Heute waren 4-5 Windstärken aus West angesagt, mit Böen die bis 7 Bft gehen können. Durchaus ein Wetter bei dem ich schon den Hafen verlassen habe und mit gut gerefften Segeln einfach raus bin.
Trotzdem habe ich heute nicht abgelegt – um wie eigentlich geplant unter passenden Bedingungen mal ausgiebig das Beidrehen mit Telsche zu üben – sondern bin stattdessen mit der Familie über den Landweg Richtung Kap Arkona aufgebrochen, um mir einmal die Leuchttürme, die ich bereits zweimal vom Meer aus bestaunen durfte, vom Nahen anzusehen.

Der Morgen began mit leichtem Schaukeln auf Telsche und dem Heulen des Windes in den Mästen der vielen Segelyachten in der Marina. Dieses typische Geräusch tritt erst ab einer gewissen Windstärke auf und ist für mich schon immer der erste Indikator für ordentlich Wind da draussen.
Ich wachte mit dem festen Plan auf heute alleine rauszufahren und ging im Geiste schon die Vorbereitung durch, indem ich mir eine Reihe an Fragen stellte: wie würde mich der Wind beim Ablegen vertreiben und wie muss ich die Leinen nutzen, um hier problemlos rauszukommen?
Wenn ich aus der Marina raus bin, bis wohin werde ich Motoren und mich wann, wie genau in den Wind stellen, damit ich die Segel hissen kann?
Was versuche ich diesmal anders zu machen beim Ausrollen der Genua, dass sich nicht wieder die Leine in der Trommel vom Rollmechanismus verhäddert?
Würde ich heute wohl lieber permanent eine Schwimmweste mit meinem PLB tragen und welche Schuhe ziehe ich an, um auf keinen Fall auszurutschen?



Ich vermute jeder Skipper kennt dieses Durchgehen einer inneren Checkliste und die Vorbereitung auf das was da kommen mag. Man geht auch im Geiste durch was alles schief gehen kann, um einen Plan B bereit zu haben.
Was mache ich zum Beispiel, wenn der Motor nicht geht? Meine Antwort: idealer Weise erstmal Windgeschützte Bucht aufsuchen, unter Segeln Ankern und dann in Ruhe nach dem Motor schauen. Ich überlege welche Bucht dafür heute im Falle des Falles in Frage kommt, um mir das nicht erst im Stress überlegen zu müssen.
Was mache ich wenn ich mich verletzten sollte und das Boot nicht mehr alleine in den Hafen bekommen könnte? Meine Antwort: je nach Notfall über Funk ein Pan Pan Pan absetzen und versuchen das Boot entweder Beizudrehen oder auf einen Kurs zu bringen, den es erstmal problemlos lange segeln kann, bis Hilfe eintrifft.
Es gibt viele Dinge die beim Segeln schief gehen können und aus der Erfahrung geht immer irgendwas schief. Meistens sind es nur Kleinigkeiten, die man schnell in den Griff bekommt. Der Anker sitzt zu fest im Grund, die Rollvorrichtung klemmt und man bekommt die Genua nicht eingeholt, etwas geht über Bord oder geht schlichtweg kaputt.


Und während es total sinnvoll ist sich diese Fragen immer wieder zu stellen und sich vorzubereiten, bedeutet es auch sich immer wieder mit all den Dingen auseinanderzusetzen die schief gehen können. Und das geht nicht an einem vorüber, ohne auch ein Gefühl der Verunsicherung zu hinterlassen.
Es wäre ja gelogen zu behaupten, man hätte keine Angst vor diesen Dingen. Klar habe ich Angst mal dumm zu fallen und mir was zu brechen während ich alleine an Bord bin. Klar habe ich überhaupt keinen Bock drauf in eine Situation zu kommen, wo plötzlich der Motor mich im Stich lassen würde (dreimal auf Holz geklopft, dass mir das noch nie passiert ist) und klar habe ich Angst davor, dass das Wetter mal unvorhergesehen so umschlägt, dass ich richtig in Stress gerate, ggf. sogar alleine unterwegs seekrank werde und dann aber raus muss, die Segel alleine reffen und mich weiter zusammenreißen muss, um wieder in die Hafen zu kommen.
Diese Ängste fahren ja durchaus immer mit und es kostet ohne Frage einen immer wieder Überwindung sich zu sagen: „diesen potentiellen Gefahren stelle ich mich aber heute wieder erneut! Ich bin gut vorbereitet, ich weiss was ich tue, ich vertraue mir und meinem Boot. Wird schon alles klappen.“

