Was als schöner Tagestörn mit der ganzen Familie zum Strand in Thiessow began, endete damit dass wir kurzzeitig manövrierunfähig vor der Insel Vilm umhertrieben.
Aber von vorn: das Wetter war perfekt, um mit der ganzen Familie segeln zu gehen. 3 Windstärken in Böen 4 aus Süd-West mit nur ganz leichtem Wellengang.

So machte sich die sechsköpfige Familiecrew zwischen 4 und 59 Jahre alt auf den ca. 2 stündigen Weg Richtung Thiessow, um dort am Strand baden zu gehen.
Der Tag war perfekt. Keiner wurde seekrank, man sonnte sich an Deck, der Strand war an einem Montag schön ruhig und nicht überlaufen, das Wasser auf der vom Wind geschützten Seite spiegeglatt und lediglich die Tatsache dass sämtliche Restaurants am Montag zu hatten, sorgte für etwas Unmut.


Auf dem Rückweg entschieden wir uns fürs Motosegeln, da der Wind leicht gedreht hatte und jetzt fast von vorn kam, wir aber keine Zeit zum Kreuzen hatten. Alle waren hungrig und wollten Abends zum Italiener und so schob sich Telsche mit gut 5 Knoten unter Motor mit gesetztem Groß gen Sonnenuntergang.
Und kurz vor der Insel Vilm, bevor wir den Kurs auf die Fahrrinne setzten wollte passierte es. Es machte “Klack” und auf einmal ließ sich das Ruder von Telsche drehen, wie ein Rad auf einem Spielplatz Schiff.

Kurze Irritation, Telsche began sich zu drehen und ich dachte: “Oh shit!” Hatte ich mir doch gestern erst Sorgen gemacht und noch hier darüber geschrieben, schon passierte etwas und jetzt war die ganze Familie an Bord.
Motor ausgekoppelt und erstmal in den Kasten geschaut indem das Ruder hängt. Ich konnte aber nichts sofort sehen und mir wurde langsam klar, dass vermutlich ein Drahtseil von der Ruderanlage gerissen war.
Zum Glück hat Telsche eine Notpinne, die unter den Kojen in der Achterkabine verstaut ist und die dann direkt in den Ruderquadranten gesteckt werden kann. Sofort wurde die Achterkabine mit Hilfe der ganzen Familie geklärt, die Notpinne eingesteckt und ich betete dass das klappen wird.

Ich saß dann mit der Pinne in der Hand in der Kajüte, konnte auf den Kartenplotter oben im Steuerhaus schauen und meine Frau half mir zu verstehen wo noch Boote um uns herum sind.
Mit langsamer Fahrt vorwärts testeten wir erstmal die Pinne. In die eine Richtung ließ sich einfach steuern, in die andere Richtung nur sehr schwer und dann drehte auch das Steuerrad wieder mit. Es war also definitiv nur ein Seil gerissen.
Nachdem klar war, dass das funktioniert, stoppten wir wieder auf, ich nahm das Segel runter, holte die Fender raus und bereitete alle Leinen zum Anlegen in die heimische Box vor.
Wie und ob wir da mit der Notpinne wirklich alleine reinkommen würden war mir aber noch völlig unklar. Ich überlegte einen “Pan Pan” Funkspruch abzusetzen und um Hilfe zu bitten – aber auf der anderen Seite könnten wir es auch so schaffen.
Das Hafenmanöver ist mir mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen und ich war mir sicher, dass man das zu zweit definitiv hinbekommt. Meine Frau müsste die Pinne steuern und ich würde am Gashebel stehen.
Kurz bevor wir am Hafen waren setzte ich lediglich einen Funkspruch mit reduzierter Leistung ab, um darauf aufmerksam zu machen, dass wir gleich mit Notpinne unter erschwerten Bedingungen in den Hafen einlaufen würden.
Geantwortet hat keiner und vermutlich hat es auch niemand gehört. Ich schalte meine Funkgerät im Hafen liegend auch immer aus unser Hafenmeister hört meines Wissens auch keinen Funk ab. Und da es schon mittlerweile kurz vor 20 Uhr war, war da auch telefonisch niemand mehr zu erreichen.
In so einem Hafenbecken muss man wirklich extrem präzise steuern und mit der Pinne war das eine Frage von Zentimetern. “ein Zentimeter mehr von Dir Weg!”, “wieder einen Zentimeter zurück!”, “jetzt komplett von Dir abdrücken!”, “jetzt komplett zu Dir ran!” – “Pinne wieder mittig!”
Meine Frau hat wirklich eine Meisterleistung unten an der Pinne vollbracht, die Kindern sind nach mehrfacher Rückversicherung, ob auch alles wieder gut wird, komplett ruhig geblieben und am Ende waren wir wieder sicher in der Box.

Puh – noch mit einer Mischung aus Erleichterung und leichtem Schock in den Knochen machten wir uns direkt auf zum Italiener. Es war definitiv ein toller Tag in Summe, auch trotz dieses Vorfalls und auch wenn uns die Situation mit dem Ruder kurz aus dem Konzept gebracht hat, sind wir souverän damit umgegangen.
Das war definitiv ein Stresstest für die ganze Familie und ich bin froh, dass wir das alle gut gemeistert haben. Mal wieder viel dazugelernt. Jetzt weiß ich wie die Notpinne funktioniert und stellte übrigens später fest, dass es noch einen weiteren Ausleger für die Pinne gibt, der mir erlaubt hätte von oben an Deck durch die Achterluke zu steuern.
Aber das probiere ich dann das nächste mal … aber das wird hoffentlich nicht noch mal notwendig.

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3 Gedanken zu “Mit der Notpinne in den Sonnenuntergang gesegelt”