Telsche

Logbuch eines Motorseglers

Die beiden Leuchttürme von Kap Arkona

Die Mynden: Das Kriegsschiff auf dem Grund vor Kap Arkona

Foto: Freddy2001, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Untergang 18.11.1718, 15:30 Uhr 55 Personen an Bord, 13 Tote Wrackentdeckung 1991
Sebastian Küpers
Sebastian Küpers 20.08.2026 · 9 Min. Lesezeit

Kap Arkona ist einer dieser Orte auf Rügen, die vom Wasser aus noch einmal ganz anders wirken. Die Küste erhebt sich über der Ostsee, darüber stehen die beiden Leuchttürme – bei gutem Wetter fahren Ausflugsschiffe vorbei, Segelboote runden das Kap, und irgendwo hinter der Küste liegt das kleine Fischerdorf Vitt.

Es ist eine Landschaft, die heute vor allem beeindruckend aussieht. Aber wer mit einem Boot hier unterwegs ist, merkt schnell, wie exponiert dieser Teil Rügens ist: Es gibt wenig Schutz, der Wind hat freien Anlauf über die Ostsee, Wetter und Welle können sich schnell verändern, und direkt vor dem Kap liegen flache Kreideriffe.

Für die Seeleute früherer Jahrhunderte war diese Küste deshalb nicht nur spektakulär. Sie war gefährlich.

Am Nachmittag des 18. November 1718 befand sich genau hier ein kleines dänisches Kriegsschiff, sein Name war Mynden. Wenige Minuten später lag es auf dem Grund der Ostsee. Dort liegt es noch heute.

Die beiden Leuchttürme von Kap Arkona
Die beiden Leuchttürme von Kap Arkona, heute – der alte Schinkelturm und der neue Turm von 1902.

Ein Windhund der dänischen Marine

Die Mynden war bereits ein altes Schiff, als sie vor Rügen unterging. Gebaut wurde sie 1679 in Kopenhagen vom niederländischen Schiffbaumeister Thijs Hermansen van der Burgh.

Sie war keine gewaltige Fregatte, wie man sie vielleicht aus historischen Seeschlachten kennt: Gerade einmal 25,6 Meter lang und 6,46 Meter breit war das Schiff, damit war sie sogar kürzer als viele moderne Fahrgastschiffe, die heute rund um Rügen unterwegs sind. Aber sie war schlank gebaut und schnell – und genau das verriet bereits ihr Name: Mynden bedeutet Windhund. In der dänischen Marine galt sie als schneller Segler.

Drei Masten trug das Schiff, auf dem Oberdeck standen Kanonen. Zwischendecks gab es nicht, Kombüse, Vorräte, Pulvermagazin und andere Bereiche waren direkt in den Kielraum eingebaut – an Bord lebten und arbeiteten mehr als 50 Menschen auf erstaunlich wenig Raum.

Und die Mynden war bewaffnet: Zwölf Dreipfünder, zwei Zweipfünder und sechs kleinere Falkonette gehörten zur Ausrüstung, dazu kamen Handgranaten, Musketen und weitere Waffen für den Kampf auf kurze Distanz. Es war ein kleines Schiff. Aber eindeutig ein Kriegsschiff.

Ein Schiff mit fast vierzig Jahren Geschichte

Als die Mynden 1718 vor Rügen auftauchte, hatte sie bereits ein langes Leben hinter sich: Sie war nach Gotland gefahren, nach Island, nach Kurland, nach Norwegen. Sie hatte Handelsschiffe eskortiert und später lange Zeit Wachaufgaben übernommen.

Dann begann der Große Nordische Krieg. Zwischen 1700 und 1721 kämpften vor allem Schweden auf der einen sowie Russland, Dänemark-Norwegen und Sachsen-Polen auf der anderen Seite um die Vorherrschaft im Ostseeraum – auch Rügen wurde in diesen Krieg hineingezogen. 1715 landeten alliierte Truppen auf der Insel, die bis dahin schwedische Herrschaft wurde vorübergehend beendet, Rügen kam unter dänische Verwaltung.

