Telsche

Logbuch eines Motorseglers

Die Kreideverladebrücke im Hafen von Wiek

Die Brücke, die auf ihre Schiffe wartete: Rügens Kreidehafen in Wiek

Foto: Rainer Halama, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0

Baubeginn 1912 nie für ihren Zweck in Betrieb genommen seit 2014 begehbare Promenade
Sebastian Küpers
Sebastian Küpers 20.08.2026 · 7 Min. Lesezeit

Wenn wir heute mit dem Boot in Wiek einlaufen, fällt sie sofort auf: eine lange Betonbrücke, die sich vom Ufer hinaus über das Hafenbecken schiebt. Sie ist viel zu groß, um einfach nur ein Steg zu sein – sie führt zu keinem Gebäude, kein Schiff macht dort fest, keine Straße verläuft über sie. Heute kann man auf ihr spazieren gehen und über den Wieker Bodden nach Hiddensee schauen. Aber dafür wurde sie nicht gebaut.

Vor mehr als hundert Jahren sollte hier etwas ganz anderes passieren. Züge sollten Kreide aus dem Norden Rügens bringen, Förderanlagen sollten das weiße Gestein bis über das Wasser transportieren, darunter sollten Lastkähne liegen. Wiek sollte Teil einer Industrie werden, die Rügen weit über die Insel hinaus mit der Welt verband. Die Brücke wurde gebaut. Die Schiffe kamen nie.

Die Kreideverladebrücke im Hafen von Wiek
Die Kreidebrücke im Hafen von Wiek, heute – mehr als hundert Meter Stahlbeton, gebaut für Schiffe, die nie kamen.

Rügen war nicht nur Ferieninsel

Wenn wir heute an Rügen denken, denken wir bei Kreide wahrscheinlich zuerst an die Kreidefelsen: Königsstuhl, Victoriasicht, Caspar David Friedrich, weiße Klippen über blauem Wasser. Doch Kreide war auf Rügen nicht nur Landschaft. Kreide war ein Rohstoff.

Seit dem 19. Jahrhundert wurde sie auf der Insel zunehmend industriell abgebaut, der Beginn dieser langen industriellen Tradition wird auf 1832 datiert. Allein auf Jasmund sind heute noch rund 40 historische Kreidebrüche bekannt. Männer schlugen das Material aus den Kreidewänden, es wurde transportiert, aufbereitet und verschifft – und die Arbeit war hart. Historische Beschreibungen berichten von Arbeitstagen von zwölf bis vierzehn Stunden: Mit Spitzhacken lösten Arbeiter die Rohkreide aus den Wänden, bei Sonne trocknete sie aus, bei Regen verwandelte sie sich in klebrigen Schlamm und ließ sich kaum bearbeiten. Aus der weißen Landschaft Rügens wurde ein Industrieprodukt.

Hunderttausende Tonnen Kreide

Die Dimensionen dieser Industrie sind heute kaum noch vorstellbar. 1928 wurden rund 500.000 Tonnen Rohkreide über Sassnitz und Martinshafen verschickt, ein großer Teil ging an Zementwerke im Bereich der Odermündung. Weitere Kreide wurde aufbereitet und per Schiff oder Eisenbahn zu ihren Abnehmern transportiert. Dafür brauchte man Infrastruktur: Eisenbahnen, Häfen, Verladeanlagen.

Sassnitz wurde zu einem wichtigen Umschlagplatz, von den Jasmunder Kreidebrüchen führte zeitweise sogar eine Seilbahn zum Hafen, andere Transporte liefen über eine Kreidebahn nach Martinshafen. Aber irgendwann entstand eine noch größere Idee: Warum sollte man die Kreide nur über Jasmund verschiffen? Im Norden Rügens lagen weitere Vorkommen. Und auf der anderen Seite von Wittow gab es einen natürlichen Hafen. Wiek.

