Telsche

Logbuch eines Motorseglers

Gedenksäule in Groß Stresow

Als eine Armee über den Bodden kam: Die Invasion von Rügen 1715

Foto: RügenSommer, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 DE

Landung 15./16. November 1715 ca. 19.000 Infanterie, 3.500 Kavallerie Karl XII. persönlich verwundet
Sebastian Küpers
Sebastian Küpers 20.08.2026 · 10 Min. Lesezeit

Wenn wir mit Telsche über den Greifswalder Bodden fahren, wirkt die Größe dieses Reviers manchmal täuschend. An einem klaren Tag sieht man die Küsten: Mönchgut liegt auf der einen Seite, das Festland auf der anderen, dazwischen Wasser, ein paar Segelboote, Fahrwassertonnen und irgendwo am Horizont vielleicht ein Frachter.

Jetzt muss man sich dieses Bild einmal vollkommen anders vorstellen: Keine weißen Segelyachten, keine Motorboote, keine Ausflugsschiffe. Stattdessen liegen auf dem Greifswalder Bodden Hunderte Segelschiffe und Transportfahrzeuge, an Bord Kanonen, Pferde, Munition und Tausende Soldaten. Ihr Ziel ist Rügen.

Im November 1715 war der Greifswalder Bodden Schauplatz einer der größten militärischen Landungsoperationen, die die Insel je erlebt hat. Und mittendrin stand einer der berühmtesten Könige seiner Zeit: Karl XII. von Schweden. Er wollte die Landung verhindern. Es gelang ihm nicht.

Rügen war schwedisch

Dass ein schwedischer König persönlich auf Rügen kämpfte, klingt heute zunächst ziemlich merkwürdig. Aber Rügen gehörte damals tatsächlich zu Schweden: Seit dem Westfälischen Frieden von 1648 waren große Teile Vorpommerns einschließlich Rügen Teil von Schwedisch-Pommern.

Schweden war zu dieser Zeit eine europäische Großmacht. Seine Besitzungen lagen nicht nur in Skandinavien – rund um die Ostsee kontrollierte das schwedische Reich Gebiete im heutigen Deutschland, Polen, Baltikum und Finnland. Die Ostsee war gewissermaßen das Binnenmeer dieses Imperiums.

Doch zu Beginn des 18. Jahrhunderts geriet diese Macht ins Wanken. Seit 1700 tobte der Große Nordische Krieg: Auf der einen Seite Schweden, auf der anderen zeitweise Russland, Dänemark-Norwegen, Sachsen-Polen und später auch Preußen und Hannover. Der Krieg dauerte mehr als zwanzig Jahre. Und 1715 erreichte er Rügen.

Eigentlich ging es um Stralsund

Das eigentliche Ziel der Gegner Schwedens war zunächst nicht Rügen. Es war Stralsund: Die Stadt war eine mächtige schwedische Festung und einer der wichtigsten verbliebenen Stützpunkte Schwedens auf dem europäischen Festland. Mehrere Versuche, Stralsund einzunehmen, waren bereits gescheitert.

Ein wesentlicher Grund dafür lag auf der anderen Seite des Strelasunds: Rügen. Solange die Schweden die Insel und die umliegenden Gewässer kontrollierten, konnte Stralsund von dort unterstützt und versorgt werden. Wer Stralsund wirklich isolieren wollte, musste deshalb zuerst Rügen kontrollieren.

Im Sommer 1715 begann eine neue große Offensive: Preußische, dänische und sächsische Truppen schlossen Stralsund von Land her ein, gleichzeitig wurde auf See gekämpft. Im August trafen vor Jasmund große schwedische und dänische Flotten aufeinander, im September folgten weitere Kämpfe im Greifswalder Bodden. Nach und nach verloren die Schweden die Kontrolle über die Gewässer rund um Rügen.

Damit wurde etwas möglich, das vorher viel zu riskant gewesen wäre: eine Invasion der Insel.

Eine Armee braucht ziemlich viele Schiffe

Die Dimensionen des Unternehmens waren gewaltig: Für die Eroberung Rügens wurden ungefähr 19.000 Infanteristen und 3.500 Reiter zusammengezogen, dazu kamen 26 Geschütze. Den Oberbefehl übernahm Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau, der später als der „Alte Dessauer“ berühmt wurde.

