Spricht man mit Seglern über Boote mit markantem Aufbau, hört man oft denselben Satz: „Ach, das ist doch eine Decksalon Yacht, oder?“ Und nicht selten zeigt der Finger dann auf einen Motorsegler wie eine Nauticat, eine Fisher oder einen anderen klassischen Motorsegler.
Das Problem: Motorsegler und Decksalon-Yachten werden bis heute verwechselt – oder sogar synonym verwendet. Dabei stehen sie für zwei völlig verschiedene Konzepte. Unterschiedliche Epochen, unterschiedliche Philosophien, unterschiedliche Antworten auf das Leben auf dem Wasser.
Ich habe selbst lange gebraucht, um diesen Unterschied klar zu greifen. Denn auf Fotos sehen beide Konzepte zunächst erstaunlich ähnlich aus: hoher Aufbau, große Fenster, viel Volumen. Erst an Bord erkennt man, dass sie aus zwei ganz verschiedenen Welten stammen.

Inhaltsverzeichnis
Motorsegler: Kind der 70er und 80er
Motorsegler sind Boote, die vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren ihre Blütezeit hatten. Es war eine Epoche, in der viele Segler mehr Komfort und Sicherheit suchten, ohne gleich auf die Segel zu verzichten.
Typische Vertreter wie die Fisher 30, die Nauticat 33 oder die LM-Werft-Boote aus Dänemark sind wahre Klassiker geworden. Ihr Konzept:
- ein kräftiger Motor, mit dem man auch längere Distanzen sicher unter Maschine zurücklegen konnte,
- ein vergleichsweise schwerer Rumpf mit geschütztem Steuerhaus, so sich der primäre Steuerstand des Bootes befindet
- ein Segelplan, der zwar funktioniert, aber nie auf sportliche Performance ausgelegt war.
Wer in einen Motorsegler steigt, spürt sofort diese Seventies-Atmosphäre: viel Holz, funktionale, manchmal etwas dunkle Innenräume, und ein Gefühl von Solidität. Motorsegler waren Boote für Familien, für Langfahrtträumer, für Menschen, die sich nicht von Flauten oder Gegenwind ausbremsen lassen wollten.

Decksalon-Yachten: Aufstieg in den 90ern
Ganz anders die Decksalon-Yachten. Sie sind eine Antwort auf die veränderten Ansprüche ab den 1990er-Jahren. Werften wie Moody, Sirius oder Contest haben erkannt, dass moderne Segler nicht nur sicher von A nach B kommen wollen, sondern dass das Wohnen an Bord immer wichtiger wird.
Der typische Decksalon unterscheidet sich vom Motorsegler fundamental:
- Statt eines geschlossenen Steuerhauses gibt es einen erhöhten, lichtdurchfluteten Salon mit großen Fenstern.
- Statt dunkler Eiche und engen Kojen dominieren Panoramablicke, helle Hölzer und großzügige Raumaufteilung.
- Anstatt kompromisse im Cockpit einzugehen, besitzen alle Decksalon Yachten ein vollwertiges Cockpit. Dort ist der primäre Steuerstand des Bootes
Eine Sirius 35 DS oder eine Moody 45 DS sind dafür Paradebeispiele: Man sitzt im Salon und sieht fast wie in einem Wintergarten nach draußen. Wer aus der Welt der klassischen Motorsegler kommt, ist oft überrascht, wie hell und wohnlich sich eine moderne Decksalon-Yacht anfühlt.

Steuerhaus vs. Decksalon – der entscheidende Unterschied
Auf Fotos sehen sich Motorsegler und Decksalon-Yachten manchmal ähnlich: ein hoher Aufbau, große Fenster, ein geschützter Bereich. Doch wer einmal an Bord steht, merkt sofort, wie unterschiedlich die Konzepte wirklich sind.
Der entscheidende Hinweis steckt dabei bereits im Begriff. In dem einem Aufbau liegt der Fokus auf das „Steuern“ – in dem anderen Aufbau liegt der Fokus auf den „Salon“ und damit auf der Wohnlichkeit.