Die Ostsee vor der Insel war damit nicht irgendein Meer. Sie war Kriegsgebiet. Und die inzwischen alte Mynden wurde wieder als Kriegsschiff eingesetzt – 1716 diente sie unter dem Kommando des berühmten dänisch-norwegischen Seeoffiziers Peter Wessel Tordenskjold.

Gemälde der Seeschlacht bei Dynekilen, 1716
Die Seeschlacht bei Dynekilen 1716, in der Tordenskjold eine schwedische Flotte vernichtete – ob die Mynden selbst an dieser Schlacht teilnahm, ist nicht eindeutig belegt, sicher ist nur ihr Dienst unter seinem Kommando in jenem Jahr.

Zwei Jahre später bekam sie einen wesentlich unspektakuläreren Auftrag. Und genau dieser Auftrag brachte sie nach Rügen.

Ein Konvoi nach Kopenhagen

Im November 1718 liegt die Mynden unter dem Kommando von Kapitänleutnant Hans Friedrich Dreeßen, an Bord befinden sich 53 Besatzungsmitglieder und zwei Passagiere. Dreeßens Auftrag klingt zunächst einfach: Die Mynden soll von Lübeck aus das Handelsschiff Der Herbst mit kriegswichtiger Ladung nach Kopenhagen eskortieren. Weitere Handelsschiffe schließen sich dem Konvoi an.

Am 17. November 1718 verlassen die Schiffe Travemünde. Dann macht die Ostsee die Pläne zunichte: Starker Nordwestwind steht dem Konvoi entgegen. Die Mynden selbst ist schnell und vergleichsweise gut zu manövrieren, die Handelsschiffe sind es nicht.

Ein Umsegeln der dänischen Insel Møn erscheint unter diesen Bedingungen nicht sinnvoll. Also fällt eine Entscheidung, die zunächst vernünftig klingt: Der Konvoi soll Schutz unter der Küste Rügens suchen.

Erst Prorer Wiek, dann Tromper Wiek

Ursprünglich will Dreeßen die Schiffe in die Prorer Wiek führen, dort soll der Konvoi unter Land ankern und auf besseren Wind warten. Aber auch dieser Plan funktioniert nicht: Die Handelsschiffe können der schnelleren Mynden nicht folgen, und langsam wird es dunkel.

Also ändert Dreeßen seinen Entschluss: Statt weiter Richtung Prorer Wiek zu fahren, steuert die Mynden die näher gelegene Tromper Wiek an. Wer heute rund um Rügen segelt, kennt diese Entscheidung – schlechtes Wetter, langsamere Boote, die Dämmerung kommt, und der ursprünglich geplante Hafen oder Ankerplatz wird plötzlich unattraktiv. Also sucht man etwas Näheres.

Nur gab es 1718 keine elektronische Seekarte, kein GPS, keinen Kartenplotter, keine metergenaue Position auf einem Display. Vor der Mynden lag Kap Arkona. Und unter der Wasseroberfläche das Riff.

18. November 1718, 15:30 Uhr

Am nächsten Nachmittag befindet sich die Mynden vor Arkona. Die langsameren Handelsschiffe liegen noch zurück, Dreeßen will auf sie warten. Um 15:30 Uhr gibt er den Befehl, vor Kap Arkona zu ankern.

Dann geht alles sehr schnell: Die Mynden läuft auf das Riff, das Schiff gleitet darüber hinweg, und dahinter wird das Wasser wieder tiefer. Plötzlich sitzt die Fregatte nicht mehr auf dem Riff. Sie sinkt.

Die Besatzung versucht noch, das Schiff wieder auf den flacheren Bereich zu bringen. Vergeblich. Die Mynden versinkt östlich des Arkonariffs in ungefähr zehn Metern Wassertiefe.

