Mein Boot, das Haus am Meer für kleines Geld?

Dieses Wochenende sind wir auf dem Boot. Aber ohne die Leinen loszuwerfen, ohne den Motor zu starten, ohne die Segel zu setzen. Dieses Wochenende ist Telsche mehr Haus am Meer statt Fortbewegungsmittel oder Freizeitgerät.

Aber was kostet eigentlich so ein „Haus am Meer“? Hier der transparente Breakdown was es kostet ein Schiff wie Telsche zu erwerben und als Ferien Domizil zu unterhalten. Und die Antwort auf die Frage: lohnt sich das wirklich alles?

Das Wetter ist hier gerade ein Traum. 24 Grad, keine Wolke am Himmel. Es weht lediglich eine ganz leichte Briese. Die Ostsee ist angenehm warm und die perfekte Abkühlung nach dem Sonnenbad.

Ich liege im Strandkorb und frage mich: rechnet sich das eigentlich wirklich alles?

Wir sind mit dem Elektroauto hier her gekommen. Sind ganz entspannt mit 120 Km/h im Schnitt von Berlin am Freitag Nachmittag spontan in 3 Stunden hier hochgedüst. Die Wettervorhersage war traumhaft, wir hatten eh nix anderes geplant. Also raus zum Boot und ab an den Strand.

Auch dieses Szenario war Teil meiner Überlegungen, als wir damals das Boot gekauft haben und ich mir versucht habe vorzustellen, wie man Telsche wohl nutzen wird:

„Hey wir können einfach ganz spontan an die Ostsee fahren, auf dem Boot übernachten und Zeit am Strand verbringen. Egal ob man jetzt segelt oder nicht“

Lange war die Überlegung, ob Chartern nicht eigentlich schlauer wäre. Man muss keine größere Summe für das eigene Boot aufbringen, man hat nicht die ganze Arbeit, man hat keine Sorgen wenn an der Ostsee ein schlimmer Sturm aufzieht – aber man ist auch einfach nicht so flexibel. Chartern geht nur in festen Zeitfenstern und man muss sowas mit ausreichend Vorlauf buchen.

Kajüte und Koje statt Hotelzimmer und Bett ist auf Dauer vielleicht einfach günstiger?

Wir sind früher viel übers Wochenende spontan nach Usedom gefahren. Hotel gebucht, hingefahren, am Strand gewesen, Frühstück im Hotel, zweimal am Tag Essen gehen und die Ostsee genießen. 

Der Preis dafür war nicht unerheblich. Locker 600-700 Euro nur für Verpflegung und Übernachtung fürs Wochenende von Freitag zu Sonntag. Und im Endeffekt hat man sich eh nur zum Schlafen im Hotel aufgehalten. 

Wir haben das durchaus 3-4 mal im Jahr spontan gemacht und somit zwischen 2.000 – 3.000 Euro für Kurzurlaube an der Ostsee ausgeben. Klar. Ein ziemlicher Luxus und nicht selbstverständlich. 

Dieser Betrag entspricht nun ziemlich genau den Kosten die ich pro Jahr für den Liegeplatz und das Winterlager von Telsche auf Rügen ausgebe. 

Das heisst das Budget was wir früher für solche spontanen Urlaube hatten fliesst heute schon ganz grob alleine in die Kosten für die ganzjährige Unterbringung des Bootes.

Der Vorteil: wir können jetzt jederzeit herfahren wenn das Wetter lockt, haben lediglich die Fahrtkosten mit dem Elektroauto, verpflegen uns nun weitestgehend selbst auf dem Boot und auch ohne Segeln zu gehen stehen uns alle Vorzüge der Insel offen. So wie heute fahren wir einfach mit dem Auto an den nächsten Strand. 

Damit fühlt es sich gerade wirklich ein wenig so an als hätten wir ein kleines Haus am Meer. Ein sehr kleiner Aussenposten für die Familie, um der Hitze, Enge und Hektik der Stadt zu entfliehen.

