Wenn wir heute mit Telsche in Breege einlaufen, sieht man zunächst einen kleinen Hafen: Segelboote, Motorboote, ein Fahrgastschiff, ein paar Restaurants am Wasser. Dahinter ein Dorf mit nur wenigen hundert Einwohnern. Eigentlich nichts, was darauf schließen lässt, dass Breege einmal einer der ungewöhnlichsten Seefahrerorte Rügens war.
Dann stößt man auf eine Zahl. Im 18. Jahrhundert, auf dem Höhepunkt der Segelschifffahrt, waren allein 46 Schiffe mit 250 Besatzungsmitgliedern in Breege registriert – aus diesem kleinen Dorf. Über Generationen gingen daraus mehr als hundert Kapitäne und Schiffseigner hervor. Plötzlich wirken auch die alten Häuser hinter dem Hafen anders. Denn einige von ihnen wurden von genau diesen Männern gebaut. Kapitänshäuser. Und hinter ihnen steckt eine Geschichte, die viel größer ist als der kleine Hafen vermuten lässt.

Wie wird ein Dorf zur Kapitänsschmiede?
Die Geschichte beginnt nicht mit großen Segelschiffen auf den Weltmeeren. Sie beginnt viel unspektakulärer: mit Holz. Und mit Kopenhagen. Über mehr als ein Jahrhundert entwickelte sich auf Wittow ein besonderes Geschäft. In Pommern gab es große Waldgebiete, in Dänemark wurde Holz gebraucht. Also transportierten Schiffer aus Orten wie Breege und Wiek Holz über die Ostsee nach Kopenhagen – die sogenannte Peene-Kopenhagen-Fahrt, für die auf Wittow ein bestimmter, wendiger Schiffstyp besonders wichtig wurde: die Schlup.
Das klingt zunächst nach einem ziemlich einfachen Geschäft. Aber für Wittow wurde es enorm wichtig. Generationen von Männern verdienten damit ihren Lebensunterhalt. Und aus einem Transportgeschäft entstand nach und nach eine ganze maritime Kultur.
Stellen wir uns einen Jungen in Breege vor
Vielleicht schreiben wir das Jahr 1790. Du bist zwölf oder dreizehn Jahre alt, wächst in Breege auf. Dein Vater arbeitet vielleicht in der Landwirtschaft, vielleicht ist er Fischer, vielleicht fährt er selbst zur See. Das Dorf ist klein, hinter ihm liegt Wittow mit seinen Feldern und Gütern, vor ihm liegt der Bodden. Und dort liegen Schiffe.
Du kennst Männer, die zur See fahren – vielleicht dein Onkel, einen Nachbarn, den Vater eines Freundes. Manche sind einfache Matrosen, andere führen bereits ein eigenes Schiff. Wenn sie zurückkommen, erzählen sie von Stralsund, von der Peene, von Kopenhagen, von Sturm auf der Ostsee, und von Geschäften, die dort gemacht werden. Für einen Jungen in Breege gibt es damit plötzlich eine Alternative zu einem Leben als Knecht oder Tagelöhner auf einem der Güter. Du kannst zur See gehen.
Die erste Stufe: anheuern
Am Anfang bist du natürlich kein Kapitän. Du heuerst an, vielleicht auf einer der sogenannten Holzjachten – keine gewaltigen Ozeansegler, sondern Arbeitsschiffe, gebaut für Fracht. Du lernst Segel setzen, Taue bedienen, ankern, Ladung sichern, Wetter beobachten, Fahrwasser erkennen. Du lernst die Ostsee kennen. Und vor allem lernst du von Männern, die denselben Weg bereits gegangen sind. Das ist entscheidend, denn Breege hatte irgendwann etwas, das sich selbst verstärkte: Seefahrer brachten neue Seefahrer hervor.
Aus Matrosen werden Schiffer
Wer Erfahrung sammelte, konnte aufsteigen – vielleicht zum Steuermann, vielleicht irgendwann zum Schiffer. Und damit änderte sich das Leben grundlegend: Ein Schiffer führte nicht einfach nur ein Schiff, er trug Verantwortung für Mannschaft, Ladung und Fahrzeug, und häufig war er wirtschaftlich selbst am Schiff beteiligt. Das machte die Breeger Schiffer zu etwas, das wir heute wahrscheinlich als Unternehmer bezeichnen würden. Sie mussten nicht nur segeln können. Sie mussten rechnen, verhandeln, Ladung organisieren, Risiken einschätzen, Geschäfte abschließen. Und sie mussten ihr Schiff heil wieder nach Hause bringen.
