Wenn wir heute südlich an Hiddensee vorbeifahren, sehen wir eine Landschaft, die fast leer wirkt: Der Gellen zieht sich als schmale Landzunge nach Süden, Dünen, Strand, Vögel, flaches Land und Wasser. Am Rand steht der kleine rot-weiße Leuchtturm, der bis heute den Gellenstrom markiert. Viel mehr ist dort nicht.
Vor rund 700 Jahren sah dieser Ort vollkommen anders aus. Hier gab es einen Hafen, eine Kirche, Menschen warteten auf Schiffe, Kaufleute kamen an Land. Und wenn es dunkel wurde, brannte hier draußen ein Licht, das den Schiffen den Weg Richtung Stralsund zeigen sollte – unterhalten von Mönchen. Heute ist fast alles davon verschwunden. Nicht nur die Gebäude: Sogar das Land, auf dem sie standen, existiert nicht mehr. Die Fundamente liegen heute in der Ostsee.

Die Autobahn des Mittelalters führte übers Wasser
Um diese Geschichte zu verstehen, muss man sich die Ostsee des Mittelalters anders vorstellen. Straßen über Land waren langsam und mühsam – wer größere Mengen Getreide, Salz, Hering, Holz, Tuch oder andere Waren transportieren wollte, nutzte das Wasser. Die Ostsee war kein Hindernis. Sie war ein Verkehrsraum.
An ihren Küsten entstanden Handelsstädte, die miteinander ein Netzwerk bildeten: Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund, Greifswald, Danzig, Visby und viele andere. Aus diesem Handelsnetz entwickelte sich die Hanse, und Stralsund gehörte zu ihren bedeutenden Städten. Wer mit einem Schiff von Westen nach Stralsund wollte, musste an einer Stelle vorbei, die wir heute vor allem als Naturschutzgebiet kennen: dem Gellen.
Die Einfahrt nach Stralsund
Der südliche Teil Hiddensees war für die Schifffahrt von enormer Bedeutung. Zwischen Hiddensee und dem gegenüberliegenden Festland beziehungsweise den Inseln und Sandbänken führte das Fahrwasser in Richtung Strelasund und Stralsund – bereits 1254 wird die Einfahrt am Gellen als portu Gellende erwähnt.
Das Fahrwasser war schwierig: flach, eng, von Untiefen geprägt. Größere Schiffe konnten nicht einfach beliebig durch die Boddengewässer fahren, teilweise mussten sie vor dem Gellen auf Reede liegen oder Ladung umschlagen, bevor sie weiter Richtung Stralsund konnten. Damit war der Gellen kein abgelegener Strand. Er lag an einer der Zufahrten zu einer der wichtigsten Handelsstädte der südlichen Ostsee. Und dort entstand etwas, das heute fast vollständig vergessen ist.

Eine Kirche am Ende der Insel
1296 wurde im Norden Hiddensees ein Zisterzienserkloster gegründet. Nur wenige Jahre später errichteten die Mönche weit entfernt vom eigentlichen Kloster, am südlichen Gellen, eine weitere Kirche – vermutlich dem heiligen Nikolaus geweiht, dem Schutzpatron der Seeleute und Kaufleute. Das dürfte kein Zufall gewesen sein.
Die Kirche am Gellen war offenbar eng mit dem Hafen und dem Handelsverkehr verbunden. Archäologische und historische Untersuchungen gehen davon aus, dass sich hier zumindest zeitweise auch eine kleine Ansiedlung und ein Markt befanden – besonders während der Heringssaison dürfte einiges los gewesen sein. Man muss sich den Ort also völlig anders vorstellen als heute: Schiffe liegen draußen, Boote kommen an den Strand, Waren werden umgeladen, Fischer bringen Hering, Kaufleute warten auf Weiterfahrt, Seeleute gehen an Land. Und unmittelbar an diesem maritimen Knotenpunkt steht eine Kirche.
Eine Kirche für Menschen, die vom Meer kamen
Die Gellenkirche war keine gewöhnliche Dorfkirche. 1306 erlaubte der Bischof von Roskilde dort einen Taufstein, 1311 erhielt der Mönch, der die Kirche betreute, ausdrücklich die Erlaubnis, Seeleuten und anderen Ankömmlingen die Sakramente zu spenden. Die Gellenkirche entwickelte sich zu einer Art Kaufmanns- und Seefahrerkirche: Wer nach langer Reise am Gellen ankam, konnte hier eine Messe besuchen, beichten, die Sakramente empfangen, vielleicht für eine sichere Weiterfahrt beten.
Für Menschen des Mittelalters war das keine romantische Tradition. Eine Seereise war gefährlich – Stürme, Untiefen, Schiffbruch, Krankheiten, Piraterie. Ein Schiff konnte einen Hafen verlassen und nie wieder zurückkehren. Und deshalb stand ausgerechnet hier, an der schwierigen Einfahrt Richtung Stralsund, eine Kirche für diejenigen, deren Leben vom Meer abhing.
