Telsche

Logbuch eines Motorseglers

Blick von Altefähr auf Stralsund mit dem Trajekt, 1925

Als Eisenbahnwaggons über den Strelasund fuhren

Bildquelle: Gemeinde Altefähr, mit freundlicher Genehmigung

1883–1936 in Betrieb erstes Schiff PRINZ HEINRICH, 36 m über 90.000 Fahrgäste im ersten Jahr
Sebastian Küpers
Sebastian Küpers 19.08.2026 · 7 Min. Lesezeit

Wenn wir mit Telsche durch den Strelasund fahren, schaut man irgendwann automatisch nach oben. Die neue Rügenbrücke spannt sich weit über das Wasser, direkt daneben liegt der alte Rügendamm. Autos und Züge überqueren heute den Sund, und eigentlich denkt niemand mehr groß darüber nach.

Dabei ist Rügen eine Insel – auch wenn sie sich an dieser Stelle kaum noch wie eine anfühlt. Das war über Jahrhunderte vollkommen anders: Wer nach Rügen wollte, kam am Wasser nicht vorbei. Menschen mussten übersetzen, Pferde mussten übersetzen, Kutschen und Waren mussten übersetzen.

Und als schließlich die Eisenbahn Rügen erreichte, stand man vor einem ziemlich offensichtlichen Problem: Wie bekommt man einen Zug über den Strelasund? Die Antwort war erstaunlich einfach – man fuhr die Eisenbahnwaggons auf ein Schiff.

Als Rügen wirklich noch eine Insel war

Die Verbindung zwischen Stralsund und Altefähr ist sehr viel älter als die Eisenbahn – Altefähr verdankt ihr sogar seinen Namen. Bereits 1240 taucht eine alte Fährverbindung nach Rügen in einer Urkunde auf, und über Jahrhunderte war die Überfahrt über den Strelasund eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Rügen und dem Festland. Heute beträgt die Distanz nur wenige Minuten mit dem Auto, damals endete die Straße am Wasser.

Wie sich das angefühlt haben muss, wissen wir erstaunlich genau, weil Reisende ihre Erlebnisse aufschrieben. 1797 beschrieb der Berliner Verleger Johann Carl Friedrich Rellstab eine Reise nach Rügen: Wer mit Pferd und Wagen übersetzen wollte, musste in Stralsund bereits am Vorabend ein geeignetes Boot bestellen, bei zu stürmischem Wetter wurde gar nicht gefahren. Ein anderer Reisender desselben Jahres, der Berliner Konsistorialrat Johann Friedrich Zöllner, beschrieb das Fährschiff als einen breiten, flachen Prahm, den die Fährleute ruderten – 43 Minuten brauchte Zöllner über den Strelasund, dann ging es mit der Kutsche weiter über Rügen.

Wenn wir heute mit Telsche hier entlangfahren, finde ich allein diese Vorstellung schon großartig: Stralsund auf der einen Seite, Altefähr auf der anderen. Kein Rügendamm, keine Rügenbrücke, keine Autos – nur Wasser, und irgendwo darauf ein flacher Prahm mit Reisenden, Pferden und Wagen.

Dann kommt die Eisenbahn

Im 19. Jahrhundert verändert die Eisenbahn Deutschland: 1863 erreicht die Bahn Stralsund, wenig später reichen die Gleise bis zum Hafen. Aber Rügen liegt immer noch auf der anderen Seite des Wassers. Natürlich denkt man über eine Brücke nach, unter anderem wird eine Verbindung über den Dänholm diskutiert – doch die erscheint zu teuer. Also entscheidet man sich für eine andere Lösung: Die Eisenbahn soll schwimmen.

1882 beginnen die Bauarbeiten für eine Trajektverbindung zwischen dem Stralsunder Hafen und Altefähr. Auf beiden Seiten entstehen Gleisanlagen und Fährstellen, die Fahrrinne wird vertieft. Im November 1882 trifft aus Elbing das erste eigens dafür gebaute Trajektschiff ein, sein Name: Prinz Heinrich.

