Wer heute an der Schaabe am Strand liegt, sieht wahrscheinlich einen der schönsten Orte Rügens: kilometerlanger Sandstrand, dahinter Kiefernwald, vor einem die offene Ostsee. Links liegt Glowe, weit im Norden Kap Arkona, dazwischen zieht sich die Tromper Wiek in einem großen Bogen entlang der Küste. An einem ruhigen Sommertag sieht sie vollkommen harmlos aus – fast perfekt, geschützt, weit, offen. Ein Ort, an dem man mit einem Boot eigentlich gerne ankern würde.
Vor einigen Jahrhunderten sahen Seeleute diese Bucht vollkommen anders. Sie fürchteten sie. Und zwar so sehr, dass ein Rügener Heimatforscher Anfang des 19. Jahrhunderts ausdrücklich vor ihr warnte.

Eine Bucht mit schlechtem Ruf
Der Rügener Heimatforscher Johann Jacob Grümbke beschreibt die Tromper Wiek 1819 in seinem Werk über die Insel Rügen sinngemäß so: Wehe den Schiffen, die bei bestimmten Winden in diese Bucht geraten.
Das ist bemerkenswert. Grümbke schrieb keinen Schauerroman, sondern eine geographisch-statistische Landesbeschreibung – nüchterne Fachliteratur seiner Zeit. Wenn er es für nötig hielt, ausdrücklich vor dieser einen Bucht zu warnen, muss ihr Ruf unter Seeleuten entsprechend gewesen sein.
Aber warum? Wenn man heute auf die Seekarte schaut, wirkt die Tromper Wiek zunächst gar nicht besonders gefährlich. Keine spektakuläre Felslandschaft, keine engen Fahrwasser, keine Vielzahl kleiner Inseln. Große Teile des Grundes bestehen aus Sand. Und trotzdem konnte genau diese scheinbar einfache Bucht für historische Segelschiffe zur Falle werden.
Bei gutem Wind ein Schutzraum
Das Problem beginnt mit einer Eigenschaft, die die Tromper Wiek eigentlich attraktiv macht. Bei Wind aus westlichen Richtungen liegt die Bucht im Schutz Rügens, Wittow und Jasmund schirmen sie teilweise ab. Für ein Segelschiff, das auf der Ostsee schlechtes Wetter abwettern musste, konnte die große Bucht deshalb zunächst verlockend erscheinen: rein, unter Land ankern, warten, weiterfahren, wenn das Wetter besser wird.
Genau solche Entscheidungen gehörten jahrhundertelang zum Alltag der Seefahrt. Denn ein historisches Segelschiff hatte keinen Motor. Wenn der Wind nicht passte, konnte der Kapitän nicht einfach die Maschine starten und seinen Kurs halten – er musste mit dem arbeiten, was Wind, Segel und Schiff zuließen. Und damit konnte aus einem sicheren Ankerplatz plötzlich eine Falle werden.
Dann dreht der Wind
Stellen wir uns ein Segelschiff vor, das in der Tromper Wiek Schutz gesucht hat. Es ankert vielleicht irgendwo vor der Schaabe. Dann verändert sich das Wetter: Der Wind dreht auf Nordost oder Ost. Jetzt liegt vor dem Schiff plötzlich eine völlig andere Welt. Der Wind kommt von See, er drückt das Wasser in die Bucht, Wellen bauen sich auf. Das Schiff beginnt am Anker zu arbeiten – vielleicht hält er, vielleicht auch nicht. Wenn der Anker zu rutschen beginnt, treibt das Schiff Richtung Küste. Und dort wird das Wasser immer flacher.
Irgendwann kann man nicht mehr zurück
Für moderne Segler klingt die Lösung zunächst einfach: Anker hoch, Motor an, raus aus der Bucht. Für einen Schiffer vor 300 Jahren existierte diese Möglichkeit nicht. Er musste segeln, und historische Segelschiffe konnten je nach Bauart und Takelage erheblich schlechter gegen den Wind fahren als moderne Yachten.