Das Steuerhaus des Motorseglers
Bei einem klassischen Motorsegler – etwa der Fisher 34 oder einer Nauticat 33 – ist das Steuerhaus ein zentraler Raum. Es erfüllt gleich mehrere Funktionen:
- Der Steuerstand ist vollwertig: Hier steuert man unter Motor und nicht selten auch unter Segel, da selbst die Winschen in Griffweite sind, wie bei meiner Telsche.
- Es gibt oft eine kleine Sitzgruppe oder Bank – praktisch, aber eher funktional gedacht. Ein Tisch ist wenn überhaupt optional zum Aufbauen verfügbar, versperrt dann aber viel Platz im Steuerhaus
- Unter Deck findet man zusätzlich den eigentlichen Salon mit Tisch, Sofas und Stauraum. Das macht Motorsegler zu Booten mit erstaunlich viel Raum für ihre Größe – allerdings sind die Räume meist kleiner aufgeteilt und wirken dunkler.
- Kompromisse werden dann in der Konsequenz immer im Cockpit gemacht. Ein Motorsegler hat meist kein vollwertiges Cockpit sondern einfach nur einen kleinen Bereich achtern im Freien
Das Steuerhaus war in den 70er- und 80er-Jahren die Antwort auf schlechtes Wetter: ein geschützter Arbeitsplatz, an dem man das Boot auch bei Sturm oder Regen bequem von innen führen konnte.

Der Decksalon der modernen Yachten
Bei einer Decksalon-Yacht ist das Konzept anders. Hier geht es nicht darum, ein funktionales Steuerhaus zu haben, sondern um einen hellen und höher gelegten Salon mit Aussicht:
- Der erhöhte Salon ist der zentrale Lebensraum – mit Tisch, Sofas und Panoramablick.
- Ein Innensteuerstand ist zwar oft vorhanden, aber stark reduziert. Meist ein Rad oder Joystick, geeignet für kleine Manöver oder Kurs Korrekturen bei schlechtes Wetter – aber nicht für stundenlanges Steuern oder das Bedienen der Winschen
- Küche und Wohnraum gehen häufig fließend ineinander über. Moderne Konzepte – wie bei Sirius – integrieren die Kombüse direkt in den Decksalon, sodass Kochen, Wohnen und Steuern an einem Ort stattfinden.
Das Ergebnis ist ein völlig anderes Wohngefühl: Statt vieler kleiner Räume gibt es einen großen, lichtdurchfluteten Raum.

Unterschied im Aufbau
Auch von außen erkennt man die Unterschiede:
- Ein Motorsegler-Steuerhaus ist meist höher und wirkt blockiger, fast wie ein kleiner Aufbau aufgesetzt auf den Rumpf und hat wenn überhaupt ein nur sehr kleines Cockpit.
- Ein Decksalon ist eleganter integriert, flacher und stärker auf Design bedacht. Der Übergang von Deck zu Salon wirkt moderner, die Fensterflächen sind großzügiger und weiter nach hinten gezogen.


