Steadying Mizzen: Ein kleines Segel mit langer Geschichte

Als ich das erste Mal eine Fisher Potter 25 mit einem Steadying Mizzen sah, war ich irritiert. Nur ein Mast, ganz achtern, ohne Großsegel. Ein Segelboot, das keines sein wollte – oder doch? Dieses kleine Tuch am Besanmast trägt den etwas sperrigen Namen Steadying Mizzen. Und obwohl es unscheinbar wirkt, hat es eine erstaunlich lange Geschichte und bis heute eine sehr konkrete Aufgabe: es macht Schiffe ruhiger, berechenbarer und angenehmer.

Fisher Potter 25 mit Steadying Mizzen
Fisher Potter 25 mit Steadying Mizzen

Geschichte des Steadying Mizzen: Von Fischerbooten bis Motorsegler

Die Idee, ein kleines Segel ganz achtern zu setzen, ist keineswegs neu. Schon im 19. Jahrhundert führten britische und irische Fischerboote – Smacks, Luggers, Dandy-Riggs – ein solches Segel. Es half, die Boote in Balance zu halten, während an Deck gearbeitet wurde. Als die Dampfmaschinen Einzug hielten und die großen Segel verschwanden, blieb die kleine Mizzen überraschend oft erhalten. Sie hatte sich als nützlich erwiesen: Beim Driften mit ausgelegten Netzen stellte sie sicher, dass das Boot brav zum Wind lag und nicht unruhig schaukelte. Die große Zeit der Segel war vorbei, aber dieses kleine Stück Tuch durfte bleiben.

Lugger mit Steadying Mizzen
Lugger mit Steadying Mizzen

Auch viele der frühen Motorfischerboote übernahmen dieses Prinzip. Der Mast war ohnehin praktisch – für Antennen, für Davits, für Flaggen. Warum also nicht auch ein Segel, das das Leben an Bord etwas angenehmer machte?

Ketsch, Yawl und der kleine Bruder

Wer heute von Besan spricht, denkt meist an Ketsch oder Yawl. Der Unterschied ist simpel: Beim Ketsch steht der Besanmast vor dem Ruderschaft, beim Yawl dahinter. Beim Ketsch ist er groß genug, um spürbar Vortrieb zu liefern. Beim Yawl ist er eher winzig, ein Trimmsegel, das das Boot ausbalanciert.

Fisher 30 Northeaster - unsere Telsche
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Das Steadying Mizzen aber gehört zu keiner dieser Kategorien so recht. Es ist noch kleiner als das Yawl-Segel, und es will gar nicht antreiben. Sein einziger Zweck ist, das Boot zu beruhigen – sei es beim Motoren, beim Driften oder am Anker. In gewisser Weise ist es der unscheinbare kleine Bruder, der sich aus den großen Riggs ausgeklinkt hat und sein eigenes Leben führt.

Wichtig ist die Abgrenzung: Die klassischen Motorsegler der 70er- und 80er-Jahre – die sogenannten Fifty-Fifty – hatten in der Regel vollwertige Riggs und waren zum Segeln ebenso gedacht wie zum Motoren. Ein Steadying Mizzen tauchte eher auf Booten auf, die stärker auf Motorkraft setzten und das Segel nur als Stabilisierung nutzten.

Wie funktioniert ein Steadying Mizzen?

Warum funktioniert so ein kleines Segel überhaupt? Die Erklärung ist erstaunlich einfach. Sobald ein Boot rollt, ändert sich der Winkel, mit dem der Wind auf das Segel trifft. Das Segel reagiert sofort: Es baut eine kleine Gegenkraft auf, die der Bewegung entgegenwirkt. Dadurch verliert die Rollbewegung Energie, das Boot beruhigt sich. Gleichzeitig verschiebt der Besan den aerodynamischen Druckpunkt leicht nach achtern – das Schiff richtet sich stabiler in den Wind aus, es „giert“ weniger.

Fisher Potter 25
Fisher Potter 25

Natürlich hat das seine Grenzen. Ohne Wind gibt es keine Wirkung. Und bei achterlichem Seegang nimmt der Effekt deutlich ab. Aber in vielen Alltagssituationen spürt man den Unterschied sofort: Das Boot läuft ruhiger, das Ruder fühlt sich leichter an, und selbst am Ankerplatz liegt man gleich entspannter.

Trawler und Motorsegler mit Steadying Mizzen

In den 1970er- und 80er-Jahren war es bei Trawler-Yachten fast schon Mode, einen Mast für ein Steadying-Segel zu haben. Grand Banks, Willard, Marine Trader, Monk – sie alle boten diese Option an. Nicht als zweites vollwertiges Rigg, sondern als kleines Extra für mehr Komfort. Ein Stück Tradition, das auch praktisch war.