Wenn ein Schiff bei starkem Ostwind bereits weit in die Tromper Wiek hineingedrückt worden war, konnte es passieren, dass es sich nicht mehr freisegeln konnte. Vor ihm lag der Strand, hinter ihm kam der Wind, dazwischen wurde das Wasser immer flacher. Mit jeder Welle kam das Schiff der Küste näher. Und irgendwann gab es keinen Kurs mehr, auf dem es noch hinaus auf die offene Ostsee gelangen konnte.
Ein Bild, das die Gefahr beschreibt
Genau dieses Zusammenspiel aus Wind, Wellen und einem Schiff ohne Fluchtmöglichkeit beschreibt Grümbke in seiner Landesbeschreibung mit einem starken Bild: Bei bestimmten Winden, schreibt er sinngemäß, würden Schiffe geradezu wie von einer unsichtbaren, magnetischen Kraft gegen die Küste getrieben.
Natürlich gab es keine magnetische Kraft. Was Grümbke beschreibt, ist das Zusammenspiel aus Wind, Wellen, Brandung und einem Schiff, das seine Fähigkeit verloren hat, sich aus dieser Situation herauszusegeln. Von außen muss es tatsächlich so ausgesehen haben, als würde etwas das Schiff zum Strand ziehen: Der Kapitän setzt Segel, die Mannschaft arbeitet, vielleicht wird ein Anker geworfen, vielleicht versucht man, das Schiff mit einem weiteren Anker wieder hinauszuziehen. Aber langsam bewegt es sich weiter Richtung Küste.
Und dann kommt die Brandung
Der Strand der Schaabe ist heute genau deshalb so beliebt, weil er über weite Bereiche flach ins Wasser abfällt. Für Badende ist das angenehm. Für ein großes historisches Segelschiff in einem Sturm war es ein Problem: Noch bevor das Schiff den eigentlichen Strand erreichte, geriet es in den flachen Vorstrandbereich, wo die Wellen brechen. Ein Schiff, das quer zur See gerät, wird von jeder einzelnen Welle weiter versetzt. Dann berührt der Kiel den Grund, das Schiff hebt sich mit der nächsten Welle, schlägt wieder auf, hebt sich, schlägt wieder auf. Dabei wirken enorme Kräfte auf den Rumpf: Planken können sich lösen, Verbindungen brechen, Wasser dringt ein, und mit jeder Welle wird das Schiff weiter in den Sand gedrückt.
Grümbke beschreibt sinngemäß, wie es weiterging: Die Brandung habe Schiffe so in den Sand hineingearbeitet, dass sie nicht mehr flottzubekommen gewesen seien. Andere seien auf steinigem Grund regelrecht zertrümmert worden.
Der Strand wird zum Schiffsfriedhof
Und deshalb liegen rund um Rügen bis heute so viele Wracks. In der Zwölf-Seemeilen-Zone vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns sind rund 3.500 archäologische Fundstellen bekannt – von Schiffswracks bis zu untergegangenen steinzeitlichen Siedlungsplätzen. Die meisten Schiffsreste liegen vor Rügen.
Natürlich liegen längst nicht alle davon in der Tromper Wiek. Aber gerade diese Bucht war über Jahrhunderte als gefährlicher Ort bekannt. Unter dem Sand und im flachen Wasser liegen deshalb noch heute Zeugnisse jener Seefahrt. Manche Schiffe kennen wir, von anderen bleibt nur Holz: ein Spant, Planken, Eisen, Ballaststeine. Manchmal lässt sich nicht einmal mehr sicher bestimmen, wie das Schiff hieß.
Das Golfballwrack
2015 untersuchten Unterwasserarchäologen in der Tromper Wiek ein solches Wrack. Sein offizieller Fundplatz trägt die Bezeichnung Wittow 142, unter den Forschern bekam es einen wesentlich schöneren Namen: Golfballwrack. Der Grund ist banal – in der Nähe des Wracks liegt eine auffällige weiße Radarkuppel, die vom Wasser aus wie ein großer Golfball aussieht.
Das Wrack liegt im flachen Bereich der Tromper Wiek und ist ein klassisches Strandungswrack. Genau das macht es für unsere Geschichte interessant, denn sein Zustand erzählt möglicherweise denselben Ablauf, vor dem Seeleute über Jahrhunderte Angst hatten: Ein Schiff gerät bei ungünstigem Wind in die Bucht, es kann sich nicht mehr freisegeln, es wird in den flachen Vorstrand gedrückt. Und dort endet seine Reise.