Das Geschäft mit dem Holz
Eine typische Reise begann möglicherweise gar nicht in Breege. Die Schiffe mussten dorthin, wo ihre Ladung lag: In den waldreichen Regionen Pommerns wurde Holz geschlagen, besonders die Gegend um die Peene spielte eine wichtige Rolle. Dort nahmen die Wittower Schiffer ihre Ladung auf. Dann ging es hinaus auf die Ostsee. Ziel: Kopenhagen. Die dänische Hauptstadt wuchs und brauchte große Mengen Holz – zum Bauen, zum Heizen, für Gewerbe und Handwerk.
Über Jahrzehnte entstand daraus ein regelmäßiger Verkehr: Pommern lieferte Holz, Wittower Schiffer transportierten es, Kopenhagen bezahlte. Und ein Teil dieses Geldes landete schließlich in einem kleinen Dorf namens Breege.
Der Bodden war ihr Zuhause
Hier wird auch die Lage Breeges wichtig. Der Hafen liegt nicht an der offenen Ostsee, er liegt geschützt am Breeger Bodden. Vor dem Ort befindet sich eine große Wasserfläche, auf der Schiffe ankern und auf günstige Bedingungen warten konnten – draußen vor der Schaabe konnte die Ostsee toben, hier lag die Flotte wesentlich geschützter.
Man sollte sich deshalb nicht nur den kleinen heutigen Hafen vorstellen, sondern den gesamten Bodden vor Breege: mit Segelschiffen, Masten, ankernden Fahrzeugen, kleineren Booten dazwischen. Einige gerade angekommen, andere bereit zur nächsten Reise. Breege war ihr Heimathafen.
Dann kommen sie zurück
Vielleicht ist unser junger Matrose inzwischen selbst Schiffer. Wochen war er unterwegs: Peene, Ostsee, Kopenhagen. Jetzt kommt er zurück. Irgendwann erscheint Wittow, dann geht es wieder in die geschützteren Gewässer, und schließlich liegt Breege voraus. Das Schiff fällt vor dem Ort vor Anker oder macht fest. An Land steht seine Familie, vielleicht hat sie seit Wochen nichts von ihm gehört. Kein Telefon, kein Funk, keine Nachricht vom AIS-Tracker. Ein Sturm über der Ostsee bedeutete für die Menschen zu Hause nicht: Wir schauen mal in der App, wo das Schiff gerade ist. Er bedeutete: Hoffentlich sind sie nicht dort draußen.
Das Meer bringt Geld nach Breege
Wenn die Reisen erfolgreich waren, verdienten die Schiffer. Und manche verdienten offenbar gut – so gut, dass Breege zeitweise als eines der wohlhabendsten Dörfer Rügens galt. Das Geld blieb nicht unsichtbar, es wurde verbaut: in Häuser. Einige stehen heute noch, die sogenannten Kapitänshäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert.
Wenn wir heute daran vorbeilaufen, sehen wir hübsche historische Gebäude. Damals waren sie etwas anderes: ein sichtbares Zeichen dafür, dass jemand mit der Seefahrt erfolgreich gewesen war. Vielleicht kann man sie sogar als die Bilanzen einer vergangenen Wirtschaftsform betrachten. Das Geld wurde auf der Ostsee verdient. Das Ergebnis steht bis heute in Breege.
Knecht oder Kapitän
Das ist vielleicht der Punkt, der mir an dieser Geschichte am besten gefällt. Für einen jungen Mann auf Wittow waren die Möglichkeiten begrenzt: Die Landwirtschaft wurde von großen Gütern geprägt, wer kein Land besaß, konnte als Knecht oder Tagelöhner arbeiten. Oder er ging aufs Schiff. Natürlich begann dort niemand als Kapitän. Aber es gab eine Perspektive: Matrose, Erfahrung sammeln, Verantwortung übernehmen, Schiffer werden, vielleicht irgendwann ein eigenes Schiff oder einen Anteil daran besitzen. Das Meer war gefährlich. Aber es bot Chancen. Und offenbar nutzten die Breeger diese Chance außergewöhnlich häufig.
Mehr als hundert Kapitäne
Deshalb ist die Zahl so bemerkenswert: Mehr als hundert Kapitäne und Schiffseigner gingen aus Breege hervor. Nicht aus Stralsund, nicht aus Stettin, nicht aus einer großen Hafenstadt. Aus Breege – einem Dorf auf Wittow.