Schaue ich ins Logbuch stelle ich fest: in den letzten knapp vier Monaten waren wir schon sieben Mal auf Telsche! Ich bin mit heute bereits den 22. Tag auf dem Boot. Das ist im ersten Jahr sicherlich mehr als in Zukunft – aber ich plane durchaus damit pro Jahr ca. 30 Tage aufs Jahr verteilt auf dem Boot zu verbringen.

Also was kostet wohl jeder einzelne Tag auf dem Schiff unterm Strich?

Dafür müsste man jetzt wesentlich mehr Faktoren in Betracht ziehen. Den Wertverlust des Bootes, die Opportunitätskosten des gebundenen Kapitals und natürlich die Instandhaltung.

Selbst wenn man ein wahnsinnig Wert stabiles gebrauchtes Boot kauft (und die Fisher Boote wie Telsche eins ist, zählen definitiv dazu), sind hier irgendwas zwischen 25.000 – 60.000 Euro ganz schnell weg und damit Kapital gebunden was anstatt einem 5% Erträge zu erwirtschaften, plötzlich eher 10% an Instandhaltung pro Jahr verschlingt. 

Telsche hat ursprünglich 40.000 Euro gekostet und wenn ich mal alle Belege aufsummiere von Dingen die ich kurz nach dem Kauf ins Boot stecken musste, um aus einem Schiff aus den 70iger Jahren ein neues modernes und vor allem sicheres Boot zu machen, kommen noch mal 20.000 Euro oben drauf. Ganz viel Elektrik, aktuelle Navigationsgeräte, Sicherheitsausrüstung und Erneuerung von Dingen die nach über 40 Jahren einfach mal ausgetauscht werden sollten.

Das heißt hier sind 60.000 Euro initial in das Haus am Meer geflossen. Ich mache mir das jetzt mal einfach und nehme an, dass der Wertverlust von Telsche gegen Null tendiert. Schaut man sich die Preise von Fisher Booten inflationsbereinigt über die letzten Jahrzehnte an, ist das nicht völlig bei den Haaren herbeigezogen – auch wenn der Markt für solche Boote vermutlich nicht sehr liquide ist und die potentiellen Käufer wohl eher rar gesäht sind.

Hätte ich die 60.000 Euro am Kapitalmarkt angelegt, anstatt sie in einen Traum vom eigenen Boot zu investieren und damit 5% Rendite erwirtschaftet, habe ich also jedes Jahr Opportunitätskosten von 3.000 Euro, die in meine Kalkulation mit einfliessen müssen.

Für die Instandhaltung setze ich jetzt einmal 3.000 Euro im Jahr an. Ob das reicht oder nicht hängt stark davon ab, wievielt man in der Lage ist selbst am Boot zu machen. Arbeiten die jedes Jahr anfallen sind:

  • Antifouling und Polieren des Rumpfes
  • Schleifen und Lackieren vom Holz
  • Ölwechsel, Impeller Wechsel und generell Motor Service
  • Dann plane ich mit 200 Liter Diesel im Jahr
  • Und dann muss einfach immer etwas repariert werden
  • Und hier und da kauft man sicher noch mehr Equipment

In meinem Fall mache ich viel selbst und das Budget sind vor allem Materialkosten und ein paar Stunden Service Experte hier vor Ort im Hafen für Sachen die ich nicht selbst machen kann.

Damit komme ich über den Daumen kalkuliert auf stolze 9.000 Euro im Jahr Unterhalt für das Boot:

  • 3.000 Euro für den Liegeplatz
  • 3.000 Euro Opportunitätskosten
  • 3.000 Euro Instandhaltungskosten

Dafür kann man auch ziemlich gut 10-14 Tage mit der Familie in einer guten Club Anlage am Mittelmeer Urlaub machen und hat definitiv weniger Sorgen und Arbeit als so ein Boot in jedem Fall verursacht.

Rechne ich mir das nur auf die 30 Tage pro Jahr auf dem Boot runter lande man bei der Erkenntnis, dass jeder Tag auf dem Boot 300 Euro kostet. Und damit sind wir wieder wo ich angefangen habe: Das entspricht sowohl ungefähr dem Preis pro Nacht im Hotel an der Ostsee inkl. auswärts Essen gehen oder auch ca. dem Preis pro Tag, wenn man ein Boot an der Ostsee chartern würde mit allem drum und dran.