Mehr als 39 Jahre war das Schiff über die Ostsee gefahren. Sein Ende dauert vermutlich nur Minuten.

Die Fischer von Vitt fahren hinaus

An Bord befinden sich 55 Menschen. Für sie beginnt jetzt der Kampf ums Überleben: 13 Männer ertrinken, 42 überleben.

Dass überhaupt so viele Menschen gerettet werden, liegt auch an einem kleinen Fischerdorf unterhalb von Kap Arkona: Vitt. Fischer aus dem Ort fahren hinaus zum gesunkenen Schiff und retten die Überlebenden.

Das ist vielleicht der Teil der Geschichte, der mich am meisten beschäftigt. Heute liegt Vitt beinahe idyllisch in der kleinen Schlucht an der Küste: reetgedeckte Häuser, der kleine Hafen, Boote am Strand, Touristen laufen vom Kap hinunter.

Und vor mehr als 300 Jahren standen dort Menschen, sahen draußen ein Kriegsschiff in Seenot – und fuhren hinaus. Keine Seenotrettungsgesellschaft, kein Rettungskreuzer, keine Funkverbindung, keine Hubschrauber. Fischer. Mit ihren Booten. 42 Menschen verdankten ihnen ihr Leben.

Das Fischerdorf Vitt unterhalb von Kap Arkona
Das Fischerdorf Vitt, heute – von hier fuhren die Fischer hinaus, die 1718 42 Menschen von der sinkenden Mynden retteten.

Am nächsten Morgen beginnt die Bergung

Die Mynden ist zwar gesunken, aber sie ist noch nicht verschwunden: Ihre Masten ragen weiterhin aus der Ostsee. Schon am 19. November, einen Tag nach dem Untergang, beginnen Bergungsarbeiten.

Das ergibt Sinn – an Bord befindet sich wertvolle Ausrüstung: Kanonen, Waffen, Takelage, Metall, Vorräte, persönliche Gegenstände. Wochenlang versucht man, möglichst viel davon zurückzuholen, erst im Dezember werden die Arbeiten aufgegeben.

Die überlebenden Besatzungsmitglieder kehren nach Kopenhagen zurück. Die Mynden bleibt vor Arkona. Das Meer beginnt, das Schiff verschwinden zu lassen.

Dann vergehen mehr als 200 Jahre

Holz zerfällt, Sand und Steine bedecken den Rumpf, Teile der Takelage verschwinden, Kanonen bleiben zurück. Irgendwann weiß niemand mehr genau, welches Schiff dort eigentlich liegt.

Erst 1991 rückt die Fundstelle wieder in den Mittelpunkt: Taucher der Bundesmarine entdecken rund 800 Meter vor dem Arkonariff in etwa zehn Metern Tiefe ein hölzernes Wrack und bergen mehrere Kanonen. Archäologen beginnen, die Fundstelle systematisch zu untersuchen – und langsam entsteht aus Holz, Kanonen und Gegenständen wieder ein Schiff.

Eine Kanone verrät die Herkunft

Die Archäologen wissen zunächst nicht, welches Wrack sie vor sich haben. Aber sie finden Hinweise: Das Schiff ist ungefähr 25 Meter lang, es trägt ungewöhnlich viele Geschütze für seine Größe, und eine Bleimarke trägt die Jahreszahl 1718.

Und dann gibt es eine Bronzekanone: Sie wurde im damals dänischen Glückstadt gegossen. Damit gibt es erstmals eine Spur nach Dänemark. Die Forscher suchen im Reichsarchiv in Kopenhagen und finden eine Flottenliste von 1719 – und darin einen knappen Hinweis: Die kleine dänische Fregatte Mynden sei 1718 vor der Küste Rügens verloren gegangen. Schiffsgröße und Bewaffnung passen.

