Hiddensee ist einer dieser Orte, die sich wie Freiheit anfühlen: Keine Autos, viel Himmel, Dünen, Strand – und westlich der Insel nur noch die offene Ostsee. Wenn wir heute mit dem Boot nach Hiddensee fahren, ist genau das ein Teil der Faszination: Hinter dem Hafen beginnt das Meer, irgendwo dort draußen liegt Dänemark.
In der DDR bedeutete dieser Horizont etwas vollkommen anderes. Denn das Meer vor Hiddensee war nicht einfach offene See. Es war eine Staatsgrenze. Und wer hinausfuhr, ohne zurückkommen zu wollen, riskierte sein Leben.
Im November 1986 standen zwei junge Männer am südlichen Ende Hiddensees. Vor ihnen lagen ungefähr 70 Kilometer Ostsee. Es war kalt, es war windig, und sie hatten weder Boot noch Motor – nur zwei selbstgebaute Surfbretter. Auf der anderen Seite lag die dänische Insel Møn.
Eine Insel am Rand eines Staates
Hiddensee hatte in der DDR eine merkwürdige Doppelrolle. Die Insel war Sehnsuchtsort: Künstler kamen hierher, Schriftsteller, Intellektuelle, Urlauber, die Ruhe suchten. Die autofreie Insel galt als ein Ort, an dem man sich dem Alltag ein wenig entziehen konnte.
Gleichzeitig lag Hiddensee mitten im Grenzgebiet. Wer ohne registrierte Unterkunft auf der Insel bleiben wollte, konnte Schwierigkeiten bekommen – die Nähe zu Dänemark machte Hiddensee für die DDR-Sicherheitsorgane besonders sensibel.
Denn von der Westküste aus lag zwischen einem Menschen und dem Westen keine Mauer. Kein Stacheldraht, kein Minenfeld – nur Wasser. Das konnte verführerisch wirken. Und genau deshalb wurde auch die Ostseeküste bewacht.
Die unsichtbare Mauer
Nach dem Bau der Berliner Mauer und der immer stärkeren Sicherung der innerdeutschen Grenze suchten Menschen andere Wege aus der DDR. Einer davon führte über die Ostsee. Auf den ersten Blick schien das vielleicht sogar einfacher – man musste keine Mauer überwinden.
Aber die Ostsee war eine brutale Grenze: Kaltes Wasser, Strömung, Wind, Wellen, große Distanzen. Und dahinter ein staatliches Grenzsystem, das Fluchtversuche verhindern sollte.
Tausende Menschen versuchten während der DDR-Zeit dennoch, über die Ostsee zu fliehen. Viele wurden festgenommen, andere starben. Auch an den Stränden Hiddensees wurden Tote gescheiterter Fluchtversuche gefunden. Vor diesem Hintergrund muss man verstehen, was Karsten Klünder und Dirk Deckert 1986 vorhatten.

Zwei Männer wollen weg
Karsten Klünder und Dirk Deckert waren begeisterte Surfer. Und sie wollten die DDR verlassen – vor allem wollten sie etwas, das für uns heute vollkommen selbstverständlich klingt: reisen, segeln, surfen, selbst entscheiden, wohin sie fahren.
Also entstand ein Plan: Wenn sie fliehen würden, dann mit etwas, das sie beherrschten – mit einem Surfbrett. Ursprünglich wollten sie erst im Mai 1987 starten, wenn das Wasser wärmer ist. Doch dann bekam Deckert einen Einberufungsbescheid der NVA, und der Plan musste vorgezogen werden.
Nur konnte man nicht einfach in einen Laden gehen und sich die passende Hochseeausrüstung kaufen. Also bauten sie sie selbst.
Styropor, Bauplane und Hochsprungstangen
Allein die Materialliste klingt heute absurd: Die Bretter bauten die beiden aus Styropor-Bauisolierplatten, als Vorlage dienten Informationen über moderne Funboards aus einer westlichen Zeitschrift. Für die Masten verwendeten sie Hochsprungstangen, die Segel entstanden aus Bauplanen.
Und mit dieser selbstgebauten Ausrüstung wollten sie nicht über einen See fahren. Sie wollten im November über die Ostsee. Von Hiddensee nach Dänemark. Ungefähr 70 Kilometer.
