Schutz suchen. Innerhalb kurzer Zeit verwandelt sich Sassnitz in ein Chaos aus Feuer, Rauch und Trümmern.

Auch die Schiffe werden schwer getroffen: Der deutsche Zerstörer Z 28 sinkt, rund 150 Männer der Besatzung sterben. Die U-Boot-Jäger UJ 1109 und UJ 1119 gehen verloren beziehungsweise werden zerstört. Auch das Schiff Robert Möhring, das Verwundete und andere Passagiere transportierte, wird versenkt – 353 Menschen an Bord sterben.
Der ehemalige Passagierdampfer Hamburg, der zu dieser Zeit ebenfalls vor Sassnitz lag, sank dagegen erst am folgenden Tag, als er verlegt werden sollte und auf zwei Minen lief – seine Passagiere waren zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeschifft.
Doch die größte Katastrophe spielt sich nicht nur auf den Schiffen ab. Sie spielt sich an Land ab.
Menschen warten in Zügen
Im Hafengebiet stehen Flüchtlings- und Lazarettzüge. Auch sie werden getroffen: Ein zeitgenössischer deutscher Marinebericht nennt bei einem schwer beschädigten Flüchtlingszug auf den Gleisen 13 und 13a allein etwa 100 Tote. Zwei Lazarettzüge wurden ebenfalls beschädigt.
Das ist vielleicht eines der bedrückendsten Bilder dieser Nacht: Menschen haben den Osten verlassen, sie haben Schiffe bestiegen, sie haben die Ostsee überquert, sie sind in Sassnitz angekommen. Jetzt sitzen sie in einem Zug. Eigentlich ist die gefährlichste Etappe ihrer Flucht vorbei. Und dann fallen Bomben.
Hunderte Menschen sterben
Wie viele Menschen in dieser Nacht tatsächlich starben, lässt sich bis heute nicht auf eine einzige sichere Zahl reduzieren. Viele der Opfer waren Flüchtlinge – Menschen, die nicht in Sassnitz lebten, Menschen auf der Durchreise. Manche Dokumente gingen verloren, andere Menschen befanden sich auf Schiffen.
Je nach Quelle schwanken die Angaben zwischen rund 800 und etwa 1.200 Toten. Sicher ist: Nur 136 von ihnen waren Einwohner von Sassnitz, darunter zehn Offiziere, die im Keller des Bahnhofshotels starben. Die meisten anderen waren Flüchtlinge oder Seeleute.
Viele Namen kennt man. Andere nicht. Die Toten wurden später auf dem Alten Friedhof und auf dem Waldfriedhof Dwasieden beigesetzt. Dort liegen bis heute Massengräber.
Am nächsten Morgen
Irgendwann verschwinden die Bomber wieder über der Ostsee. Zurück bleibt Sassnitz: Der Hafen ist schwer beschädigt, Schiffe liegen gesunken oder brennend im Wasser, Marineanlagen sind zerstört, Gebäude in der Stadt liegen in Trümmern, Kommunikationsverbindungen sind ausgefallen. Überall gibt es Tote und Verletzte.
Und trotzdem ist der Krieg noch nicht vorbei. Noch fast zwei Monate wird weitergekämpft. Noch immer kommen Menschen über die Ostsee, noch immer fahren Schiffe, noch immer versuchen Menschen, nach Westen zu gelangen. Die Maschinerie läuft weiter.
Heute sieht man fast nichts mehr davon
Und genau das ist das Verstörende, wenn man heute nach Sassnitz fährt: Der Hafen funktioniert, Schiffe kommen und gehen, Menschen laufen über die Mole, Kinder essen Eis, Urlauber steigen auf Ausflugsschiffe zu den Kreidefelsen. Wir machen mit Telsche fest und denken darüber nach, wo wir etwas essen gehen.
Wer heute in den Stadthafen einläuft, kommt dabei an einem U-Boot vorbei: der HMS Otus, einem britischen Boot der Oberon-Klasse, seit 2002 als Museumsschiff im Hafenbecken vertäut und zu besichtigen. Mit der Bombennacht hat sie nichts zu tun – gebaut wurde sie erst 1963, fast zwanzig Jahre später. Aber es ist ein merkwürdiger Zufall: Vor mehr als 80 Jahren kamen britische Bomber über diesen Hafen. Heute liegt ein britisches U-Boot friedlich darin und lässt Touristen durch seine Periskope schauen.

Es gibt kaum etwas in diesem heutigen Bild, das einen darauf vorbereitet, was hier am 6. März 1945 passiert ist. Aber die Geografie ist dieselbe: Dort draußen lag die Reede, hier war der Hafen, hier standen die Züge. Über uns war der Himmel voller Bomber. Und im Wasser lagen Schiffe, auf denen Menschen kurz zuvor noch gehofft hatten, endlich in Sicherheit zu sein.
Krieg kennt keine sauberen Kategorien
Vielleicht ist das der schwierigste Teil dieser Geschichte. Der britische Angriff hatte ein militärisches Ziel, das erhaltene Einsatzbriefing lässt daran keinen Zweifel: Im Hafen lagen deutsche Kriegsschiffe, Marineanlagen sollten zerstört werden. Deutschland führte zu diesem Zeitpunkt seit fast sechs Jahren einen Krieg, den das nationalsozialistische Regime begonnen hatte und der weite Teile Europas verwüstet und Millionen Menschen das Leben gekostet hatte.
Und gleichzeitig befanden sich in Sassnitz Tausende Menschen, die vor genau diesem Krieg flohen: Frauen, Kinder, alte Menschen, Verwundete. Sie wurden Teil eines militärischen Ziels, weil Kriegsschiffe, Marineanlagen, Flüchtlingsschiffe, Züge und eine Stadt auf engstem Raum zusammenkamen.
Vielleicht zeigt gerade Sassnitz deshalb so brutal, was Krieg am Ende bedeutet. Auf einer Karte gibt es Ziele: Häfen, Schiffe, Eisenbahnlinien, militärische Infrastruktur. Unten sind Menschen.
Wenn wir heute in den Hafen einlaufen
Wenn wir mit Telsche Sassnitz anlaufen, fahren wir durch genau dieses Wasser: Links die lange Mole, vor uns der Hafen, darüber die Stadt. Alles wirkt vertraut.
Und genau deshalb gehört auch diese Geschichte zu Rügen vom Wasser aus. Nicht weil sie schön ist, nicht weil sie ein Abenteuer erzählt. Sondern weil Landschaft manchmal Dinge verbirgt, die man kennen sollte.
Am Abend des 6. März 1945 war der Hafen von Sassnitz voller Menschen, die hofften, weiterzukommen. Wenige Stunden später waren hunderte von ihnen tot.
Heute hört man dort Möwen, Motoren, Stimmen von der Promenade, vielleicht das Horn eines Schiffes. Der Krieg ist verschwunden. Der Ort ist geblieben. Und wenn man seine Geschichte kennt, läuft man in diesen Hafen ein wenig anders ein.

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