Wie oft habe ich schon die wildesten Pläne geschmiedet, was ich alles tun und erledigen würde, wenn ich das nächste mal auf dem Boot bin: Ein Buch in Ruhe lesen, endlich den neuen Bilgen Alarm anschliessen, mal das Deck schrubben, das Teak Holz schleifen, die analoge Anzeige der Geschwindigkeit reparieren, vielleicht noch was für die Arbeit am Laptop erledigen, mal in Ruhe die nächste Woche planen und noch so vieles mehr.
Und dann betrete ich das Boot, starte den Motor und lege ab. Ich lausche dem Motor und achte genau auf seine Geräusche. Ich schaue in die Wolken, die Bäume und aufs Wasser und versuche Wind und Wetter einzuschätzen. Ich drehe in den Wind, steige nach vorne zum Mast, nehme die Persenning ab, löse die Zeisinge und greife beherzt ins Fall um das Großsegel zu setzen. Löse die Dirk. Das gleiche Prozedere am Besan. Dann klettere ich wieder ins Steuerhaus.

Ich lege die Genua Schot um die Winsch, ziehe beherzt an ihr und achte darauf dass ich abfalle und der Wind mir hilft die Genau vollständig auszurollen. Das Knarren der Winsch, der Zug in der Schot und die Spannung im ganzen Körper, wenn man trotz Winsch kaum noch genug Kraft hat die Schot an der Klampe zu belegen, da schon so viel Druck im Segel ist.
Ich steuere meinen Kurs und beobachte meine Segel. Durch das Schiebedach im Steuerhaus. Durch die Fenster achtern mit Blick auf den Besan. Luke aus der seitlichen Tür und schaue in die Genua und überlege ob der Anstellwinkel passt.
Ein Blick auf den Verklicker. Dann den Gashebel in Neutral, der Griff zur Zündung und das Geräusch, was jeden Segler süchtig macht: das Verstummen eines Motors.
Kurze Stille und dann hört man wie man Fahrt durchs Wasser macht. Man hört es mit Hilfe des Windes in den Segeln und des Wassers am Rumpf. Man realisiert langsam den Wellengang und den Rhythmus im Schiff. Das Auf und Ab des Bugs. Das leichte seitliche Rollen. Die Krängung, die man automatisch im Körper ausgleicht.
Erster Logbuch Eintrag. Position ablesen, Logge prüfen, Seegang einschätzen, Bewölkung beschreiben, Kurs vom Kompass bestimmen – ein Blick auf die Armbanduhr. Ein wenig Kopfrechnen und Blick auf die Karte. Wann fahre ich das nächste Manöver? Was ist der optimale Kurs zum Ziel heute?

Justieren am Ruder, trimme die Segel – irgendwann passt es. Das Boot liegt stabil auf Kurs und fährt sich von selbst. Der Griff zum Fernglas und einmal Rundum schauen, ob man etwas entdeckt. Ein wenig das Ufer studieren, die nächste Tonne ausfindig machen andere Schiffe unter die Lupe nehmen. Sichergehen, dass für 5-10 Minuten bei der Geschwindigkeit keine Gefahr zu nahe kommen kann.
Ich verschwinde kurz im Salon und knipse den Gasherd an um Wasser für Kaffe aufzusetzen. Die Bohnen werden frisch gemahlen und alles vorbereitet. Einmal kurz den Kopf hoch ins Steuerhaus gesteckt und lieber einmal mehr geschaut, ob alles passt.
Wenige Minuten später sitze ich mit dem Kaffe auf der Bank mit den Beinen hoch im Steuerhaus und blicke aufs Wasser. Musik anmachen? Ach nö. Ein Hörbuch hören? Nein warum nur. Was hatte ich noch mal alles vor für unterwegs? Egal. Mein Handy checken? Ich weiss nicht mal wo das gerade liegt.
Es herrscht vollkommene Ruhe. Nicht Draußen. Nicht in Form von Geräuschen. Sondern in mir. In meinem Kopf. Es vergehen Stunden auf dem Wasser und ich bin mir genug. Die Routine an Board ist mir genug. Logbuch schreiben, Karte studieren, Wetter beobachten, Segel trimmen, die Natur bestaunen. Kaffe trinken. Zwischendurch mal eine Stulle schmieren. Nur eine Stulle. Dann bin ich satt.
Den Kompass im Auge behalten und schauen ob man nicht noch einen halben Knoten mehr Speed bekommt, wenn man doch noch mal ein wenig die Segelstellung anpasst. Dann mal einen neuen Platz im Boot suchen. Es gibt so viele. Einen neuen Blick nach draussen geniessen. Schaue achtern übers Heck und beobachte die Spur die wir durchs Wasser ziehen.
Dann irgendwann der Ankerplatz. Die Kette rauscht ins Wasser, der Motor muss noch mal ran und dann wieder Ruhe. Stillstand. Nur noch das Schwojen. Das Boot dreht mit dem Wind und irgendwann gibt es einen leichten Ruck und das Boot schwingt in die andere Richtung. Draußen beginnt derweil ein Naturschauspiel. Sonnenuntergang auf dem Wasser.
Die Türen und Fenster sind auf und es weht eine leichte Brise durchs Boot. In der Kombüse kocht bereits das Wasser für Nudeln und ich schneide Paprika, Gurken und weitere Dinge für einen Salat auf einem einfachen Holzbrett zusammen
Ich esse draussen an Deck und beobachte die Boote um mich herum, die ebenfalls ankern. Da kommt in der Dunkelheit noch ein Boot langsam in die Bucht gefahren und sucht nach einem geeigneten Platz.
Die Augen werden müde. Die Uhrzeit kümmert mich nicht. Zähne putzen unter Deck. Noch einmal die Blase entleeren. Ich lösche den Diesel-Ofen, mache alles Licht aus und krieche in meinen Schlafsack. Das Boot bewegt sich leicht und beim Blick durch die Luke drehen sich langsam die Sterne über mir. Ich schlafe ohne große Umschweife ein und werde ohne Wecker am nächsten Morgen von der Sonne geweckt.
Es ist immer ruhig. In mir. Von der Liste die ich mir noch im Rhythmus des Alltags im Vorfeld überlegt hatte habe ich nichts erledigt. Werde ich auch nicht mehr. Die Zeit auf dem Boot ist für mich so viel wertvoller verbracht, wenn ich eben nichts tue, sondern einfach dem Tag nachgehe. Mit dem Boot einfach segel und dabei mitten in der Natur bin.
Mich fasziniert diese innere Ruhe die umgehend einkehrt, sobald ich auf dem Boot bin. Man praktiziert Achtsamkeit. Nicht gezwungen, sondern als Reflex. Man kann loslassen, was einen sonst im Kopf fesselt und bis in den Schlaf verfolgt. Man entwickelt ein anderes Gefühl für Zeit und muss sich nicht mehr mit Essen, Scrollen auf dem Handy, Binge Watching auf Netflix oder anderen Lastern künstlich belohnen oder betäuben, um durch den Tag zu kommen. Man segelt im wahrsten Sinne des Wortes nur so durch die Stunden und jeglicher Drang, Stress und Unruhe fällt mit jeder Welle die unter dem Schiff durchrollt von einem ab.
Abonniere die Abenteuer von Telsche per Email