Der Sand bewahrt, was die See zerstört
Das Interessante an solchen Wracks ist, dass man sie häufig kaum sieht. Holz verschwindet im Sand, Sedimente bewegen sich, Teile werden freigespült, andere wieder zugedeckt. Ein Wrack kann jahrzehntelang fast vollständig verborgen sein. Dann verändert ein Sturm den Meeresboden, plötzlich ragen Hölzer heraus, Archäologen dokumentieren sie – und einige Jahre später kann derselbe Fundplatz wieder unter Sand verschwunden sein.
Die Tromper Wiek ist deshalb nicht nur ein Schiffsfriedhof. Sie ist auch ein Archiv. Nur liegen seine Seiten unter Wasser.
Deshalb entstanden Rettungsstationen
Die Gefahr war so real, dass an der Tromper Wiek schon früh organisierte Seenotrettung aufgebaut wurde. 1855 richtete Preußen in Glowe eine staatliche Rettungsstation ein. Aber auch hier zeigt sich, wie anders Seenotrettung damals funktionierte: Die Retter besaßen zunächst nicht einfach ein schnelles Rettungsboot. In Glowe stand ein sogenannter Manby-Mörser, mit dem man eine Leine zu einem gestrandeten Schiff schießen konnte. Später wurde die Station mit einem Raketenapparat ausgestattet. Die Idee war einfach: Wenn das Schiff nicht mehr vom Strand wegkam, musste man die Menschen vom Schiff zum Strand bekommen.

Eine Rakete gegen die Brandung
Man muss sich diese Rettung einmal vorstellen. Draußen liegt ein gestrandetes Schiff, zwischen ihm und dem Strand brechen die Wellen. Ein normales Ruderboot hinauszuschicken wäre möglicherweise selbstmörderisch. Also stehen die Retter am Strand, richten einen Raketenapparat auf das Schiff. An der Rakete hängt eine dünne Leine, sie wird über das Wrack geschossen. Die Besatzung greift die Leine und zieht damit stärkere Taue an Bord – so entsteht schließlich eine Verbindung zwischen Schiff und Land, über die Menschen geborgen werden können.
Heute wirkt das fast unglaublich improvisiert. Damals konnte genau diese Technik den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.
Auch Lohme bekommt eine Station
1874 entstand auf der anderen Seite der Tromper Wiek in Lohme eine weitere Rettungsstation. Auch sie besaß kein Rettungsboot, nur einen Raketenapparat. Glowe und Lohme waren damit ungewöhnliche Stationen: Ihre Aufgabe bestand vor allem darin, Menschen von Schiffen zu retten, die bereits an der Küste festsaßen. Das erzählt viel über das typische Unglück in dieser Bucht. Die Gefahr lag nicht unbedingt weit draußen auf See. Sie lag auf den letzten hundert Metern, dort, wo aus Wasser plötzlich Brandung wurde.
Und dann kommt die Mynden
Wir kennen eine Geschichte aus dieser Gegend bereits sehr genau. 1718 steuerte die dänische Fregatte Mynden die Tromper Wiek an – sie begleitete Handelsschiffe und suchte einen geeigneten Platz, um günstigeren Wind abzuwarten. Dann geriet sie vor Arkona auf eine Untiefe, der Rumpf wurde beschädigt, das Schiff sank. Heute liegt das Wrack vor Kap Arkona.
Die Mynden ist damit eines der wenigen Wracks dieser Gegend, bei denen wir nicht nur Holz auf dem Meeresboden haben. Wir kennen den Namen, den Kapitän, die Besatzung, den Auftrag, sogar den Bericht über den Untergang. Aber wahrscheinlich lagen dort über die Jahrhunderte viele Schiffe, deren Geschichten niemand mehr aufgeschrieben hat.
