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Logbuch eines Motorseglers

Der Große Jasmunder Bodden bei Ralswiek

Ralswiek: Als Rügen vor 1.200 Jahren mit der Welt verbunden war

Foto: wusel007, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Entstanden 2. Hälfte 8. Jh. Silberschatz-Fund 1973, über 2.000 Münzen vier Schiffsfunde 1967–1980
Sebastian Küpers
Sebastian Küpers 20.08.2026 · 8 Min. Lesezeit

Wer heute nach Ralswiek kommt, kommt meistens wegen der Störtebeker-Festspiele. Die große Freilichtbühne liegt direkt am Großen Jasmunder Bodden, im Sommer stehen Autos auf den Parkplätzen, Besucher laufen Richtung Bühne, und am Abend kämpfen dort Piraten vor einer beeindruckenden Kulisse.

Dabei spielte sich die vielleicht spannendere Geschichte dieses Ortes schon mehr als tausend Jahre vor Klaus Störtebeker ab. Denn ungefähr dort, wo heute das kleine Ralswiek am Bodden liegt, befand sich bereits im späten 8. Jahrhundert einer der bedeutenden Seehandelsplätze an der südlichen Ostseeküste: Schiffe kamen hierher, Handwerker arbeiteten hier, Menschen aus unterschiedlichen Regionen begegneten sich, Waren wurden getauscht.

Und irgendwann vergrub jemand unter einem Haus einen gewaltigen Schatz aus Silbermünzen – ein Teil dieser Münzen war Tausende Kilometer entfernt geprägt worden. Wenn man heute auf den stillen Großen Jasmunder Bodden schaut, ist das ziemlich schwer vorstellbar.

Rügen lag nicht am Ende der Welt

Bei der Vorstellung vom frühen Mittelalter passiert schnell etwas Merkwürdiges: Wir denken an kleine Dörfer, einfache Holzhäuser und Menschen, deren Welt kaum über den Horizont hinausreichte. Zumindest für Ralswiek stimmt dieses Bild nicht.

Der Handelsplatz entstand in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts auf einem ungefähr 500 Meter langen Strandwall am südwestlichen Ufer des Großen Jasmunder Boddens. Archäologen fanden hier Spuren von Häusern, Handwerk und Hafenanlagen – vor allem aber fanden sie Dinge, die nicht aus Rügen stammten.

Gegenstände skandinavischer Herkunft belegen enge Kontakte über die Ostsee: Archäologische Funde aus Ralswiek und anderen Orten der Region zeigen, dass die Ostsee damals keine Grenze zwischen verschiedenen Welten war, sondern sie miteinander verband. Slawen lebten an ihrer südlichen Küste, Skandinavier kamen über das Meer, und über Handelswege waren diese Regionen wiederum mit Gebieten verbunden, die sehr viel weiter entfernt lagen. Und kaum etwas macht das so deutlich wie ein Fund aus Ralswiek.

Ein Silberschatz unter dem Fußboden

1973 machten Archäologen einen außergewöhnlichen Fund: Unter dem Fußboden eines Hauses lag ein großer Schatz aus Silbermünzen. Mehr als zweitausend Münzen gehörten zu dem Fund, darunter arabische Dirham und persische Prägungen.

Unter den Münzen finden sich auch Dirham aus der Zeit der Umayyaden, geprägt im Nahen Osten und damit tausende Kilometer von Rügen entfernt entstanden. Andere Ralswieker Dirham stammen aus der Zeit um 800 und wurden nach Vorbildern aus weit entfernten Regionen der islamischen Welt geprägt.

Das bedeutet natürlich nicht, dass ein Händler aus Ralswiek sein Boot genommen hat und damit in den Nahen Osten gesegelt ist – so funktionierte der Handel nicht. Silber wanderte von Hand zu Hand, von Handelsplatz zu Handelsplatz, über Flüsse, über Landwege, über das Meer, bis irgendwann eine Münze, die weit im Süden oder Osten geprägt worden war, auf einer Insel in der Ostsee landete.

Und genau das finde ich an diesem Fund so faszinierend: Man steht in Ralswiek, rundherum Rügen, vor einem der Bodden – und unter einem Haus lagen Münzen, deren Geschichte in einer vollkommen anderen Welt begonnen hatte.