Erst einmal mussten sie überhaupt nach Hiddensee
Schon der Weg zum Startpunkt war Teil des Problems: Einfach mit zwei verdächtig aussehenden Surfbrettern auf die streng überwachte Insel zu fahren, wäre keine besonders gute Idee gewesen. Die beiden reisten deshalb als ganz gewöhnliche Ost-Touristen nach Hiddensee und versteckten dort ihre selbstgebaute Ausrüstung.
Am südlichen Ende der Insel liegt der Gellen: flaches Land, Strand, dahinter offene Ostsee. Von hier aus sollte die eigentliche Flucht beginnen. Und der Zeitpunkt war bewusst gewählt – November, eine Jahreszeit, in der kaum jemand freiwillig mit einem Surfbrett vor Hiddensee unterwegs sein würde.
Vor Sonnenaufgang
Am Morgen des 25. November 1986 gehen die beiden ins Wasser, noch vor Sonnenaufgang. Vor ihnen liegt Dunkelheit, hinter ihnen die DDR. Der Plan ist einfach und vollkommen verrückt: Westen, Møn, so schnell wie möglich.
Bei guten Bedingungen kann ein schnelles Surfbrett erstaunliche Geschwindigkeiten erreichen. Aber 70 Kilometer offene Ostsee sind etwas völlig anderes als ein Nachmittag auf einem Surfspot: Ein gebrochener Mast, ein kaputtes Segel, ein Sturz, ein Krampf, eine Verletzung, Orientierungsverlust – jedes dieser Probleme konnte weit draußen auf See lebensgefährlich werden. Und eines davon passiert fast sofort.
Dirks Anzug reißt
Noch in der Brandung beschädigt Dirk Deckert seinen Kälteschutzanzug. Das ist keine Kleinigkeit: Im November ist die Ostsee so kalt, dass ein längerer Aufenthalt im Wasser ohne ausreichenden Schutz schnell lebensbedrohlich werden kann. Dazu verliert er seinen Kompass.
Deckert muss entscheiden: Weiterfahren und hoffen? Oder zurück? Er kehrt um. Karsten Klünder ist zu diesem Zeitpunkt bereits weiter draußen. Die beiden verlieren sich – und plötzlich wird aus der gemeinsamen Flucht eine Solofahrt.
Jetzt gibt es nur noch Westen
Klünder fährt weiter. Hinter ihm verschwindet Hiddensee, vor ihm ist zunächst nichts – keine Küste, kein Hafen, nur Ostsee. Und irgendwo hinter dem Horizont Dänemark.
Das ist der Punkt dieser Geschichte, den ich mir kaum vorstellen kann. Heute würden wir bei so einer Fahrt wahrscheinlich einen Plotter oder wenigstens ein GPS-Gerät dabeihaben, wir würden unsere Position kennen, wir könnten Entfernung und Kurs ablesen. Wir hätten ein Mobiltelefon, eine Rettungsweste, vielleicht eine Seenotbake.
Klünder hat ein selbstgebautes Surfbrett. Und einen Kurs. Mehr nicht.
Vier Stunden auf der Ostsee
Klünder hält durch. Ungefähr vier Stunden benötigt er für die Überfahrt, dann erscheint Land: Møn, Dänemark. Er landet beim kleinen Hafen Klintholm, wo ihm der dänische Hafenmeister Erik Jensen hilft. Nach rund 70 Kilometern auf der Ostsee hat er tatsächlich den Westen erreicht.
Aber die Erleichterung hält nicht lange. Denn Dirk ist nicht da. Klünder weiß nicht, dass sein Freund umgekehrt ist – er weiß nur: Sie sind zusammen gestartet. Und nur einer ist angekommen.
Wo ist Dirk?
Für Klünder beginnt nun eine andere Art von Angst. Er meldet seinen Freund als vermisst, auf dänischer Seite beginnt die Suche. Aber Deckert befindet sich gar nicht irgendwo hilflos auf der Ostsee – er ist zurückgekehrt.
Und er hat ein Problem: Sein Freund ist weg. Wenn Karsten es geschafft hat, befindet er sich jetzt in Dänemark. Wenn nicht, ist er vielleicht tot.