Geht das noch günstiger? Bestimmt. Ob man die Opportunitätskosten einkalkulieren will oder nicht, sei jedem selbst überlassen. Findet man einen Segelverein mit Liegeplätzen, kann man bestimmt dort noch mal sparen. Und man kann natürlich noch viel mehr selbst machen und noch sparsamer sein, wenn es um die Instandhaltung geht. Aber ich denke für mich sind das soweit angemessene und realistische Zahlen.

Lohnt sich das nun eigentlich alles finanziell?

Tja – meine Frau würde jetzt vermutlich sagen: „Club-Urlaub in Griechenland ist auch sehr sehr schön!“ Ein Boot zu haben ist definitiv ein außerordentlicher Luxus. Gehe ich hier über den Steg dieses Wochenende würde ich sagen dass 75% aller Crews Renter sind, für die das eigene Boot wohl Teil ihres wohl verdienten Ruhestandes geworden ist und die das auch entsprechend anders kalkulieren.

Telsche ist keine super teure moderne Segelyacht und damit auch kein Raumwunder. Die Kalkulation für ein Boot aus einer aktuellen Serie von Bavaria und Co. sehe definitiv noch mal ganz anders aus. Da sprechen wir dann über kleine bis mittlere sechsstellige Beträge und ich denke, dann bewegt man sich wirklich bei der Kalkulation im Vergleich mit einer Eigentumswohnung und nicht mehr im Vergleich mit dem jährlichen Urlaubsbudget, wie ich das gerade getan habe.

Liege ich hier am Strand und schaue meinem Sohn beim Sandburgen bauen und Baden zu, schliesse ich die Augen an Deck, wenn der Wind Telsche durchs Wasser schiebt, stehe ich morgens mit dem Blick auf eine traumhafte Ankerbucht mit einer Tasse Kaffee an Deck, ziehe ich mit aller Kraft an der Genua Schot während Telsche in die Welle eintaucht oder liege ich Abends in der Koje und das Boot schaukelt mich sanft leicht hin und her – dann weiss ich: es lohnt sich!

Ich tausche gerne Komfort von Hotel gegen Freiheit auf dem Boot. Die Arbeiten am Boot, das Abwaschen des Geschirrs, der nächtliche Gang zum Waschhaus im Hafen, die Schrammen am Körper vom Stoßen, der Nervenkitzel beim Hafenmanöver, das Glück an den Einfachen Dingen im Leben und das Arrangieren mit Wetter, Wind und auch der Enge an Bord – all das ist auch irgendwo gewolltes Kontrastprogramm zum täglichen Stress im Beruf und Alltag in der Großstadt.

Man darf sich definitiv nicht in die Tasche lügen, was das wirklich alles kostet, wenn man sich entschliesst ein Boot zu kaufen. Man muss sich klar darüber sein, dass gemessen an der Zeit die man realistisch gesehen auf dem Boot verbringt, der Sache nicht unerhebliche Kosten entgehen stehen, die es in Summe ein kostspieliges Unterfangen sein lässt.

Aber das Gefühl von Freiheit, Unbeschwertheit und Lebensfreude ist es definitiv wert.

3 Gedanken zu “Mein Boot, das Haus am Meer für kleines Geld?

  1. Danke für diese ehrliche Kostenaufstellung. Ich habe mich vom 7 Meter Kimmkieler in einer gewerblichen Marina auf eine 5 Meter Kajütjolle am See um die Ecke verkleinert. Dank Miniboot kann ich einhand alles selbst erledigen. Im Verein habe ich einen sehr günstigen Liegeplatz. Übernachtung mit Familie ist natürlich in der kleinen Koje nicht möglich. Aber den Privatstrand im Verein am Steinberger See liebt mein Sohn.
    Viele Grüße von
    Kerstinundsyshadow.wordpress.com

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