Und all diese Menschen, Pferde, Waffen und Vorräte mussten irgendwie nach Rügen gelangen. Dafür wurde eine Flotte aus ungefähr 500 Fahrzeugen zusammengestellt – keine moderne Landungsflotte, sondern Segelschiffe, Transporter, Boote, Fahrzeuge unterschiedlichster Art. Mitte Oktober versammelten sie sich im Raum Greifswald. Dann wartete die Armee auf den richtigen Moment.

Wenn man heute über den Bodden fährt, lohnt es sich, diese Zahl einmal wirken zu lassen: 500. Selbst wenn sie weit auseinander lagen, muss die Flotte einen beträchtlichen Teil des Horizonts eingenommen haben. Und dann setzte sie sich Richtung Rügen in Bewegung.

Palmer Ort

Am 11. November 1715 segelte die Invasionsflotte Richtung Rügen und konzentrierte sich zunächst vor Palmer Ort. Das finde ich fast surreal: Palmer Ort ist heute einer der stillsten Strände Rügens, ganz im Süden der Halbinsel Zudar – keine Promenade, kein großer Ferienort, ein schmaler Strand, Wald, Wasser. Wer dort steht, kann sich kaum vorstellen, dass ausgerechnet vor diesem kleinen Stück Rügen einmal Hunderte Schiffe lagen.

Aber Karl XII. wusste, dass die Gegner kommen würden. Der schwedische König hatte einen großen Teil seiner verfügbaren Truppen in diesem Bereich zusammengezogen: Infanterie, Kavallerie, Kanonen. Die Küste war zur Verteidigung vorbereitet – wenn die Alliierten hier an Land wollten, würden sie nicht einfach aus ihren Booten steigen können. Sie würden kämpfen müssen.

Palmer Ort auf der Halbinsel Zudar
Palmer Ort heute – hier konzentrierte Karl XII. seine Truppen zur Verteidigung, während die Invasionsflotte in Wahrheit weiter nach Groß Stresow zog.

Dann kommt der November

Und dann passiert etwas, das jeder kennt, der auf der Ostsee unterwegs ist: Das Wetter entscheidet mit. Ungünstiger Wind macht die geplante Operation zunächst unmöglich, die Flotte muss abdrehen beziehungsweise vor der Küste ausharren.

Tausende Männer sitzen auf ihren Transportern, Pferde stehen an Bord, Material und Geschütze warten auf die Ausschiffung. Rügen liegt direkt vor ihnen. Aber sie können nicht an Land.

Karl XII. wartet ebenfalls, seine Soldaten stehen bereit. Mehrere Tage lang passiert nichts. Und irgendwann wird klar: Eine Landung direkt vor den vorbereiteten schwedischen Stellungen bei Palmer Ort wäre extrem riskant.

Am Morgen des 15. November wird der Plan geändert: Die Infanterietransporter nehmen einen neuen Kurs. Nicht nach Westen, sondern nach Nordosten, über den Greifswalder Bodden, Richtung Groß Stresow.

Der Bodden hilft den Angreifern

Jetzt kommt das Wetter plötzlich den Alliierten entgegen: Es regnet, Nebel und Sprühregen liegen über dem Bodden, die Sicht ist schlecht. Während ein Teil der Schiffe mit der Kavallerie zunächst noch vor Palmer Ort bleibt, bewegt sich die Infanterieflotte Richtung Stresow – die Schweden bemerken die Bewegung zunächst nicht.

Karl XII. wartet weiterhin darauf, dass die große Landung dort beginnt, wo er seine Truppen konzentriert hat. Doch die Schiffe verschwinden im schlechten Wetter, und als klar wird, was passiert, sind die Alliierten bereits unterwegs.

Man muss sich diese Szene vorstellen: Hunderte Segel, Regen, Nebel. Ein ganzer militärischer Verband zieht über denselben Bodden, auf dem wir heute unsere Wochenendtörns machen. Und irgendwo an der Küste stehen schwedische Soldaten und versuchen herauszufinden, wohin diese Flotte verschwunden ist.