Ein Hafen für Fischer – und für Kreide

Wiek liegt geschützt am Wieker Bodden, zwischen Wittow und dem Bug, über den Rassower Strom und den Libben besteht die Verbindung Richtung Ostsee. Wer heute mit dem Boot dort liegt, versteht den Vorteil sofort.

Bereits 1890 begann der Ausbau des Hafens. Er sollte einerseits den Fischern dienen, andererseits aber auch dem Abtransport von Kreide aus geplanten Abbaugebieten im Bereich von Kap Arkona. Gleichzeitig kam die Eisenbahn: In den 1890er-Jahren wurde Wiek an das Netz der Rügenschen Kleinbahn angeschlossen, der Bahnhof lag unmittelbar am Wasser. Damit waren zwei Dinge vorhanden, die man für einen großen Umschlagplatz brauchte – ein Hafen und eine Eisenbahn. Jetzt fehlte nur noch die Verbindung zwischen beiden.

Der Kreidehafen Wiek mit der Verladebrücke
Der Hafen von Wiek mit der Verladebrücke – hier sollte Kreide von der Bahn direkt auf Schiffe umgeschlagen werden.

Also baut man eine Brücke ins Wasser

1912 begann der Ausbau des Kreidehafens. Herzstück sollte eine gewaltige Verladeanlage werden: Rund 130 bis 140 Meter lang und etwa 4,5 Meter breit ragte die Konstruktion vom Ufer hinaus über das Wasser – gebaut aus einem Material, das damals selbst noch ziemlich modern war: Stahlbeton. Die Wieker Kreidebrücke gehört deshalb zu den frühen großen Stahlbetonbauwerken im Ostseeraum.

Sie war keine Brücke im heutigen Sinn. Niemand sollte damit auf die andere Seite des Boddens gelangen – sie war eine riesige Verladerampe. Die Idee dahinter war logisch: Die Kreide sollte mit der Bahn aus den Abbaugebieten nach Wiek kommen, von dort über die Brücke bis hinaus über das Hafenbecken transportiert und direkt auf darunterliegende Schiffe beziehungsweise Lastkähne verladen werden. Neben Kreide waren offenbar auch andere Massengüter wie Kohle und Rüben für den Umschlag vorgesehen.

Wenn alles funktioniert hätte, hätte man von einem Boot im Wieker Bodden vermutlich ein völlig anderes Bild gesehen: Eisenbahnwagen am Hafen, Arbeiter, Fördertechnik, Kreidestaub, Lastkähne unter der Brücke, vielleicht Schiffe, die darauf warteten, ihre Ladung Richtung Festland zu bringen. Wiek wäre nicht nur Fischerdorf und Hafen gewesen. Es wäre ein Industriehafen geworden.

Und dann beginnt 1914 der Krieg

Ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Kreidebrücke weitgehend fertiggestellt wurde, begann der Erste Weltkrieg. Die wirtschaftlichen und militärischen Prioritäten änderten sich, die Arbeiten am Kreidehafen wurden zunehmend beeinträchtigt. 1915 kamen wesentliche Teile des Projekts zum Erliegen. Das große Projekt kam nie mehr richtig in Gang – die industrielle Zukunft, für die die Brücke gebaut worden war, trat nicht ein.

Eine fertige Brücke ohne Aufgabe

Und damit stand im Hafen von Wiek plötzlich ein bemerkenswertes Bauwerk: mehr als hundert Meter Stahlbeton, gebaut für eine Verladeanlage – aber ohne die Kreidemengen, für die sie gedacht war, ohne den regelmäßigen Zugverkehr aus den geplanten Abbaugebieten, ohne die Schiffe darunter. Die Kreidebrücke wurde für ihren eigentlichen Zweck nie regulär in Betrieb genommen.

Das ist das Faszinierende an ihr. Viele Industriedenkmäler erzählen davon, wie Menschen früher gearbeitet haben: alte Fabriken, Werften, Bahnhöfe, Maschinenhallen. Die Wieker Kreidebrücke erzählt etwas anderes. Sie erzählt von einer Zukunft, die geplant war und nie eintrat.