Vergleich: Motorsegler vs. Decksalon-Yacht
| Merkmal | Motorsegler | Decksalon-Yacht |
|---|---|---|
| Epoche | 1970er–1980er (Blütezeit) | 1990er–2000er (Aufstieg, bis heute aktuell) |
| Philosophie | Sicherheit & Unabhängigkeit vom Wind – Motor als gleichwertiger Antrieb | Wohnkomfort & Licht – Segelyacht mit loftartigem Wohnraum |
| Aufbau | Steuerhaus: hoher Aufbau, blockiger, funktional | Decksalon: eleganter Aufbau, flacher integriert, große Fensterflächen |
| Innenraum | Zwei Räume: – Steuerhaus mit vollwertigem Steuerstand – separater Salon darunter | Ein großer, erhöhter Raum: – Salon mit Tisch, Sofas, oft Pantry integriert – reduzierter Innensteuerstand |
| Steuerstand | Vollwertig innen + oft außen, für lange Fahrt geeignet | Außensteuerstand zentral, Innensteuerung meist optional & stark reduziert |
| Wohngefühl | Dunkler, holzbetont, geborgen, funktional | Hell, lichtdurchflutet, Panorama, „Wohnzimmer mit Aussicht“ |
| Segelleistung | Schwer, stabil, eher gemütlich, nicht hoch am Wind | Moderne Segelleistung, vergleichbar mit Cruisern, oft agiler |
| Motorisierung | Stark dimensioniert, häufig 40–70 PS bei 30 Fuß – gedacht für Dauerbetrieb | Übliche Segelyacht-Motorisierung, ca. 20–40 PS bei 30 Fuß |
| Typische Vertreter | Fisher, Nauticat, LM, Finnclipper | Moody Eclipse/DS, Sirius DS, Contest, Amel, Oyster |
| Gebrauchtmarkt | Viele ältere Boote, robust, oft bezahlbar, aber wartungsintensiv | Jüngere Boote, seltener und teurer, moderner Komfort |
| Missverständnis | Wird fälschlich oft als „Decksalon“ bezeichnet wegen des Steuerhauses mit Fenstern | Wird fälschlich manchmal „Motorsegler“ genannt, weil Aufbau hoch wirkt |
Warum die Verwechslung so häufig ist
Dass Motorsegler und Decksalon-Yachten verwechselt werden, hat drei einfache Gründe:
- Optik: Beide haben einen höheren Aufbau als klassische Segelyachten.
- Fenster: Mehr Licht, mehr Glasflächen – oberflächlich wirkt das ähnlich.
- Begriffe: Im Sprachgebrauch werden die Wörter unsauber genutzt – und Makler nutzen „Decksalon“ manchmal als Verkaufsargument, selbst bei klassischen Motorseglern.
Gerade deshalb ist es wichtig, den Unterschied zu kennen. Wer eine gebrauchte Decksalon Yacht sucht und am Ende einen gebrauchten Motorsegler kauft, erlebt womöglich eine Überraschung – im Guten wie im Schlechten.
Mein persönlicher Blick
Ich muss gestehen: Auch wenn ich mich tief in die Welt der Motorsegler eingearbeitet habe, schaue ich regelmäßig sehnsüchtig auf Decksalon-Yachten. Vor allem die Boote von Sirius haben es mir angetan. Da sitzt man im Salon und hat dieses „Tiny House auf dem Wasser“-Gefühl – lichtdurchflutet, gemütlich und modern und trotzdem noch das vollwertige Cockpit, indem einem der Wind um die Nase weht.