Zeitgenössisches Flugblatt zur Landung auf Rügen, 1715
Ein zeitgenössisches Flugblatt zur Landung der Alliierten auf Rügen im November 1715.

In Stresow wartet nur eine kleine Wache

Groß Stresow liegt einige Kilometer östlich von Putbus. Heute gibt es dort einen kleinen Naturstrand, ein paar Boote liegen vor Anker, die Küste ist flach. Und genau das machte die Bucht für eine Landung interessant – denn im Gegensatz zu Palmer Ort wartete dort keine schwedische Armee. Nach einer historischen Darstellung befand sich bei Stresow lediglich eine kleine Wachmannschaft schwedischer Dragoner.

Am frühen Nachmittag beginnen die ersten Truppen mit der Ausschiffung. Jetzt muss alles schnell gehen: Soldaten steigen in Boote, Boote fahren an den Strand, Männer gehen an Land, Waffen werden ausgeladen, Kanonen folgen. Innerhalb kurzer Zeit stehen bereits tausende Infanteristen samt Artillerie auf Rügen, insgesamt landen in den folgenden Stunden rund 15.000 alliierte Soldaten.

Die Invasion ist gelungen. Aber Leopold von Anhalt-Dessau weiß: Karl XII. wird kommen.

Also graben sie

Kaum sind die Soldaten an Land, beginnen sie damit, ihre Position zu befestigen: Erde wird aufgeworfen, Barrikaden entstehen, sogenannte Spanische Reiter – Balkenkonstruktionen mit spitzen Pfählen – werden vor den Stellungen aufgebaut. Die Truppen bilden einen befestigten Brückenkopf direkt hinter dem Strand, bis zum Abend sind die Arbeiten weit fortgeschritten.

Das ist entscheidend. Denn Karl XII. war berühmt dafür, nicht lange zu warten – seine bevorzugte Antwort auf militärische Probleme war häufig der Angriff. Und genau das tut er auch diesmal.

Der König kommt

Als Karl XII. erkennt, dass die Landung bei Stresow stattfindet, setzt er sich in Bewegung und zieht mit den verfügbaren Truppen Richtung Landungsstelle. Die genaue Stärke wird in den Quellen unterschiedlich angegeben – insgesamt verfügten die Schweden auf Rügen über ungefähr 4.500 Mann, für den unmittelbaren Angriff konnte Karl nur einen Teil davon zusammenziehen.

Zeitgenössisches Porträt Karl XII. von Schweden
Karl XII. von Schweden, der die Landung persönlich zu verhindern versuchte und bei Stresow verwundet wurde.

Auf der anderen Seite stehen inzwischen Tausende alliierte Soldaten hinter vorbereiteten Befestigungen. Eigentlich ist das Kräfteverhältnis eindeutig. Karl XII. greift trotzdem an.

In den frühen Morgenstunden des 16. November 1715, zwischen drei und vier Uhr, beginnt die Schlacht. Es ist dunkel, kalt, November auf Rügen.

Kavallerie gegen Holzpfähle

Zunächst greift die schwedische Reiterei an. Doch vor ihr stehen die Spanischen Reiter – Pferde können diese mit spitzen Pfählen bewehrten Hindernisse nicht einfach durchbrechen. Der Angriff bleibt stecken.

Dann geht die Infanterie vor, auch sie versucht, die alliierten Stellungen zu durchbrechen. Für kurze Zeit wird erbittert gekämpft. Karl XII. befindet sich mitten im Gefecht: Der schwedische König war kein Feldherr, der seine Schlachten aus sicherer Entfernung beobachtete, er setzte sich regelmäßig selbst erheblichen Risiken aus – auch bei Stresow.

Doch diesmal reicht persönlicher Mut nicht. Die alliierten Truppen halten ihre Stellung, die schwedischen Angriffe werden zurückgeschlagen. Nach nur wenigen Stunden ist die Schlacht entschieden.

Karl XII. verliert Rügen

Die Schweden erleiden schwere Verluste: Vier Generäle fallen oder werden verwundet, insgesamt verliert Schweden schätzungsweise 400 bis 600 Mann, die Alliierten 178 – 93 Dänen, 36 Sachsen, 49 Preußen. Auch Karl XII. selbst wird verletzt, ein Streifschuss an der Schulter, dazu eine Musketenkugel in der Brust. Der Angriff ist gescheitert.