Arabische Dirham aus dem Spillings-Hort auf Gotland
Arabische Dirham aus dem Spillings-Hort auf Gotland – ein Vergleichsfund, nicht der Ralswieker Schatz selbst, aber derselbe Münztyp aus derselben Ostseewelt des frühen Mittelalters.

Geld war vor allem Silber

Dabei sollten wir uns diese Münzen nicht unbedingt so vorstellen, wie wir heute Geld verwenden: Im frühmittelalterlichen Handel war häufig vor allem entscheidend, wie viel Silber etwas enthielt. Münzen konnten zerteilt werden, Silberbarren ebenfalls, bezahlt wurde nach Gewicht. Ein Dirham war damit nicht nur eine Münze mit einem bestimmten Nennwert, er war ein Stück Silber – und ein Schatz aus solchen Münzen war also ein gewaltiger Vorrat an Wert.

Warum jemand diesen Schatz in Ralswiek vergrub, wissen wir nicht. Vielleicht wollte er ihn nur vorübergehend verstecken, vielleicht drohte Gefahr, vielleicht sollte niemand wissen, dass er dieses Vermögen besaß. Was wir wissen: Er kam offenbar nicht zurück.

Der Schatz blieb im Boden, Jahrhundert um Jahrhundert, über ihm wurde gelebt und gebaut – bis Archäologen ihn mehr als tausend Jahre später wieder ans Licht holten.

Vier Schiffe bleiben im Boden zurück

Aber das Silber ist nicht der einzige Fund, der zeigt, wie stark Ralswiek vom Wasser geprägt war: Bei den Ausgrabungen wurden auch die Reste von vier Schiffen beziehungsweise Booten entdeckt, die im Bereich des ehemaligen Boddenufers lagen. Diese Funde sind deshalb so bedeutend, weil Holz normalerweise keine besonders guten Chancen hat, mehr als tausend Jahre zu überstehen – unter geeigneten Bedingungen im feuchten Boden können Teile eines Schiffes jedoch erhalten bleiben, und genau das geschah in Ralswiek.

Plötzlich hatten Archäologen nicht nur Schmuck, Münzen oder Keramik vor sich, sondern Teile der Fahrzeuge, mit denen Menschen damals über dieses Meer gefahren waren. Die Ralswieker Schiffsfunde zeigen sowohl slawische als auch skandinavisch-wikingische Bautechniken – ein Nachbau eines dieser Boote wurde später sogar wieder seetüchtig gemacht.

Die Havhingsten fra Glendalough, ein Nachbau eines Wikingerschiffs, unter Segeln
Ein Nachbau der Havhingsten fra Glendalough, gebaut nach dem Vorbild eines Wikingerschiffs aus dem 11. Jahrhundert – nicht eines der Ralswieker Boote, aber ein Bild davon, wie ein Schiff dieser Zeit unter Segeln aussah.

Damit wird aus der abstrakten Aussage „Ralswiek war ein Handelsplatz“ etwas sehr Konkretes: Hier lagen Schiffe, Menschen beluden sie, reparierten sie, fuhren hinaus auf den Bodden – und von dort weiter. Aber wohin?

Genau hier verändert sich der Blick auf Rügen. Denn der Große Jasmunder Bodden wirkt heute eher wie ein abgeschlossenes Binnenrevier: Wer auf die Karte schaut, sieht viel Land und vergleichsweise schmale Verbindungen zur offenen Ostsee. Im frühen Mittelalter sah die Küstenlandschaft teilweise anders aus als heute – Wasserwege, Uferlinien und Verlandungsprozesse haben sich über die Jahrhunderte verändert.

Entscheidend ist aber: Ralswiek war Teil eines Systems von Seehandelsplätzen rund um die Ostsee. Andere berühmte Orte dieser Welt waren Haithabu im heutigen Schleswig-Holstein oder Wolin im heutigen Polen – solche Plätze waren Schnittstellen.

Hier trafen lokale Produkte auf importierte Waren, Bauern auf Händler, Handwerker auf Seeleute, Slawen auf Skandinavier – und wahrscheinlich Nachrichten, Geschichten und Gerüchte aus Gegenden, die die meisten Bewohner Rügens niemals selbst sehen würden. Das Meer brachte nicht nur Waren, es brachte Welt nach Rügen.

Waren das Wikinger?