Aber nachts gab es ein Problem
Tagsüber konnte ein erfahrener Schiffer Küstenlinien, Landmarken und Fahrwasser erkennen. Nachts sah die Welt anders aus: keine beleuchteten Tonnen, keine Sektorenfeuer, kein GPS, kein Radar, kein Plotter. Nur Dunkelheit – und irgendwo darin eine flache Küste voller Untiefen.
Für die Kaufleute Stralsunds war das ein Problem. Ihre Stadt lebte vom Seehandel, jedes Schiff, das sicher den Hafen erreichte, brachte Waren, Geld und Verbindungen in andere Teile Europas. Also trafen die Stadt Stralsund und das Kloster Hiddensee im Jahr 1306 eine bemerkenswert moderne Vereinbarung: Am Gellen sollte ein Leuchtfeuer entstehen.
Stralsund baut – die Mönche machen das Licht
Die Aufgaben wurden klar verteilt. Die Stadt Stralsund sollte den Bau und den Unterhalt des Leuchtturms übernehmen, das Kloster Hiddensee stellte den Wächter – und die Mönche mussten dafür sorgen, dass das Feuer brannte.
Damit entstand am Gellen ein frühes Navigationssystem: die sogenannte Luchte. Das Licht sollte den ankommenden Kaufmannsschiffen Orientierung geben und ihnen helfen, die Einfahrt Richtung Stralsund zu finden. Und das Feuer brannte nicht einfach irgendwann – der Vertrag regelte sogar die Saison: Vom 8. September bis zum 1. Mai sollte es unterhalten werden. Ausgerechnet in den dunklen Monaten, wenn die Nächte lang waren, wenn Herbst- und Winterstürme über die Ostsee zogen, wenn Orientierung besonders schwierig wurde. Dann saß dort draußen am Ende Hiddensees ein Wächter und hielt das Licht am Brennen.
Wie sah dieses Licht aus?
Mit einem modernen Leuchtturm darf man sich die Luchte nicht vorstellen: keine elektrische Lampe, keine rotierende Optik, kein weithin sichtbarer Lichtstrahl. Das Prinzip war viel einfacher – ein Feuer beziehungsweise eine Lichtquelle musste so hoch und sichtbar wie möglich gehalten werden. Entscheidend war nicht, dass das Licht die gesamte Ostsee erhellte. Es musste einem Schiffer draußen im Dunkeln einen Punkt geben: Dort ist der Gellen, dort beginnt die Einfahrt. Von dort aus konnte ein erfahrener Seemann seinen Kurs bestimmen.
Heute schauen wir auf einen Kartenplotter und sehen unser Boot als kleines Symbol. Damals suchte ein Mann auf einem Schiff in der Dunkelheit nach einem winzigen Licht am Horizont.
Und wahrscheinlich war der Betrieb schwieriger als gedacht
Der Bau des Leuchtfeuers verlief offenbar nicht problemlos. Die Arbeiten an Turm und Bollwerk waren schwieriger und teurer als erwartet, ob das Feuer unmittelbar nach der Vereinbarung von 1306 vollständig funktionierte, ist deshalb nicht ganz sicher. Eine Stralsunder Ausgabenrolle von 1346 enthält Zahlungen, die mit der Einrichtung des Leuchtfeuers zusammenhängen – möglicherweise dauerte es also Jahrzehnte, bis die Anlage ihre vorgesehene Form erreicht hatte.
Aber irgendwann brannte das Licht, und über Generationen gehörte es zu dieser Küste. Noch auf der berühmten Pommernkarte von Eilhard Lubin aus dem Jahr 1618 war die Luchte eingezeichnet.
Rundherum wurde gehandelt
Der Gellen war gleichzeitig Teil einer viel größeren Handelswelt. Rügen und Hiddensee lagen mitten in den Warenströmen der Ostsee, eine besondere Rolle spielte der Hering: Im Mittelalter war konservierter Hering ein wichtiges Nahrungsmittel, Salz machte ihn haltbar und damit über weite Strecken transportierbar.
Auch das Hiddenseer Kloster war daran beteiligt. Es besaß Fischereirechte und sogar Anteile an Salzpfannen im weit entfernten Lüneburg – das Salz von dort konnte wiederum zur Konservierung des Herings verwendet werden. Auch enge Verbindungen nach Stralsund sind belegt. Plötzlich entsteht ein erstaunliches Netzwerk: Hering aus der Ostsee, Salz aus Lüneburg, Kaufleute aus Stralsund, Schiffe aus verschiedenen Regionen Europas – und dazwischen ein Kloster auf Hiddensee. Das ist die Welt, in der die Luchte am Gellen brannte.
Und dann gab es noch das Strandrecht
Doch nicht jede Beziehung zwischen den Seeleuten und den Bewohnern Hiddensees war harmonisch. Wenn ein Schiff strandete, bedeutete das für seine Besatzung möglicherweise den wirtschaftlichen Ruin oder den Tod. Für Menschen an der Küste konnte ein Wrack dagegen wertvolle Güter bedeuten: Holz, Seile, Lebensmittel, Ladung, Metall.