Kleiner Trawler Segel zur Stabilisierung
Kleiner Trawler Segel zur Stabilisierung

Und dann ist da die Fisher Potter 25 – ein Motorsegler, der zunächst tatsächlich nur mit einem Steadying Mizzen ausgeliefert wurde. Kein Großmast, kein Vorsegel – nur das kleine Tuch achtern. Später kamen Ketsch-Versionen dazu, doch die frühen Boote zeigten, wie ernst man dieses Konzept nahm. Gerade damit unterscheidet sie sich von den üblichen Fifty-Fifty-Motorseglern, die ohne vollwertiges Rigg nicht denkbar gewesen wären.


Alternativen zur Rollstabilisierung für Motorsegler

Natürlich gibt es auch andere Möglichkeiten, ein Boot am Rollen zu hindern. Fischer nutzten seit jeher Paravanes – Flügel, die an Auslegern ins Wasser gehängt werden und durch Widerstand die Rollbewegung bremsen. Heute setzen viele Yachten auf aktive Flossenstabilisatoren, hydraulisch gesteuert, die unter Fahrt sehr effektiv sind. Oder auf Gyroskope wie den Seakeeper, die auch am Ankerplatz für Ruhe sorgen. Und schließlich gibt es stille, unsichtbare Lösungen: Bilge Keels oder spezielle Rumpfformen, die das Rollen von vornherein dämpfen.

Paravanes bei einer Trawler Yacht
Paravanes bei einer Trawler Yacht

All diese Systeme haben ihre Vor- und Nachteile. Paravanes sind robust, aber sperrig. Flossen und Gyros sind hocheffektiv, aber teuer und wartungsintensiv. Der Steadying Mizzen ist da fast sympathisch schlicht: ein Stück Segeltuch, das ohne Strom, Hydraulik oder Mechanik für spürbar mehr Komfort sorgt – solange ein Hauch Wind weht.


Besan am Ankerplatz: Stabilität durch Steadying Mizzen

Viele Ketsch- und Yawl-Segler kennen es: Den Besan am Ankerplatz zu setzen, kann Wunder wirken. Plötzlich schwojt das Boot weniger, die Ankerkette knarrt nicht mehr bei jeder Böe, und der Bug bleibt ruhiger im Wind. Das Steadying Mizzen erfüllt hier dieselbe Rolle wie ein Riding Sail am Achterstag – nur eben eleganter, weil der Mast schon da ist. Wer es einmal ausprobiert hat, will es kaum missen.

Riding Sail statt Steadying Mizzen
Riding Sail statt Steadying Mizzen

Fazit: Kleine Segel, große Wirkung

Das Steadying Mizzen ist kein Star, kein Segel fürs Logbuch. Es ist ein stiller Helfer, der das Leben an Bord angenehmer macht. Seine Wurzeln reichen zurück zu den Fischern des 19. Jahrhunderts, es überdauerte die Ära der Dampfer, fand seinen Platz auf Trawlern und vereinzelten Motorseglern – und es hat bis heute nicht an Charme verloren.

Gerade bei Booten wie der Fisher Potter 25 zeigt es: Manchmal reicht ein kleines Stück Tuch, um den Unterschied zwischen unruhiger Fahrt und entspanntem Törn auszumachen.


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FAQ – Häufig gestellte Fragen

Was genau ist ein Steadying Mizzen?

Ein kleines Besansegel am achteren Mast, das nicht für Vortrieb gedacht ist, sondern ausschließlich zur Stabilisierung des Bootes dient.

Hilft das Steadying Mizzen auch am Ankerplatz?

Ja. Es wirkt ähnlich wie ein Riding Sail, verhindert starkes Schwojen und reduziert die Last auf der Ankerkette.

Wie unterscheidet sich ein Steadying Mizzen vom Besan einer Ketsch?

Beim Ketsch ist der Besan groß genug, um Vortrieb zu leisten und Teil des Segelplans zu sein. Das Steadying Mizzen hingegen ist klein und dient nur der Beruhigung.

Haben alle Motorsegler ein Steadying Mizzen?

Nein. Die meisten Motorsegler – etwa die klassischen Fifty-Fifty – haben vollwertige Riggs und nutzen ihre Segel auch für Vortrieb. Ein Steadying Mizzen findet sich eher bei Booten, die stärker auf Motorkraft setzen und das Segel nur zur Stabilisierung führen.

Welche Alternativen zum Steadying Mizzen gibt es?

Paravanes (Flopperstopper), aktive Fin-Stabilisatoren, Gyros wie Seakeeper oder spezielle Rumpfformen (Bilge Keels). Sie sind oft effektiver, aber teurer oder aufwendiger.

Bringt ein Steadying Mizzen auch Vortrieb?

Nein. Anders als beim Ketsch-Besan erzeugt das Steadying Mizzen keinen spürbaren Vortrieb. Sein einziger Zweck ist die Stabilisierung und Balance.

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