Man muss sich vorstellen, was das für das gesellschaftliche Leben bedeutet haben muss. Fast jeder kannte einen Kapitän, viele Familien hatten jemanden auf See, Kinder wuchsen zwischen Seeleuten auf. Erfahrungen wurden weitergegeben, Kontakte ebenfalls. Ein junger Mann musste nicht herausfinden, wie man in die Schifffahrt hineinkommt. Er kannte jemanden, der bereits drin war. So entsteht aus einem Beruf irgendwann eine Tradition.
Und irgendwann reicht Kopenhagen nicht mehr
Mitte des 19. Jahrhunderts verändert sich das Geschäft: In Dänemark wird zunehmend englische Steinkohle als Brennstoff verwendet, die Nachfrage nach dem pommerschen Brennholz sinkt. Für die Wittower Holzschiffer ist das ein Problem – das Geschäftsmodell, das Generationen ernährt hat, beginnt zu verschwinden. Einige geben auf, Schiffe werden verkauft oder stillgelegt. Andere Breeger machen etwas, das Unternehmer auch heute tun müssen: Sie wechseln den Markt.
Von der Holzjacht zum größeren Segler
Ein Teil der ehemaligen Holzschiffer steigt auf größere Schiffe um. Jetzt geht es nicht mehr nur mit Holz nach Kopenhagen – Breeger Schiffer beteiligen sich an weiter reichenden Handelsfahrten, eine wichtige neue Route führt nach England. Die Schiffe werden größer, die Reisen weiter, manche Breeger Kapitäne kommen später sogar bis nach Südamerika oder in die Karibik. Andere Breeger Seeleute heuern als Matrosen auf Tiefwasserseglern an. Das kleine Dorf ist damit endgültig Teil einer wesentlich größeren maritimen Welt. Noch 1881 zählte man auf Wittow 65 Segelschiffe, darunter eine Bark und 42 Schoner – die Tradition hielt sich also bis spät ins 19. Jahrhundert.
Stellen wir uns einen Breeger Kapitän in England vor
Vielleicht steht einer dieser Männer irgendwann in einem britischen Hafen, hunderte Seemeilen von Wittow entfernt. Um ihn herum wird Englisch gesprochen, Dampfschiffe liegen bereits zwischen Seglern, Kräne bewegen Ladung, Kaufleute verhandeln. Er muss wissen, was seine Fracht wert ist, was die Rückladung kostet, wie das Wetter aussieht, wann er auslaufen kann, wie er seine Mannschaft bezahlt. Und während er all das organisiert, steht zu Hause in Breege ein Haus. Dort lebt seine Familie, vielleicht wartet sie seit Wochen auf Nachricht. Das ist die seltsame Doppelwelt der Breeger Kapitäne: Ihr Zuhause war ein kleines Dorf auf Rügen. Ihr Arbeitsplatz war Europa.
Die Familien waren Teil dieses Systems
Deshalb sollte man bei dieser Geschichte nicht nur über Männer und Schiffe sprechen. Wenn ein Kapitän auslief, blieb jemand zurück: Frauen führten Haushalte, Kinder wurden großgezogen, Geschäfte mussten möglicherweise an Land geregelt werden. Wochen oder Monate konnte der Mann fehlen, und immer bestand das Risiko, dass er nicht zurückkam. Ein Sturm auf der Ostsee war für eine Breeger Familie keine interessante Wetterlage. Er konnte existenziell sein. Das Meer brachte Wohlstand in den Ort. Aber dieser Wohlstand hatte einen Preis.

Dann erscheint der eigentliche Gegner
Am Ende war es nicht unbedingt ein Sturm, der die große Zeit der Breeger Segelschifffahrt beendete. Es war eine Maschine. Die Dampfmaschine. Dampfschiffe wurden größer, zuverlässiger und wirtschaftlicher, vor allem konnten sie fahren, wenn der Wind nicht wollte. Für Handel und Transport war das ein gewaltiger Vorteil: Ein Segler konnte hervorragend geführt sein, sein Kapitän konnte das Wetter perfekt lesen – aber wenn Flaute herrschte, lag das Schiff. Der Dampfer fuhr weiter. Mitte des 19. Jahrhunderts begann die traditionelle Breeger Segelschifffahrt deshalb an Bedeutung zu verlieren, die Gemeinde selbst beschreibt den Durchbruch der Dampfschifffahrt als einen entscheidenden Wendepunkt.