Das sogenannte Strandrecht erlaubte Bewohnern unter bestimmten Bedingungen, Güter gestrandeter Schiffe zu bergen und zu behalten – für die Menschen auf Hiddensee offenbar eine wichtige Einnahmequelle. Die Mönche versuchten, diese Praxis einzuschränken, und stießen damit auf erheblichen Widerstand der Inselbewohner. Das ist eine schöne Erinnerung daran, dass die romantische Welt der mittelalterlichen Seefahrt für die Menschen damals vor allem Wirtschaft war: Ein Schiff auf Grund war eine Katastrophe. Aber für andere konnte es ein Geschäft sein.
Irgendwann verschwindet der Ort
Über Jahrhunderte veränderte sich der Gellen. Die Küste wanderte, Stürme griffen den Strand an, Sand wurde fortgetragen und an anderer Stelle wieder abgelagert. Die Kirche verlor ihre ursprüngliche Bedeutung, die Reformation führte 1536 zur Auflösung des Hiddenseer Klosters. Und irgendwann verschwand auch die mittelalterliche Welt am Gellen – aber nicht einfach nur deshalb, weil ihre Gebäude abgerissen wurden. Das Meer holte sich den Ort.
Heute liegen Kirche und Leuchtturm im Wasser
Das ist vielleicht der faszinierendste Teil der ganzen Geschichte. Die Gellenkirche und die Luchte standen im Mittelalter auf Hiddensee. Heute liegen ihre Fundamente westlich der heutigen Küstenlinie in der Ostsee, bei entsprechend niedrigem Wasserstand konnten Reste davon noch dokumentiert werden.
Untersuchungen zeigen, wie massiv sich die Küste hier verändert hat: Zwischen 1695 und 1953 gingen im Bereich der Gellenkirche insgesamt rund 78 Meter Land verloren. Die Ostsee zerstörte also nicht nur die Gebäude. Sie verschob die Grenze zwischen Land und Wasser. Wo früher Menschen zur Kirche gingen, fahren heute Boote vorbei.

Und das ist nicht einmal derselbe Leuchtturm
Wer heute am Gellen entlangfährt, sieht wieder ein Leuchtfeuer: den kleinen rot-weißen Leuchtturm südlich von Neuendorf. Er wurde 1905 bis 1907 gebaut und ging im September 1907 offiziell in Betrieb – bis heute hilft er Schiffen bei der Navigation durch den Gellenstrom.
Mehr als 600 Jahre liegen zwischen ihm und der mittelalterlichen Luchte. Die Technik könnte kaum unterschiedlicher sein. Und trotzdem erfüllen beide Bauwerke im Kern dieselbe Aufgabe: Sie sagen einem Schiff – hier bist du.
Ein Licht für Stralsund
Wenn wir heute mit Telsche vom Strelasund Richtung Hiddensee fahren, ist Navigation selbstverständlich. Wir sehen das Fahrwasser auf der elektronischen Seekarte, wir sehen die Tonnen, wir kennen unsere Position auf wenige Meter. Der Tiefenmesser zeigt uns, wie viel Wasser unter dem Kiel ist, andere Schiffe erscheinen über AIS. Und draußen steht noch immer das Leuchtfeuer Gellen.
Man kann leicht vergessen, wie revolutionär schon ein einziges verlässliches Licht einmal gewesen sein muss. Vor rund 700 Jahren kam vielleicht ein Kaufmannsschiff aus Lübeck oder noch weiter aus dem Westen. Tage auf See lagen hinter seiner Besatzung, es wurde dunkel, vor ihnen lagen Hiddensee, Sandbänke und die schwierige Zufahrt nach Stralsund. Keine Positionsanzeige, keine beleuchteten Tonnen, nur Erfahrung, Küste, Lot. Und irgendwo in der Dunkelheit suchten die Männer nach einem Licht. Wenn sie es sahen, wussten sie: Dort ist der Gellen. Dahinter liegt Stralsund.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich diese Geschichten so faszinierend finde. Wir suchen Geschichte häufig an Land – Burgen, Kirchen, Stadtmauern, Museen. Aber rund um Rügen liegt ein Teil der Geschichte dort, wo wir ihn überhaupt nicht erwarten: unter unserem Kiel. Am Gellen ist das besonders wörtlich zu verstehen. Dort, wo heute Ostseewasser liegt, standen einmal eine Kirche, ein Leuchtfeuer und wahrscheinlich Teile eines kleinen Hafens und Handelsplatzes. Menschen kamen dort an, Waren wurden bewegt, Seeleute beteten, Mönche hielten ein Feuer am Brennen, Kaufmannsschiffe suchten in der Dunkelheit nach seinem Licht.
Dann vergingen Jahrhunderte. Die Küste wanderte, das Meer kam näher, und irgendwann verschwand der ganze Ort in der Ostsee. Wenn wir heute am Gellen vorbeifahren und den kleinen Leuchtturm sehen, schauen wir deshalb auf eine Tradition, die viel älter ist als der Turm selbst. Schon vor mehr als 700 Jahren brannte hier ein Licht für die Schiffe. Nur stand es damals auf einem Stück Hiddensee, das heute unter Wasser liegt.

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