Es gibt Tage da fällt einem das leicht – man will raus, man hat Hummeln im Hintern und ist guter Dinge. Und es gibt Tage wo man irgendwie ein ungutes Gefühl mit sich im Bauch trägt und es einem definitiv schwerer fällt.
In der Regel lautet meine Devise: „immer raus und die Angst überwinden!“ Und eigentlich ist das auch immer die richtige Entscheidung und man ist später enorm froh, dass man rausgefahren ist, sich seinen Ängsten gestellt hat und vermutlich wieder was neues dazu gelernt hat, was einem mehr Sicherheit gibt, beim nächsten Mal wieder definitiv die Leinen loszuwerfen.
Heute war es aber irgendwie anders. Ich war froh als beim Frühstück mit der Familie die Idee aufkam, ob wir nicht zum Kap Arkona fahren wollen und habe diesmal den Bedenken und Ängsten nachgegeben. Und habe mir passender Weise Leuchttürme angeschaut. Wohl der Inbegriff für die Sicherheit der Seefahrt.



In dem alten (und malerischen) Fischerdorf Vitt wurde mir heute klar, dass Fischer weder den Luxus haben sich das Wetter auszusuchen, noch die Wahl haben, ob sie sich ihren Ängsten stellen wollen, sondern im Prinzip immer da raus müssen. Davor habe ich größten Respekt!
Man begreift erst mit der Zeit wie schnell das Wetter sich hier an der Küste ändert. Was an dem einen Abend noch die spiegelglatte See in einer bezaubernden Ankerbucht war, kann am nächsten Morgen sich bereits in ein brausenden und pfeifenden Kessel voller Wellen mit Schaumkronen verwandelt haben, indem man bei Regen kaum noch die Küstenlinie erkennt und sich überall im Boot abstützen muss um nicht umzufallen.
Freud und Leid sind hier doch meisten nur einen Winddreher und 1-2 Windstärken Unterschied entfernt. Und das kann wirklich schnell gehen. Dass dem so ist, weiss man zwar vorher. Aber wirklich zu verstehen was es bedeutet, ist noch mal etwas anderes.
Ich kann mittlerweile gut nachvollziehen warum glaube ich nicht wenige Leute niemals über 4 Windstärken den Hafen verlassen, sogar eher froh sind wenn es nur 3 Windstärken in der Vorhersage sind und sich wirklich auf das „Schönwettersegeln“ beschränken, um das Risiko einfach möglichst klein zu halten und weniger Stress zu haben.
Das beschränkt einen in der Anzahl der Tage, bei denen man rausfahren kann aber enorm und mein Anspruch ist es definitiv auch bei schlechterem Wetter sicher unterwegs sein zu können, die Ruhe zu bewahren, zu wissen was ich tue und gerade wenn man längere Touren machen möchte, hat man eh nicht mehr wirklich die Wahl, sondern muss durch das was sich da einem entgegen stellt.
Daher wird es wohl eine Auseinandersetzung mit den Ängsten bleiben und das hat sicher etwas Gutes. Und wenn man sich die Fotos von unserem heutigen Ausflug zum Kap Arkona anschaut muss ich sagen: ich bin heilfroh mich heute dafür entschieden zu haben, als auf dem Bodden rumzukreuzen und Beidrehen und Reffen aller Segel zu üben.

2 Gedanken zu “Segeln bedeutet sich mit seinen Ängsten auseinanderzusetzen”