Eine Bucht voller namenloser Geschichten
Das finde ich fast noch faszinierender. Ein Wrack ist schließlich nicht einfach ein Stück Holz unter Wasser. Irgendwann stand jemand auf seinem Deck, jemand steuerte es, jemand hatte Ladung an Bord – vielleicht Getreide, Holz, Salz, Hering, Tuch. Vielleicht gehörte das Schiff einem Kaufmann in Stralsund, Lübeck oder Kopenhagen, vielleicht war die Mannschaft seit Wochen unterwegs. Dann kam ein Sturm, der Wind drehte, und irgendwann sahen sie die Küste Rügens immer näher kommen. Was danach passierte, wissen wir bei den meisten Schiffen nicht. Nur das Wrack blieb.
Heute sieht die Tromper Wiek vollkommen anders aus
Das ist vielleicht das Verrückteste an dieser Geschichte. Heute ist die Tromper Wiek vor allem Strand – die Schaabe gehört zu den bekanntesten Stränden Rügens. Im Sommer liegen dort Tausende Menschen, Kinder spielen im flachen Wasser, SUPs fahren herum, Segelboote ziehen draußen vorbei. In Glowe liegt ein moderner Yachthafen. Nichts an diesem Bild sagt: Vorsicht, Schiffsfriedhof. Und doch stand genau hier schon vor mehr als 200 Jahren eine ausdrückliche Warnung in der Landesbeschreibung.

Die Gefahr ist nicht verschwunden
Natürlich hat sich die Seefahrt verändert. Wir haben Motoren, GPS, elektronische Seekarten, Wettermodelle, Funk, Seenotrettung, moderne Anker – und wir können viel besser einschätzen, wann wir einen Platz verlassen müssen. Aber die Geografie ist noch dieselbe: Bei starkem Ost- oder Nordostwind liegt die Tromper Wiek weiterhin auflandig, die See läuft direkt in die Bucht, vor der Schaabe baut sich Brandung auf. Wer dort ankert, sollte wissen, was eine Winddrehung bedeutet. Die alten Seeleute wussten das ebenfalls. Nur hatten sie wesentlich weniger Möglichkeiten, darauf zu reagieren.
Wenn wir heute mit Telsche dort fahren
Wenn wir mit Telsche durch die Tromper Wiek fahren, sehen wir wahrscheinlich einen der schönsten Küstenabschnitte Rügens: Kap Arkona im Norden, die Schaabe, Glowe, weiter südöstlich beginnt die Kreideküste Jasmunds. Bei ruhigem Wetter ist das eine großartige Strecke. Aber seit ich diese Geschichte kenne, sehe ich die Bucht ein bisschen anders.
Ich stelle mir ein Segelschiff vor, das vor vielleicht 300 Jahren genau hier lag. Kein Motor, kein Wetterbericht, kein GPS. Der Wind beginnt zu drehen. Zuerst passiert wenig, dann kommt mehr See in die Bucht, der Anker beginnt zu rutschen, die Küste kommt näher. Die Mannschaft setzt Segel, aber der Kurs reicht nicht. Das Schiff verliert Raum. Irgendwann hört man die Brandung. Und spätestens dann weiß jeder an Bord, was passiert.
Eine Bucht, die Seeleute fürchteten
Vielleicht ist genau dieser Gegensatz das Spannende an der Tromper Wiek. Heute kommen Menschen hierher, weil die Küste so schön ist. Früher hofften Seeleute bei bestimmten Winden nur darauf, ihr wieder zu entkommen.
Schon Anfang des 19. Jahrhunderts hielt es ein Rügener Heimatforscher für wichtig genug, ausdrücklich vor dieser einen Bucht zu warnen: Schiffe würden, schreibt Grümbke sinngemäß, geradezu wie von einer unsichtbaren Kraft Richtung Strand gezogen. Natürlich war es keine unsichtbare Kraft. Es waren Wind, Wellen, flaches Wasser und die Grenzen der damaligen Schiffe. Aber für einen Seemann, der auf seinem Deck stand und zusah, wie die Küste trotz aller Bemühungen immer näher kam, muss der Unterschied ziemlich theoretisch gewesen sein.
Vor ihm lag die Schaabe. Hinter ihm die Ostsee. Und irgendwann gab es keinen Weg mehr zurück. Dann wurde aus einer der schönsten Buchten Rügens eine Falle.

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