Und damit ist im Grunde auch Rügen verloren. Die schwedischen Truppen ziehen sich zurück, Karl XII. gelangt wieder nach Stralsund. Die Alliierten können ihre Position auf Rügen ausbauen.

Für die schwedische Festung Stralsund hat das dramatische Folgen: Die Stadt kann nun auch von Rügen aus unter Druck gesetzt werden. Nur wenige Wochen später fällt Stralsund, Karl XII. verlässt die Stadt und kehrt nach Schweden zurück.

Die jahrzehntelange schwedische Herrschaft über Rügen ist damit zunächst beendet. Für einige Jahre übernehmen die Dänen die Kontrolle über die Insel, später wird Rügen noch einmal schwedisch. Erst 1815 wird die Insel endgültig preußisch.

Und Palmer Ort wird wieder still

Was mich an dieser Geschichte besonders fasziniert, sind nicht einmal die Könige. Es ist die Landschaft: Palmer Ort, Groß Stresow, der Greifswalder Bodden – Orte, die heute so friedlich wirken, dass man kaum eine Verbindung zu einer großen europäischen Auseinandersetzung herstellen würde.

Vor Palmer Ort standen schwedische Soldaten mit Kanonen und warteten darauf, eine Invasionsarmee zurück ins Meer zu werfen. Vor ihnen lagen Hunderte Schiffe. Dann verschwanden diese Schiffe im Novemberwetter, ein paar Stunden später gingen Tausende Soldaten bei Stresow an Land. Und noch in derselben Nacht wurde dort gekämpft. Das alles spielte sich auf wenigen Seemeilen ab.

Die Geschichte kann man heute noch besuchen

In Groß Stresow erinnert heute ein Denkmal an die Schlacht. Es gibt außerdem das sogenannte „Verräterhaus“, einen Nachbau eines historischen Gebäudes, um das sich lokale Legenden zur Landung und Schlacht ranken – das ursprüngliche Gebäude wurde nach Sturmschäden abgerissen, der heutige Nachbau ist deutlich jünger.

Gedenksäule in Groß Stresow
Die Gedenksäule in Groß Stresow, die an die Landung und Schlacht vom 15./16. November 1715 erinnert.

Aber eigentlich braucht man für diese Geschichte kein Denkmal. Man muss nur an den Strand gehen. Oder noch besser: aufs Wasser. Denn vom Greifswalder Bodden aus versteht man plötzlich die Dimension der Operation: Dort liegt Palmer Ort, dort drüben Stresow, dazwischen das Wasser. Und über genau dieses Wasser kam eine Armee.

Wenn am Horizont plötzlich 500 Segel auftauchen

Vielleicht ist das das Bild, das bei mir von dieser Geschichte hängen bleibt: Wir liegen mit Telsche irgendwo auf dem Greifswalder Bodden, vielleicht bei wenig Wind. Am Horizont taucht ein Segel auf, dann ein zweites, noch eins, und noch eins – bis irgendwann der ganze Horizont voller Schiffe ist.

500 Fahrzeuge, darauf mehr als 20.000 Soldaten und Reiter, dazu Pferde, Geschütze und Material. Natürlich sah die Flotte nicht aus wie eine moderne Armada – es waren unterschiedliche Transportfahrzeuge, Segelschiffe und kleinere Boote. Aber gerade deshalb muss der Anblick gewaltig gewesen sein.

Heute würde so etwas innerhalb von Minuten auf unseren Displays auftauchen: AIS-Ziele, Radar, Funkmeldungen. 1715 stand irgendwo an Rügens Küste ein Mann und schaute aufs Meer. Und erkannte: Da kommt eine Armee.

Seit ich diese Geschichte kenne, fällt es mir schwer, Palmer Ort nur noch als kleinen stillen Strand zu sehen. Und Groß Stresow nicht mehr nur als schöne Bucht. Denn manchmal braucht es gar keine Ruine und kein Wrack, damit Geschichte sichtbar wird. Manchmal reicht es zu wissen, was einmal über dieses Wasser gekommen ist.

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