Bevor es ernst wird, muss das Schiff beweisen, dass es mit den Bedingungen im Strelasund zurechtkommt. Es gibt Probefahrten – ausdrücklich auch im Eis –, Ende Dezember wird die Anlage abgenommen. Jetzt kann der Zug kommen.

Blick von Altefähr auf Stralsund mit dem Trajekt, 1925
Blick von Altefähr auf Stralsund mit dem Trajekt, 1925.

1. Juli 1883: Der erste Zug fährt aufs Schiff

Am 1. Juli 1883 ist es so weit: Ein festlich geschmückter Zug kommt aus Bergen in Altefähr an, aber seine Reise endet dort nicht. Die Waggons werden auf die Prinz Heinrich rangiert, dann legt das Schiff ab und fährt mit den Eisenbahnwagen an Bord über den Strelasund nach Stralsund. Der Eisenbahnverkehr zwischen Rügen und dem Festland hat begonnen.

Wer sich moderne Eisenbahnfähren vorstellt, überschätzt die Dimensionen der ersten Schiffe gewaltig: Die Prinz Heinrich war nur ungefähr 36 Meter lang, auf das Schiff passten gerade einmal drei Eisenbahnwagen, dazu konnten etwa 250 Reisende mitgenommen werden. Das muss ein fantastischer Anblick gewesen sein – ein paar Waggons, darunter ein Dampfschiff, und dahinter die Silhouette von Stralsund.

Das Trajekt zwischen Altefähr und Stralsund
Das Trajekt zwischen Altefähr und Stralsund, mit Eisenbahnwagen an Bord.

Mit dem Zug aufs Schiff

Technisch war das Ganze ziemlich handfest: Die Waggons wurden über den Bug auf die Fähre rangiert, auf dem Schiff verlief ein Gleis, und am anderen Ende des Strelasunds wurden die Wagen wieder an Land gebracht. Bei späteren Fähren dieser Bauart musste das Schiff für diesen Vorgang sogar wenden, weil Be- und Entladung über denselben Bug erfolgten.

Auch die Reisenden erlebten die Überfahrt anders, als wir heute eine Zugfahrt erleben würden: Während der Überfahrt mussten sie die Eisenbahnwagen verlassen, auf den Fähren gab es getrennte Aufenthaltsräume für die verschiedenen Wagenklassen. Die eigentliche Strecke über das Wasser war mit rund zweieinhalb Kilometern nicht besonders lang, trotzdem dauerte eine Überfahrt mit den notwendigen Rangier- und Wendemanövern ungefähr 35 Minuten. Damit war die Eisenbahn zwar auf Rügen angekommen – aber jede Zugreise hatte weiterhin eine kleine Seereise eingebaut.

Und die Leute wollten nach Rügen

Offenbar sehr viele: Die Planer hatten mit einigen Zehntausend Passagieren pro Jahr gerechnet, tatsächlich wurden bereits im ersten Betriebsjahr mehr als 90.000 Menschen übergesetzt. Und es waren natürlich nicht nur Menschen – mit den Fähren kamen und gingen landwirtschaftliche Produkte, Holz, Kalk, Kreide und Post.

Der Verkehr wächst: Schon Ende 1883 kommt mit der Rügen ein zweites Trajektschiff hinzu, 1890 folgt die Stralsund. Spätere Fähren werden immer größer – die 1898 eingesetzte Putbus ist bereits 81 Meter lang und kann acht Eisenbahnwagen transportieren. Aus einer pragmatischen Lösung wird eine wichtige Verkehrsverbindung, und dann bekommt sie internationale Bedeutung.

Die Stralsund im Museumshafen Wolgast, das 1890 gebaute dritte Trajektschiff
Die Stralsund im Museumshafen Wolgast – das 1890 gebaute dritte Trajektschiff, heute erhalten als Museumsschiff.