Die Kapitäne verschwinden
Nach und nach endet eine Wirtschaftsform, die Breege über Generationen geprägt hatte. Die großen Segler verschwinden, die Zahl der Seeleute sinkt, Fischerei wird wichtiger, später kommt der Tourismus. Aus dem Seefahrerdorf wird irgendwann der Ferienort Breege-Juliusruh. Aber die Vergangenheit verschwindet nicht vollständig: Die Häuser bleiben, der Hafen bleibt. Und sogar im Wappen der Gemeinde erinnern Anker, Tau und Wellen bis heute an die Zeit der Fischer und Seefahrer.
Einer dieser Kapitäne taucht sogar später wieder auf
Eine kleine Geschichte zeigt, wie lange diese maritime Tradition nachwirkte. 1865 nahm der Seitenraddampfer Hertha den Linienverkehr zwischen Stralsund, Schaprode, Wittower Fähre, Breege und Polchow auf – das war eigentlich genau jene neue Dampfschifffahrt, die die Welt der Segler veränderte. 1887 bekam die Hertha einen neuen Eigentümer: Kapitän Albert Klickow aus Breege. Ein Breeger Kapitän besaß nun ausgerechnet einen Dampfer. Die maritime Tradition verschwand also nicht einfach über Nacht. Sie passte sich an.
Und noch ein Breeger Kapitän
Als 1866 am Kap Arkona eine der frühen Rettungsstationen für Schiffbrüchige eingerichtet wurde, bekam das dort stationierte Ruderrettungsboot RUGIA einen Vormann. Sein Name: Heinrich Leewe. Sein Beruf: Kapitän. Sein Heimatort: Breege. Plötzlich werden aus den „hundert Kapitänen“ einzelne Menschen: Albert Klickow, Heinrich Leewe. Männer aus diesem kleinen Dorf, deren maritime Erfahrung weit über den Breeger Bodden hinaus gebraucht wurde.
Wenn wir heute durch Breege laufen
Dann würde ich deshalb nach dem Anlegen nicht sofort weitergehen. Ich würde mir die alten Häuser ansehen. Denn jetzt erzählen sie eine andere Geschichte: Hier wohnte nicht einfach irgendein wohlhabender Bürger. In solchen Häusern lebten Familien, deren Einkommen auf Schiffen verdient wurde, vielleicht in Kopenhagen, später vielleicht in England. Ein Junge, der aus einer dieser Türen kam, konnte Matrose werden, später Schiffer, vielleicht Kapitän, vielleicht Schiffseigner. Dann baute er irgendwann selbst ein Haus. Und der nächste Junge wuchs darin mit derselben Vorstellung auf. So wurde aus einem Dorf eine Kapitänsschmiede.
Und dann schauen wir wieder auf den Bodden
Vielleicht versteht man Breege am besten, wenn man anschließend zurück zum Hafen geht. Vor uns liegt dieser riesige geschützte Wasserraum. Heute liegen dort unsere Yachten, vor 200 Jahren lagen dort die Schiffe der Breeger – einige gerade von einer Reise zurück, andere warteten auf Wind. Vielleicht war irgendwo eine Holzjacht bereit, Richtung Peene aufzubrechen, vielleicht lag ein größerer Segler vor Anker, der später nach England fahren würde. An Land warteten Familien. Und im Dorf lebten so viele Männer von der Seefahrt, dass über Generationen mehr als hundert Kapitäne und Schiffseigner aus diesem einen kleinen Ort hervorgingen.
Das ist wahrscheinlich der entscheidende Unterschied zu heute. Wir kommen mit Telsche nach Breege und betrachten den Bodden als schönes Segelrevier. Für die Menschen damals war er etwas anderes: Arbeitsplatz, Ausbildungsplatz, Heimathafen, und Ausgangspunkt für sozialen Aufstieg. Von hier gingen Jungen als Matrosen fort, manche kamen als Kapitäne zurück, einige wurden Schiffseigner. Und mit dem Geld, das sie auf der Ostsee verdienten, bauten sie die Häuser, an denen wir heute auf dem Weg vom Hafen vorbeilaufen.
Breege war nicht einfach ein Dorf mit vielen Kapitänen. Breege war ein Dorf, in dem das Meer für Generationen die Möglichkeit bot, aus einem Jungen vom Land einen Kapitän zu machen.

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