Deckert könnte an diesem Punkt aufgeben: Der gemeinsame Plan ist gescheitert, die DDR ist alarmiert oder könnte es zumindest jederzeit sein, seine Ausrüstung hat bereits versagt, und er weiß jetzt aus eigener Erfahrung, wie kalt dieses Wasser ist. Er entscheidet sich trotzdem dafür, es noch einmal zu versuchen.
Am nächsten Morgen wieder ins Wasser
Einen Tag später, am 26. November, startet Dirk Deckert erneut – wieder vom Gellen, wieder Richtung Dänemark, wieder ungefähr 70 Kilometer offene Ostsee. Erschöpft wird er rund 33 Kilometer vor der dänischen Küste vom dänischen Kapitän Larsen Find gefunden und aufgenommen.
Aus einem gemeinsamen Fluchtversuch sind damit zwei einzelne Überfahrten geworden: Zwei Männer, zwei Tage, zweimal Hiddensee, zweimal rund 70 Kilometer Ostsee. Und beide kommen an. Im Aufnahmelager Gießen treffen sich Klünder und Deckert schließlich wieder. Es gilt als die einzige bekannte erfolgreiche DDR-Flucht über die Ostsee mit einem Surfbrett.

Nicht jede Geschichte endete so
So spektakulär diese Flucht ist, man darf sie nicht als Abenteuerromantik erzählen. Denn viele andere Menschen, die denselben Horizont betrachteten, hatten dieses Glück nicht: Sie versuchten es mit Faltbooten, mit Schlauchbooten, schwimmend, mit selbstgebauten Fahrzeugen. Manche wurden entdeckt und festgenommen, manche verschwanden, manche Leichen wurden später an den Küsten gefunden.
Auch Hiddensee war damit nicht nur Ausgangspunkt einer spektakulär gelungenen Flucht. Die Insel war Teil einer Grenze, an der Menschen starben.
Und genau deshalb wirkt Hiddensee heute so anders
Vielleicht ist das der Teil dieser Geschichte, der am stärksten mit der Gegenwart kollidiert. Heute stehen wir auf Hiddensee am Strand und schauen aufs Meer, niemand fragt uns, warum. Wir können ein Boot nehmen, wir können nach Dänemark segeln, wir können Kurs auf Møn setzen. Wir können dort anlegen, essen gehen und am nächsten Morgen weiterfahren. Es ist vollkommen normal.
1986 war derselbe Horizont für einen DDR-Bürger das Ende seiner Welt. Dahinter begann ein anderes Land – nicht theoretisch, ganz real. Nur 70 Kilometer entfernt. Und trotzdem für die meisten Menschen unerreichbar.
70 Kilometer sind auf See plötzlich sehr viel
Mit Telsche sind 70 Kilometer keine gewaltige Distanz: Knapp 38 Seemeilen, ein längerer Segeltag, mit Navigation, Funk, Motor, Wettervorhersage und einem richtigen Schiff.
Auf einem selbstgebauten Surfbrett sieht dieselbe Entfernung vollkommen anders aus: Keine Kajüte, keinen Motor, kein Deck, keine Reling – nur ein Brett zwischen einem Menschen und der Ostsee.
Vielleicht ist genau deshalb diese Geschichte so stark: Sie macht etwas Abstraktes plötzlich messbar. Die Entfernung zwischen DDR und Freiheit betrug an diesem Morgen ungefähr: 70 Kilometer.
Wenn wir heute nach Westen schauen
Wenn wir das nächste Mal mit Telsche an Hiddensee vorbeifahren, werde ich wahrscheinlich irgendwann nach Westen schauen. Richtung Dänemark. Vielleicht sieht man nichts, nur Horizont. Und irgendwo dort draußen liegt Møn. Heute ist das einfach ein mögliches Ziel auf der Seekarte.
1986 standen zwei Männer am Gellen und betrachteten genau diese Richtung. Sie hatten ihre Bretter aus Dämmplatten gebaut, ihre Segel aus Bauplane, ihre Masten aus Hochsprungstangen. Dann gingen sie im November ins Wasser.
Der erste Versuch trennte sie: Einer fuhr weiter, der andere musste zurück. Am nächsten Morgen versuchte er es noch einmal. Und beide erreichten Dänemark.
Heute kann jeder von uns über dieselbe Ostsee fahren und wieder zurückkommen. Vielleicht ist genau das die Freiheit, die man am wenigsten bemerkt: dass hinter dem Horizont keine Grenze mehr wartet.

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