Von Berlin über Rügen nach Stockholm

1891 erreicht die Eisenbahn Sassnitz, 1897 wird die Strecke bis zum Hafen verlängert, und 1909 eröffnet die berühmte Königslinie zwischen Sassnitz und Trelleborg. Damit wird die kleine Eisenbahnfähre über den Strelasund plötzlich Teil einer viel größeren Verbindung: Reisende können von Berlin Richtung Schweden fahren, und auf dem Weg nach Stockholm müssen ihre Züge gleich zweimal mit dem Wasser zurechtkommen – zunächst über den Strelasund nach Rügen, später mit der Eisenbahnfähre über die Ostsee nach Schweden.

Altefähr wird damit Teil einer internationalen Verkehrsachse. Das kleine Fährdorf erlebt einen enormen Aufschwung: Hotels und Gaststätten entstehen, dazu Geschäfte, Bäckereien und andere Betriebe, und Altefähr entwickelt sich gleichzeitig zu einem beliebten Ausflugs- und Badeort für die Stralsunder. Das Wasser, das Rügen vom Festland trennt, ist längst nicht mehr nur Hindernis – es ist Teil des Verkehrssystems geworden.

Aber irgendwann reicht die Fähre nicht mehr

Je mehr Menschen und Waren nach Rügen wollen, desto offensichtlicher wird das Problem: Jeder einzelne Eisenbahnwagen muss auf ein Schiff, das Schiff muss den Sund überqueren, die Wagen müssen wieder herunter – und dann kommt der nächste Zug. Was 1883 genial war, wird mit wachsendem Verkehr zum Flaschenhals, und die Idee einer festen Verbindung verschwindet deshalb nie.

Anfang der 1930er-Jahre wird sie schließlich Wirklichkeit: Zwischen Stralsund und Rügen entsteht der Rügendamm, eine Kombination aus Dämmen und Brücken über den Ziegelgraben, den Dänholm und den Strelasund. Am 5. Oktober 1936 fährt der erste reguläre Zug über die neue Verbindung, der Trajektverkehr wird eingestellt. Nach mehr als einem halben Jahrhundert müssen Eisenbahnwaggons nicht mehr schwimmen.

Eine zeitgenössische Zeitung formuliert den Einschnitt damals bemerkenswert drastisch: Mit dem Rügendamm sei Rügen nun „keine Insel im eigentlichen Sinne“ mehr. Natürlich blieb Rügen geografisch eine Insel, aber für die Menschen änderte sich etwas Grundsätzliches – zum ersten Mal konnte ein Zug vom Festland nach Rügen fahren, ohne zwischendurch auf ein Schiff zu müssen.

Die Brücke zum Rügendamm in Stralsund, 1963
Die Brücke zum Rügendamm in Stralsund, 1963 – die feste Verbindung, die das Trajekt ablöste.

Und heute fahren wir darunter durch

Wenn wir heute mit Telsche durch den Strelasund fahren, liegen mehr als 700 Jahre Verkehrsgeschichte praktisch übereinander. Irgendwo hier ruderten Fährleute ihre Prahme mit Menschen, Pferden und Wagen über das Wasser, später dampften kleine Fährschiffe mit drei Eisenbahnwaggons über den Sund, dann kam der Rügendamm – und seit 2007 spannt sich zusätzlich die große Rügenbrücke über das Wasser.

Vom Boot aus kann man diese Entwicklung ziemlich gut sehen: Wasser unten, Rügendamm daneben, Rügenbrücke darüber – nur das Eisenbahntrajekt ist verschwunden. Und genau das finde ich an dieser Geschichte so schön, denn wenn wir heute unter den Brücken hindurchfahren, erscheint die Verbindung zwischen Rügen und dem Festland vollkommen selbstverständlich.

Dabei war dieses schmale Stück Wasser über Jahrhunderte eine Grenze, an der jede Reise unterbrochen wurde: Man musste warten, umladen, übersetzen, auf Wetter und Eis hoffen. Und irgendwann war die Technik so weit, dass man sich eine ziemlich wunderbare Zwischenlösung ausdachte – wenn wir die Eisenbahn nicht über das Wasser bekommen, fahren wir sie eben auf ein Schiff. Seit ich das weiß, sieht der Strelasund für mich ein bisschen anders aus.

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