Die Frage liegt natürlich nahe: Ralswiek existierte in der Wikingerzeit, es gab intensive Verbindungen nach Skandinavien, skandinavische Gegenstände wurden auf Rügen gefunden. Trotzdem wäre es zu einfach, Ralswiek als „Wikingersiedlung auf Rügen“ zu bezeichnen – die Bevölkerung Rügens war slawisch geprägt, und Ralswiek war ein slawischer Seehandelsplatz in einer Ostseewelt, in der Menschen unterschiedlicher Herkunft miteinander handelten und sich gegenseitig beeinflussten.

Und vielleicht ist gerade das viel spannender: Die Ostsee war keine saubere Trennlinie zwischen „den Slawen“ auf der einen und „den Wikingern“ auf der anderen Seite. Menschen fuhren über sie hinweg, handelten, ließen sich zeitweise oder dauerhaft an anderen Orten nieder und übernahmen Dinge voneinander – und manchmal wurden sie offenbar auch gemeinsam begraben.

Östlich der Siedlung von Ralswiek liegt ein riesiges Gräberfeld mit mehr als 400 Grabhügeln. Der kleine Ort am Bodden war also keine vorübergehende Ansammlung von Marktständen – hier lebte eine Gemeinschaft.

Svantevit-Statue in Ralswiek
Eine Statue des Svantevit in Ralswiek – des obersten Gottes der Rujanen, der slawischen Bewohner Rügens, dessen Hauptheiligtum auf Kap Arkona stand.

Wie muss dieser Ort ausgesehen haben?

Das ist der Moment, an dem Archäologie irgendwann an ihre Grenze kommt und die eigene Vorstellungskraft übernehmen muss. Wir wissen von Häusern, von Hafenanlagen, von Schiffen, von Handwerk, von Gräbern, von Silber – aber wie hörte sich ein Morgen in Ralswiek an?

Vielleicht schlägt irgendwo ein Handwerker auf Metall, jemand zieht ein Boot an Land, Menschen tragen Waren vom Ufer zu den Häusern, es riecht nach Rauch, Fisch, Holz und feuchtem Boden. Ein Schiff ist gerade angekommen, ein anderes wird für die Abfahrt vorbereitet. Vielleicht spricht jemand eine Sprache, die ein Teil der Menschen am Ufer nicht versteht, vielleicht wird gefeilscht, vielleicht wird Silber auf einer Waage abgewogen.

Wir wissen es nicht. Aber wir wissen genug, um eines ziemlich sicher sagen zu können: Ralswiek war vor 1.200 Jahren sehr viel weniger still, als es heute wirkt.

Und dann verschwindet diese Welt

Irgendwann verliert Ralswiek seine Bedeutung als großer Seehandelsplatz. Andere politische und wirtschaftliche Strukturen entstehen, später wachsen Städte wie Stralsund zu mächtigen Handelszentren heran, Wasserwege verändern sich, Ufer verlanden – aus einem bedeutenden Handelsplatz wird irgendwann wieder ein kleiner Ort am Bodden.

Und die frühmittelalterliche Welt verschwindet: Die Häuser verschwinden, die Hafenanlagen verschwinden, die Schiffe verschwinden im Boden, der Schatz bleibt darunter verborgen. Mehr als tausend Jahre später kommen Archäologen und beginnen, diese Welt Stück für Stück wieder zusammenzusetzen.

Seitdem sieht der Jasmunder Bodden für mich anders aus

Genau solche Geschichten suche ich inzwischen rund um Rügen. Denn wenn man heute auf den Großen Jasmunder Bodden schaut, würde man wahrscheinlich nicht als Erstes an internationalen Handel denken – man sieht Wasser, Schilf, Wald, ein paar Boote und Ralswiek.

Aber vor mehr als tausend Jahren kamen über dieses Wasser Menschen und Waren aus einer Welt, die weit über Rügen hinausreichte. Irgendwann hielt vielleicht jemand in Ralswiek eine Silbermünze in der Hand, die Jahrzehnte zuvor Tausende Kilometer entfernt geprägt worden war. Wie viele Menschen sie auf ihrem Weg nach Rügen besessen hatten, wissen wir nicht, welche Flüsse, Straßen und Meere sie überquert hatte, ebenfalls nicht – wir wissen nur, wo ihre Reise irgendwann endete: unter dem Boden eines Hauses am Großen Jasmunder Bodden.

Und vielleicht ist das die schönste Erkenntnis dieser Geschichte: Rügen lag damals nicht irgendwo abgelegen am Rand Europas. Das Meer vor der Haustür war seine Verbindung zur Welt.

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