Während anderswo die Kreideindustrie weiterwächst

Die Kreideindustrie auf Rügen verschwand nämlich keineswegs. Im Gegenteil: Andere Standorte entwickelten sich weiter. Über Sassnitz und Martinshafen wurden weiterhin enorme Mengen verschifft, nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten 1946 noch 19 Kreidebrüche auf der Insel. Später konzentrierte die DDR die Produktion zunehmend und errichtete ab Ende der 1950er-Jahre das neue Kreidewerk bei Klementelvitz. Rügens Kreide wurde weiter abgebaut, weiter verarbeitet, weiter verkauft. Nur Wiek spielte dabei nie die Rolle, für die seine gewaltige Betonbrücke gebaut worden war.

Jahrzehnte passiert fast nichts

Und so blieb sie stehen. Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt: Der Erste Weltkrieg endete, die Weimarer Republik kam und ging, es folgten Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg, dann DDR und Wiedervereinigung. Im Hafen änderten sich die Schiffe, die Eisenbahn verschwand, Wiek entwickelte sich zum Urlaubsort und Yachthafen. Aber die Brücke blieb – ein riesiges Stück Beton für Schiffe, die nie gekommen waren.

Hundert Jahre später bekommt sie doch noch eine Aufgabe

Fast exakt hundert Jahre nach ihrer Errichtung wurde die Kreidebrücke grundlegend saniert. 2014 eröffnete sie wieder – aber nicht als Industrieanlage, sondern als „schwebende Promenade“. Heute kann man auf ihr hinaus über das Wasser laufen, bei guter Sicht reicht der Blick über den Wieker Bodden bis nach Hiddensee. Eigentlich ist das eine ziemlich schöne zweite Karriere: Ein Bauwerk, das dafür gedacht war, Tausende Tonnen Kreide über das Wasser zu transportieren, trägt heute Spaziergänger.

Panorama des Hafens von Wiek
Der Hafen von Wiek heute – Yachthafen statt Industriehafen, die Brücke ganz links im Bild.

Die Zukunft, die nie kam

Vielleicht funktioniert die Geschichte der Kreidebrücke gerade vom Boot aus besonders gut. Wenn wir mit Telsche nach Wiek kommen, sehen wir die Brücke nicht einfach als Aussichtspunkt – vom Wasser aus erkennt man ihre eigentliche Dimension, wie weit sie in den Hafen hineinragt. Und plötzlich kann man sich vorstellen, warum: Dort hätte ein Schiff liegen können, darüber die Verladeanlage, dahinter Gleise, irgendwo weiter nördlich Kreidebrüche, dazwischen Züge voller weißem Gestein. Es hätte laut sein können, staubig, geschäftig – ein Industriehafen.

Stattdessen liegen heute Segelboote dort. Menschen laufen über die Brücke und fotografieren den Sonnenuntergang, und wahrscheinlich wissen viele von ihnen gar nicht, dass sie gerade über eine mehr als hundert Jahre alte Investitionsruine spazieren.

Ich mag solche Orte. Nicht weil hier etwas Spektakuläres passiert ist – kein Schiff sank, keine Schlacht wurde geschlagen, niemand floh über die Ostsee. Die Geschichte von Wiek handelt von etwas viel Alltäglicherem: Menschen hatten einen großen Plan. Sie bauten einen Hafen, legten Gleise, errichteten eine damals moderne Stahlbetonkonstruktion. Sie wollten Kreide aus dem Norden Rügens holen und von hier in die Welt verschiffen. Dann änderte sich die Welt schneller als ihr Plan: Der Erste Weltkrieg begann, das Projekt verlor seine Grundlage, die Kreidebrücke blieb zurück.

Mehr als hundert Jahre später steht sie immer noch im Wieker Hafen. Wenn wir mit Telsche daran vorbeifahren, sehen wir deshalb nicht nur ein altes Bauwerk. Wir sehen etwas viel Selteneres: die Ruine einer Zukunft, die Rügen einmal haben sollte.

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