Aber: Diese Boote sind selten unter 250.000 € gebraucht zu bekommen. Ein Motorsegler wie die Fisher 30 oder Nauticat 33 ist dagegen für 40.000–80.000 € realistisch zu haben. Das ist ein gewaltiger Unterschied – nicht nur im Anschaffungspreis, sondern auch in der Frage, welche Art von Segeln man eigentlich betreiben möchte.
Fazit: Zwei Welten – beide mit Charme
Die Frage „Decksalon Yacht oder Motorsegler?“ ist also mehr als eine technische Abwägung. Es ist eine Frage der Epoche, des Stils und der eigenen Haltung zum Segeln.
- Motorsegler sind Boote aus den 70ern und 80ern. Solide, seetüchtig, oft günstiger – aber auch älter, dunkler und wartungsintensiver.
- Decksalon Yachten sind Produkte der 90er und 2000er. Modern, hell, wohnlich – aber auch teurer und klar auf eine andere Zielgruppe zugeschnitten.
Für mich bleibt es ein Abwägen zwischen Nostalgie und Moderne: Der robuste Motorsegler, der einen bei jedem Wetter sicher nach Hause bringt. Oder die Decksalon Yacht, die Licht und Wohnkomfort auf ein neues Niveau hebt.
Vielleicht ist die richtige Antwort gar nicht „oder“ – sondern die Erkenntnis, dass beide Konzepte ihre Berechtigung haben. Und dass es am Ende weniger um die Epoche geht, sondern darum, welches Boot am besten zum eigenen Lebensstil passt.
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FAQ – Häufig gestellte Fragen
Sind Motorsegler und Decksalon-Yachten dasselbe?
Nein. Motorsegler und Decksalon-Yachten sind zwei verschiedene Konzepte. Motorsegler stammen überwiegend aus den 1970er- und 80er-Jahren, mit starkem Motor, Steuerhaus und separatem Salon. Decksalon-Yachten sind Kinder der 1990er- und 2000er-Jahre: lichtdurchflutete Segelyachten mit einem erhöhten Wohnsalon und reduziertem Innensteuerstand.
Warum werden Motorsegler oft fälschlich als Decksalon bezeichnet?
Weil beide Bootstypen einen hohen Aufbau und große Fenster haben. Von außen wirkt das ähnlich. Der Unterschied zeigt sich erst innen: Beim Motorsegler gibt es ein vollwertiges Steuerhaus und einen separaten Salon darunter, während bei Decksalon-Yachten alles in einem großen, erhöhten Wohnraum verschmilzt und es weiterhin ein vollwertiges Cockpit gibt.
Was ist der Hauptunterschied zwischen einem Steuerhaus und einem Decksalon?
Das Steuerhaus eines Motorseglers ist ein funktionaler Raum mit echtem Steuerstand für lange Fahrten. Der Salon liegt separat darunter. Der Decksalon dagegen ist ein heller Wohnraum mit Tisch und Sofas, der auf Höhe des Decks liegt. Ein Innensteuerstand ist dort zwar oft vorhanden, aber eher reduziert und nicht für Dauerbetrieb gedacht.
Welche Epoche prägen Motorsegler und welche die Decksalon-Yachten?
Motorsegler waren in den 1970er- und 80er-Jahren sehr beliebt – geprägt vom Wunsch nach Sicherheit und einem kräftigen Motor. Decksalon-Yachten kamen in den 1990er- und 2000er-Jahren auf und spiegeln die Sehnsucht nach Licht, Wohnkomfort und modernem Design wider und sind bis heute beliebt.
Moin Sebstian,
ja die Fischer, bei mir war es die 31er von Northshore 99 auf der Messe in Düsseldorf angesehen und 2000 wollten meine Mutter und ich noch mal hin. Der Messecomputer „Kati“ spuckte aber nix aus. Aber Northshore hatte einen Stand, also da hin und dort lag als Weltpremiere die Southerly 110, platt auf dem allenboden mit eingeklapptem Kiel. Da wir hauptsächlich auf der nordsee unterwegs sind, waren wir gleich verliebt – die 110er allerdings unbezahlbar…
So wurde es eine Southerly 100 von 85, quasi eine Cousine deiner Telsche, deren Konzept vieles miteinander vereinbarte, echtes Cockpit, echten Inennsteuerstand, ordentlichen Salon und Küche mit Ausblick. Sie war somit kein reinrassiger Motorsegler aber auch noch keine Decksalonyacht. Dazu kam dank genialem Schwenkkiel der reduzierbare Tiefgang. Später aht Northshore echte Decksalon Boote wie die 35RS gebaut und Boote wie unsere jetzige 32er mit sehr Lichtdurchflutetem Innenraum aber ohne echten Innensteuerstand, was wir aucher durch eine stabile und auch während der Fahrt vollwertig nutzbare Kuchenbude ausgeglichen haben.
Hey Hendrik! Danke für deinen Kommentar. Super spannend. Die Southerly Boote kannte ich noch gar nicht. Habe mir die gerade mal angeschaut. Cousine find ich gut. Sehen wirklich spannend aus!