Aber dann wird es noch besser: Im Archiv liegen Briefe, geschrieben vom Kapitän selbst. Hans Friedrich Dreeßen hatte der Admiralität nach dem Unglück berichtet, was vor Arkona geschehen war.

Plötzlich konnten die Archäologen nicht mehr nur sagen: Hier liegt ein Kriegsschiff aus dem frühen 18. Jahrhundert. Sie konnten rekonstruieren, warum es dort liegt.

Das Leben einer Besatzung im Sand

Am Wrack wurden nicht nur Waffen gefunden. Und gerade dadurch wird die Mynden wieder zu mehr als einem Kriegsschiff: Archäologen fanden einen großen Kupferkessel und Kochgeschirr aus der Kombüse, dazu Zinngeschirr, Weinflaschen, Gläser, einen Pfeifenkopf in einem hölzernen Futteral, ein Rasiermesser, Lederschuhe, Knöpfe.

Kleine Dinge. Aber genau diese Dinge machen die 55 Menschen an Bord plötzlich greifbar. Ein Kriegsschiff war eben nicht nur eine Ansammlung von Masten und Kanonen – es war für Wochen oder Monate das Zuhause von Menschen. Bis zu jenem Nachmittag vor Arkona.

Die Mynden liegt noch immer dort

Mehr als 300 Jahre später liegt ein großer Teil des Wracks weiterhin auf dem Meeresgrund: Der erhaltene Rumpfbereich ist etwa 15 Meter lang und fünf Meter breit, Spanten und Planken sind noch vorhanden, Kanonen, Munition, Teile der Takelage und andere Gegenstände wurden an der Fundstelle dokumentiert.

Heute gehört die Mynden zu den bekannten Wracks vor Rügens Nordküste. Der Verein für Unterwasserarchäologie Mecklenburg-Vorpommern (UWA MV) untersucht und dokumentiert die Fundstelle weiterhin, sie ist Teil eines Freiwassermuseums für entsprechend qualifizierte Taucher.

Vom Boot aus sieht man davon nichts. Und genau das macht diese Geschichte für mich so faszinierend.

Unter unserem Kiel liegt eine andere Welt

Wenn wir heute mit Telsche Kap Arkona runden, beschäftigt uns das Wetter: Der Wind, die Welle, der Kurs, vielleicht die Frage, ob wir weiterfahren oder lieber irgendwo Schutz suchen. Das hat sich in mehr als 300 Jahren erstaunlich wenig verändert.

Natürlich haben wir heute Dinge, von denen Hans Friedrich Dreeßen nicht einmal hätte träumen können: GPS, elektronische Seekarten, Wettermodelle, Funk, Motor, Seenotrettung. Und trotzdem bleibt Arkona Arkona – die Küste ist exponiert, der Wind hat Platz, und unter der Wasseroberfläche liegt das Kreideriff.

Vielleicht ist es genau deshalb schwer, diese Geschichte als etwas vollkommen Vergangenes zu betrachten. Am 18. November 1718 musste ein Kapitän bei schlechtem Wetter entscheiden, wohin er mit seinem Schiff fährt: Er änderte sein Ziel, er suchte Schutz, er ließ ankern. Und dann lief sein Schiff auf.

13 Menschen starben, 42 wurden von Fischern aus Vitt gerettet. Das Schiff blieb zurück.

Heute fahren wir darüber hinweg. Wir sehen die Leuchttürme, die Steilküste, Vitt. Vielleicht schauen wir auf den Plotter und korrigieren unseren Kurs um ein paar Grad – und irgendwo unter uns liegt noch immer die Mynden.

Mit ihren Planken, ihren Kanonen, und den Resten einer Welt, die an einem Novembernachmittag des Jahres 1718 vor Kap Arkona plötzlich endete. Man sieht sie nicht. Aber wenn man weiß, dass sie dort liegt, sieht auch Kap Arkona ein bisschen anders aus.

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